http://www.faz.net/-gpf-869hw

Kommentar : Chaos im Schreiben und Denken

Dem eigenen Stilempfinden überlassen? Ein Schuhgeschäft mit fragwürdigem Firmenschild Bild: Imago

Zehn Jahre nach der offiziellen Einführung der Rechtschreibreform ist die Bilanz dieses obrigkeitlichen Gewaltaktes so ernüchternd wie eh und je. Sie hat ruinöse Folgen für Sprache und Denken.

          Zehn Jahre nach der offiziellen Einführung der Rechtschreibreform ist die Bilanz dieses obrigkeitlichen Gewaltaktes der Kultusbürokratie an der Sprache so ernüchternd wie eh und je. Die Rechtschreibreform hat nichts vereinfacht, die Fehler bei „dass“ und dem Relativpronomen „das“ haben sich vervielfacht und niemand wird behaupten können, das liege nur an den Rechtschreibprogrammen der Computer. Ganz im Gegenteil: Ausgerechnet die Kultusminister haben Schülern gegenüber mit langfristigem Erfolg den Eindruck vermittelt, Orthographie sei weniger wichtig, Zeichensetzung weitgehend dem eigenen Stilempfinden überlassen. Inzwischen werden sie die Geister, die sie riefen, nicht mehr los und müssen feststellen, dass Kinder am Ende der Grundschulzeit nicht einmal die kulturellen Standardtechniken beherrschen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Der Schaden an der Sprache wiegt weit schwerer. Was Sprachwissenschaftler, Rechtschreibkritiker und nicht zuletzt die Frankfurter Allgemeine Zeitung von Anfang an befürchteten, ist eingetreten. Die Rechtschreibreform hat ausgerechnet in einer Zeit, in der Gleichmacherei ohnehin auf allen Ebenen eingesetzt hat, zu einer sinnentstellenden Entdifferenzierung der Sprache geführt. Das gilt in besonderem Maße für die Getrennt- und Zusammenschreibung. Viele der feinen Unterschiede sind geradezu sprachlich und gedanklich planiert worden.

          Die Verantwortung dafür tragen die Kultusminister, die vor zwanzig Jahren die Rechtschreibreform beschlossen haben, ohne deren Tragweite zu erkennen, was der frühere bayerische Kultusminister Hans Zehetmair zugibt. Auch von der schweigenden Mehrheit seiner Kollegen, die allesamt nicht mehr im Amt sind, wird man annehmen können, dass ihnen die Rechtschreibreform bestenfalls gleichgültig war und sie abgenickt haben, was die Amtschefs längst beschlossen hatten. Kaum einer dürfte die neuen Regeln zur Kenntnis genommen haben. Bei keinem hatte der unmittelbare Zusammenhang von Sprache und Denken die Zweifel genährt.

          Zehetmairs Eingeständnis, das ihn schon vor einigen Jahren zur tätigen Buße als Vorsitzender des Rechtschreibrats motiviert hatte, ändert leider nichts an der Gesamtbilanz einer überaus teuren und überflüssigen Reform. Zwar hat der Rechtschreibrat manchen sprachlichen Unsinn begradigt, aber zu einer Rücknahme der absurden Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung ist es nicht gekommen, von einer Reform der Reform kann jedenfalls nicht die Rede sein. Dazu waren die Beharrungskräfte der Reformer viel zu stark. Vor allem aber hatte der einzig kritische Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg im Rechtschreibrat sein Amt aus Protest niedergelegt.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Den heutigen Zustand wird man ohne Übertreibung als sichtbares Schreibchaos charakterisieren können. Das offenbart spätestens der Blick in Internetforen. Wer nicht zum Umlernen gezwungen war, hat zumindest in seinem privaten Schriftverkehr die bewährte Rechtschreibung beibehalten. In den Schulen werden die neuen Regeln gebimst, aber es dürfte kaum einen erfahrenen Lehrer geben, der behaupten würde, sie hätten das Schreibenlernen vereinfacht. Und seit wann ist es Aufgabe der Kultusbürokratie und der Schule, den Kindern vorzugaukeln, dass Lernen einfach und ohne Anstrengung zu bewältigen sei. Es handelt sich dabei wohl eher um einen pseudopädagogisch verbrämten Betrug und um Sprachideologie. Denn ursprünglich stand hinter der Reform eine kleine Gruppe von Linguisten aus Ost und West um den Siegener Germanisten Gerhard Augst, die selbst die damals geltende Rechtschreibung, die regelmäßig durch neue Dudenauflagen verwässert wurde, als „elaborierten Code“ zur Unterdrückung breiter Volksschichten sahen und die Sprachgemeinschaft aus dem Joch der Regeln befreien wollen. Aber das Gegenteil ist eingetreten. Das sprachliche Unvermögen vieler Bildungsferner hat die Rechtschreibreform nicht etwa bemäntelt, sondern noch greller vor Augen geführt.

