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Debatte um deutsche Identität : Der Karfreitag gehört zu Deutschland

Das Kreuz – das Symbol der Kirche Bild: dpa

In der christlichen Religion wird nicht die erhabene Stärke eines allmächtigen Gottes verehrt, sondern ein verlassen am Kreuz hängender Sterbender. Dieses Kreuz ist auch eine Absage an breitbeinige Behauptungen eigener Christlichkeit. Denn wer sich auf das Christentum beruft, kann sich nicht gleichzeitig vom Leid der Welt abgrenzen. Ein Kommentar.

          Seit Tagen wird in Deutschland lebhaft und fruchtlos darüber gestritten, ob der Islam zu Deutschland gehöre oder nicht. Die Debatte ist lebhaft, weil die Nachfrage nach kultureller Selbstvergewisserung offenbar in aller Welt im Steigen begriffen ist und polarisierende Auseinandersetzungen über Identitätsfragen offenbar politisch gewinnversprechend sind. Sie bleibt aber auch fruchtlos, weil sich auf Grundlage einer schwammigen Formulierung, mit welcher der frühere Bundespräsident Christian Wulff im Ergebnis weder sich selbst noch den Muslimen einen Gefallen getan hat, kaum sinnvoll streiten lässt.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Der österliche Bogen vom Gründonnerstag bis zum Ostermontag gibt nun vielleicht Anlass, über die in der Debatte ebenfalls oft beschworene „christliche Prägung“ unseres Landes nachzudenken. Was das Christentum als Religion und als prägende kulturelle Kraft ausmacht, verdichtet sich dabei vor allem am Karfreitag, dem Tag des Kreuzestodes Jesu. Die katholische Karfreitagsliturgie, die eine Verehrung des Kreuzes durch Niederknien vorsieht, macht besonders augenfällig, worum es geht: In der christlichen Religion wird nicht die erhabene Stärke eines mit Allmacht gepanzerten Gottes verehrt, sondern ein verlassen am Kreuz hängender Sterbender. Das Niederknien vor dem Kreuz macht deutlich, dass es beim Christentum um ein verändertes Verständnis von Macht geht. Die Stärke Gottes besteht nicht darin, dass er allen Niederungen enthoben ist, sondern sie besteht im Gegenteil darin, dass er sich ihnen aussetzt.

          Was daraus für das Verhältnis der Menschen untereinander folgt, verdeutlicht eindrücklich die Fußwaschung, die in einigen Kirchen am Gründonnerstag praktiziert wird. Das Ritual versinnbildlicht, dass nach christlichem Maßstab nicht derjenige souverän ist, der sich gegen seine Umwelt durchzusetzen weiß, sondern derjenige, der seinen Mitmenschen wie ein Dienender begegnet und dies nicht für eine Niederlage hält. Das ist die Ethik, die aus dem veränderten Gottesbild folgt.

          Umstandslos verwirklichen lässt sich diese Ethik natürlich nicht. Selbstloses Dienen lässt sich selbst im Privatleben nur annäherungsweise erreichen. Ihre dicken Abhandlungen über die Sünde schleppen die Kirchen auch deshalb mit sich herum, weil sie sich recht rasch über die Unmöglichkeit ihres eigenen Anspruchs klargeworden sind. Auf dem Feld der Politik gilt diese Einsicht unter nochmals verschärften Bedingungen: Mehr als ein Kompromiss zwischen den Zwängen dieser Welt und dem christlichen Ethos ist dort erst recht nicht möglich.

          Das macht aber auch die Behauptung der eigenen Christlichkeit zumindest problematisch. Zugespitzt formuliert: Wer behauptet, eine christliche Politik zu betreiben, lügt. Denn das Christliche kann gerade in der Politik immer nur ein Anspruch sein, niemals aber dessen Verwirklichung. Da hilft es auch wenig, die eigene Christlichkeit ins Historische zurückzuverlegen und zu erklären, es gehe nur darum, eine „christliche Prägung“ zu verteidigen. Dass das Abendland bis heute ganz maßgeblich vom Christentum geprägt ist, lässt sich nicht bestreiten. Nur wäre es in jenem Augenblick um diese Prägung geschehen, in dem man sie nur noch als bloße Vergangenheit begreift und nicht mehr als eine Verpflichtung für die Gegenwart.

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          Achtung vor Selbstwiderspruch

          Folglich ist auch bei einer Berufung auf die „christliche Prägung“ des Landes darauf zu achten, dass man nicht in einen Selbstwiderspruch gerät. Wer sich auf das Christentum und auf das Abendland beruft, kann sich nicht gleichzeitig vom Leid der Welt abgrenzen, auch nicht vom Leid der nicht-christlich geprägten Welt. Das spräche der christlichen Ethik Hohn. Ein aufgeklärtes Christentum, das die religiöse Mündigkeit des Einzelnen als Bestandteil seiner selbst begreift, wird zudem Muslimen schwerlich das Recht absprechen können, ihre Religion auch hierzulande ohne besondere Einschränkungen leben zu können. Der Hinweis, dass dies in islamischen Ländern umgekehrt nicht der Fall ist, hält dem eigenen Anspruch ebenfalls nicht stand.

          Die Einsicht, dass zwischen Politik und Christentum nur ein Kompromiss zu erreichen ist, hat aber auch auf der entgegengesetzten Seite Folgen. Eine Politik, die sich an der christlichen Prägung des Landes oder am christlichen Ethos zu orientieren versucht, ist nicht gescheitert, wenn sie die damit verbundenen Ansprüche nicht in vollem Umfang erfüllt. Die christliche Ethik ist keine Hypermoral. Der christliche Glauben fordert nicht, Sachzwänge auszublenden, begrenzte Handlungsmöglichkeiten unberücksichtigt zu lassen oder begründbare Sorgen vor sich abzeichnenden Entwicklungen zu ignorieren. All das darf und muss auch in eine Politik einfließen, die sich auf das Christentum beruft.

          Auch in der Politik darf man das Christentum also durchaus weiter hochhalten. Man sollte es aber nicht, auch nicht im Verhältnis zum Islam, krachledern wie ein Eigentum behaupten. Ein österliches Innehalten täte darum auch der schwelenden Identitätsdebatte gut.

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