09.04.2009 · Nach dem Einsturz des Stadtarchivs und seinem Verzicht auf eine abermalige Kandidatur verteidigt Fritz Schramma (CDU) im Interview seinen Politikstil. Die Kölner hätten sich doch stets einen „Kümmerer“ gewünscht, sagt der Oberbürgermeister.
Nach dem Einsturz des Stadtarchivs und seinem Verzicht auf eine abermalige Kandidatur verteidigt Fritz Schramma (CDU) im Interview seinen Politikstil. Die Kölner hätten sich doch stets einen „Kümmerer“ gewünscht, sagt der Oberbürgermeister. Mit ihm sprachen Reiner Burger und Timo Frasch.
Herr Oberbürgermeister, beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs sind zwei Menschen umgekommen. Man könnte nun sagen: In Großstädten kommen ständig Leute um. Warum aber war gerade dieses Unglück für die Kölner ein so traumatisches Erlebnis?
Das hat mehrere Gründe. Zunächst einen symbolischen: Köln sah am Unglücksort wieder so aus wie 1945 nach dem Krieg. Solche Bilder wecken schlimme Erinnerungen. Hinzu kommt, dass sich nun alle Menschen, die entlang der U-Bahn-Strecke wohnen oder arbeiten, Sorgen um ihre Sicherheit machen. Das Schlimmste ist aber wohl der Verlust an Vertrauen.
Sie haben angekündigt, noch bis Oktober im Amt bleiben zu wollen. Was können Sie in dieser Zeit tun, um Vertrauen zurückzugewinnen?
Eine meiner wichtigsten Aufgaben ist, mich um die betroffenen Leute zu kümmern, um alles, was mit Wohnung, Entschädigung, Betreuung zu tun hat. Ich habe das mit dem Begriff des Kümmerers umschrieben. Die meisten Leute haben das schon ganz gut verstanden. Manch andere nicht, aber so ist es eben. Das Zweite, wofür ich mich einsetzen werde, ist alles, was mit der Bergung der Archivalien zu tun hat, des Gedächtnisses dieser Stadt, das nicht in Gänze verloren ist. Wir haben sehr, sehr viel retten können und retten jeden Tag einige Lkw mit Material. Leider ist es aber so, dass man damit rechnen muss, dass einige Dinge bis in den Grundwasserbereich durchgestürzt sind. Die Materialien, die seit vier Wochen im Grund- oder Fäkalwasser liegen, die sind wahrscheinlich kaum noch brauchbar.
Was konkret dürfen sich die betroffenen Menschen erwarten?
Ich war am Sonntag zum x-ten Mal auf der Severinstraße am Unglücksort, dreieinhalb Stunden, es war verkaufsoffener Sonntag. Die Geschäftsleute sagten mir: Zu uns kommt keiner mehr, die Kunden haben Angst. Einer hat mir die Abrechnung eines Tages gezeigt: 48 Euro Umsatz. Davon kann keiner leben. Wir werden Möglichkeiten schaffen, um die Leute zu entlasten. Wir haben mit Banken gesprochen, dass die Betroffenen Zinszahlungen zurückstellen können. Wir können den Leuten auch Gebühren erlassen, etwa bei Straßenfesten oder sonstigen Veranstaltungen. Außerdem habe ich dafür gesorgt, dass jeder Anwohner seine Immobilie durch einen neutralen Gutachter, in diesem Fall den TÜV Rheinland, untersuchen lassen kann hinsichtlich der Standfestigkeit und der Bodenqualität. 551 Anmeldungen gibt es bisher, um die 300 Gebäude sind schon überprüft worden.
Sie selbst haben, wenn man Umfragen folgt, erheblich an Unterstützung in der Bevölkerung eingebüßt. Wie reagieren die Kölner, wenn sie Sie jetzt auf der Straße sehen?
Die Umfragen habe ich als Momentaufnahmen betrachtet. Das ist doch völlig klar, dass die Werte kurz nach einem solchen Unglück nach unten gehen. Im Übrigen hat sich die Stimmung schon ganz erheblich geändert. Ich bekomme unglaublich viele Briefe, Blumen, Bücher von Leuten geschickt, die mich bitten, mir das mit dem Rückzug doch noch einmal zu überlegen. Auf der Severinstraße sind mir viele einfach so um den Hals gefallen. Das hat richtig gutgetan. Ich habe den Leuten aber auch klar gesagt, dass ich mich für den Rückzug vom Amt entschieden habe und dass es dabei bleibt.