          In den Schulen hat die mehrere Milliarden teure Rechtschreibreform die Fehlerquote nahezu verdoppelt. Darüber hinaus häufen sich die Klagen der Handwerksbetriebe, Unternehmen und des gesamten akademischen Betriebs über Auszubildende, die es trotz eines funktionierenden Rechtschreibprogramms ihres Computers (ganz gleich nach welcher Schreibung) schaffen, sich mit fehlergespickten Lebensläufen zu bewerben.

          In den Verlagen, selbst in Deutschbüchern finden sich nach wie vor mehrere Schreibungen nebeneinander, weil sich immer mehr Autoren weigern, ihre Texte wegen des befürchteten Sinnverlustes in die reformierte Rechtschreibung transformieren zu lassen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat eine eigene Hausorthographie entwickelt, doch auch hier muss die Rechtschreibkorrektur in den Computerprogrammen mitunter wieder korrigiert werden. Wer nun meint, das Land habe wahrlich wichtigere Probleme, sollte nicht übersehen, dass die Rechtschreibreform ein Indiz für eine allgemeine Nivellierung im Denken ist, deren Folgen nicht nur im Bildungssystem ruinös sind.

          In einer früheren Fassung dieses Kommentars war der Linguist Peter Eisenberg fälschlicherweise als „Peter Eisenmann“ bezeichnet worden. Wir bitten um Entschuldigung.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          EU-Bürger verlassen Großbritannien Video-Seite öffnen

          Brexit-Sorgen : EU-Bürger verlassen Großbritannien

          Nach dem Brexit-Votum verlassen immer mehr EU-Bürger Großbritannien: Sie fühlen sich nicht mehr wohl im Land oder sehen Ungewissheiten für die Zukunft. Eine Website schlägt daraus Kapital und vermittelt Stellen in den verbleibenden EU-Staaten.

          Topmeldungen

          Wahlkampfabschluss der AfD : Revolte von rechts

          Am Abend vor der Wahl trifft sich der Landesverband der AfD Sachsen zur Kundgebung in Görlitz. Ohne Frauke Petry. Die hatte zuvor abgesagt – wegen „innerparteilichen Querelen“. Dafür tritt einer ihrer Feinde auf.
          Versuchen fast alles, um Merkel zu stürzen: Die AfD-Spitzenkandidaten Weidel und Gauland.

          Neue Internetseite der AfD : Teuflisch genial

          Im Online-Wahlkampf holte sich die AfD Unterstützung von einer Werbeagentur, die bereits für Donald Trump arbeitete. Jetzt hat die Partei eine neue Website veröffentlicht – und startet damit eine Schmutzkampagne gegen die Kanzlerin.

          SPD-Wahlkampffinale in Aachen : Er rettet, was zu retten ist

          Nach Monaten der Euphorie glaubt fast niemand mehr an einen Wahlsieg der SPD. Trotzdem bringt Martin Schulz bei seinem letzten großen Wahlkampfauftritt seine Kampagne in Würde zu Ende – „egal, was morgen rauskommt“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.