Glauben Sie, dass Sie die Wahl trotz allem gewonnen hätten?
Davon bin ich überzeugt. Das Gerede über wahlweise katastrophales oder desolates Krisenmanagement ist ja Quatsch. Es mag sein, dass ich aus der verständlichen Emotion heraus und wegen der Fülle an Medienarbeit das eine oder andere Wort falsch gewählt habe. Mir hat aber bisher noch niemand sagen können, wo genau das Krisenmanagement schlecht gewesen sein soll.
Ihnen wurde etwa vorgeworfen, dass Sie nach dem Unglück Köln noch einmal verlassen haben, um Ihre Frau aus dem Urlaub abzuholen.
Das war in der Nacht, und da ist es ja wohl mir überlassen, ob ich schlafe oder was auch immer tue. Ich kann jedenfalls sagen und auch beweisen, dass ich in den zwei Wochen nach dem Unglück mindestens zweimal täglich an der Unglücksstelle war und mich dort um die Lage gekümmert habe. Jeden Tag habe ich außerdem mindestens sechs bis acht Stunden nur für dieses Thema gearbeitet. Das habe ich alles in meinem Tagebuch notiert. Irgendwann werde ich daraus vielleicht ein Buch machen.
Ein anderer Vorwurf lautet, Sie hätten zu viel Verantwortung an andere weitergereicht.
Wir haben keine Bauherrschaft als Stadt. Dass wir sie auf die Kölner Verkehrs-Betriebe übertragen haben, hatte damals, 2002, vor allem haushalterische Gründe: Wir hätten als Stadt das Projekt schlicht nicht stemmen können. Man kann natürlich den entsprechenden einstimmigen Ratsbeschluss kritisieren. Ich habe den Vertrag neben anderen unterschrieben und die daraus erwachsende Verantwortung als Verwaltungschef nie abgestritten. Ich war nur nicht bereit, die Schuld für den Tod zweier Menschen auf mich zu nehmen. Niemand kann heute beurteilen, ob das Unglück passiert wäre, wenn das Projekt unter der Aufsicht der Stadt gestanden hätte. Es gibt im Moment ganz viele, die hinterher schlauer sind, übrigens auch einige frühere Dezernenten, die damals die Planung gemacht haben und jetzt kommen und sagen: Ja, das hätte man schon alles ganz anders machen müssen. Solche Debatten zu führen ist müßig.
Sie selbst haben inzwischen den Verzicht auf Ihr Amt erklärt. Andere, wie etwa der Vorstand der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB), Walter Reinarz, mussten bisher keine Konsequenzen ziehen. Schmerzt das?
Nein. Ich sage aber auch: Wenn es Klarheit über die Informationssituation 2008 gibt und es damals schon deutliche Hinweise auf Irreguläres, auf Versäumnisse, vielleicht sogar auf Gefahrensituationen gab, dann muss das auch personelle Konsequenzen haben, auch innerhalb der KVB.
Fühlen Sie sich als Kampagnenopfer?
Ich will Ihnen mal eine Geschichte erzählen, an der Sie erkennen können, wie schnell aus veröffentlichter Meinung öffentliche Meinung wird: Kürzlich war ich an einem Gymnasium, das nach dem Einsturz einige Zeit nicht betreten werden durfte. Ich stand gerade bei den Dreizehnern, die Abitur machen, ich kenne das ja noch ganz gut, war ja selbst lange genug Lehrer. Da kam ein Junge, vielleicht achte Klasse, auf mich zu und sagte: „Tag, Herr Bürgermeister. Stimmt es eigentlich, dass Sie wussten, dass das Archiv einstürzen würde, und dennoch nichts unternommen haben?“ Ich fragte ihn, woher er das denn habe. „Aus der Zeitung“, sagte er.
In Köln und darüber hinaus sind Stimmen lauter geworden, die sagen: Ein Oberbürgermeister solle sich weniger um den örtlichen Bundesligaverein und die Karnevalisten als vielmehr um Arbeitsplätze und die Verwaltung kümmern. Ist Ihre Art, Politik zu machen, gescheitert?
Das glaube ich nicht. Die Kölner wollen, dass ihr Stadtoberhaupt für sie persönlich da ist. Auch in den Vereinen und im Karneval. Und was den FC betrifft: Als es dem Verein schlechtging und von den Fans die Verpflichtung Christoph Daums gefordert wurde, da haben sie nicht nur nach der Vereinsführung, sondern auch nach ihrem OB gerufen, der vermitteln sollte. Das habe ich dann auch getan.
Von wem fühlten Sie sich in den vergangenen Wochen am meisten im Stich gelassen?
Ich hatte bis zum letzten Märzwochenende keinen Grund zu der Annahme, dass ich in der Kölner CDU keinen Rückhalt mehr habe oder dass man hinter meinem Rücken etwas betreibt. Dann wurde plötzlich am Freitagabend in einer Zeitung Konrad Adenauer, immerhin ein Parteifreund, mit den Worten zitiert, dass er sich eine Kandidatur überlegen würde, wenn man ihn fragte. Das war für mich Alarmstufe eins. Ich habe mich über Herrn Adenauers Aussage übrigens sehr gewundert, weil wir vor kurzem noch ein gutes Gespräch miteinander hatten. So etwas über die Medien zu machen ist nicht die feine Art. Dass er wenig später, als er dann konkret gefragt wurde, zurückzog, gab mir noch mal zu denken.
Es ist nicht das erste Mal, dass man das Gefühl hat, Sie stünden in Ihrer eigenen Partei ziemlich allein da.
Für die Basis gilt das nicht. Ich bin mit 94 Prozent als Oberbürgermeisterkandidat bestätigt worden. Freilich habe ich in der Vergangenheit mit der Führungsriege der Kölner CDU Probleme gehabt. Über viele Jahre bestimmten Personen die Geschicke der Partei, die das Kölner politische System aus Verstrickungen, Verpflichtungen und Loyalitäten - manche nennen das Klüngel - voll verinnerlicht hatten. Weil ich zusammen mit anderen gegen dieses System gearbeitet habe und mich nie auf ein Lager habe festlegen lassen, fehlte mir lange ein starker Partner in Partei oder Fraktion, mit dem ich als Oberbürgermeister hätte harmonieren können. Erst in den letzten Jahren hat sich das geändert.
Nicht nur in Ihrer eigenen Partei, auch vom CDU-Landesverband fühlten Sie sich zuletzt nicht genügend unterstützt.
Bisher hatte ich ein sehr gutes Verhältnis zu allen Kabinettsmitgliedern und auch zu Ministerpräsident Rüttgers. Dieser war auch schnell an der Unglücksstelle und hat 300.000 Euro Hilfe für Stadt und Archiv zugesagt, das war alles okay. Als ich dann aber am Samstagmorgen, an besagtem letzten Märzwochenende, gelesen habe, die nordrhein-westfälische CDU rücke von Schramma ab, hat mich das erst einmal vom Stuhl gehauen. Aber dazu ist, glaube ich, inzwischen alles gesagt worden.
Konkret haben Sie Rüttgers vorgeworfen, er habe Ihnen an dem Wochenende, an dem Sie Ihren Rückzug verkündet haben, ein dringend erbetenes Gespräch verweigert. Gab es seither Kontakt zum Ministerpräsidenten?
Ich habe mich inzwischen mit dem Ministerpräsidenten verständigt, dass wir diese Sache nicht mehr in der Öffentlichkeit thematisieren wollen. Für mich ist die Rückschau erledigt. Hier gibt es für mich bis zum 20. Oktober noch viel zu tun. Und ich werde mich voll und ganz der Sacharbeit für Köln widmen.
Klar hätte er sie wieder gewonnen - Kritiker kriegen Redeverbot
Christoph Anschütz (Anschuetz)
- 09.04.2009, 16:52 Uhr
Widerlich
Michael Müller (SgtAwesome)
- 09.04.2009, 18:46 Uhr
Es ist nicht zu fassen!
Torsten Klier (TorstenKlier)
- 10.04.2009, 12:28 Uhr