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Kirchenaustritte : Was uns die Kirche wert ist

Heimat kann auch in Traditionen liegen: Krippenspiel an diesem Donnerstagmorgen in der St.-Salvator-Kirche im sächsischen Jöhstadt Bild: dpa

In kaum einem Jahr haben die Kirchen in Deutschland so viele Mitglieder verloren wie in diesem. Doch mit jeder Kirchenschließung verschwindet auch ein Stück Heimat.

          Ausgerechnet ist nichts, auch nicht abgerechnet. Aber wenn im kommenden Jahr die Bücher geschlossen werden, dürfte sicher sein, dass die Kirchen in Deutschland im Jahr 2014 so viel Geld zur Verfügung hatten wie nie. Wenn es der Wirtschaft gutgeht, dann auch den Kirchen. Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Die andere: In kaum einem Jahr haben die Kirchen so viele Mitglieder verloren wie im diesem. Ein Paradox ist das nicht. Bei immer noch fast 50 Millionen Christen in Deutschland schlagen zusammen etwa 350.000 Austritte kurzfristig kaum zu Buche.

          Freilich trägt auch diese Zahl dazu bei, dass der Anteil der Christen an der Bevölkerung stetig sinkt. Nicht wegen der Einwanderung von Muslimen nach Deutschland, sondern wegen der Auswanderung von Protestanten und Katholiken aus ihren Kirchen: seit der Wiedervereinigung zusammengenommen etwa acht Millionen. Oft war Geld im Spiel, aber nicht allein.

          Was bedeuten die Kirchenaustritte?

          Im ablaufenden Jahr hat die verschärfte Besteuerung von Kapitaleinkünften aus Katholiken und Protestanten „Wutchristen“ ohne Zahl gemacht. 2013 hatte hemmungsloser Machtmissbrauch unter der Chiffre „Limburg“ die Austrittszahlen explodieren lassen. Davor waren es Berichte über Versagen angesichts jahrzehntelanger sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Schutzbefohlene. Stünde nicht in Gestalt von Franziskus ein Mann an der Spitze der katholischen Kirche, der weit über seine eigene Glaubensgemeinschaft hinaus so angesehen ist wie lange kein Papst vor ihm, dann stünde es um die Christenheit womöglich noch schlechter.

          Doch was beweist die Fieberkurve namens Austrittsstatistik? Dass mehr und mehr Deutschen ihre Kirchen nichts mehr wert sind? Tatsächlich reicht oft der kleinste Anlass, um der oft lange zurückliegenden inneren Kündigung die äußere folgen zu lassen. Wobei die üppige Alimentierung der Kirchen wie ein Betäubungsmittel wirkt und den Schmerz unterdrückt, der mit dem Verlust der Kirchenbindung, ja noch mehr der Verdunstung des Glaubens einhergehen müsste. Mehr noch: Mittlerweile bindet die Organisation von Seelsorge, Glaubenszeugnis und Diakonie vielerorts mehr Kräfte, als sie freisetzt. Das ist nicht paradox, sondern pervers.

          Noch schwimmen die Kirchen im Geld

          Nichts gegen gute Verwaltung, auch nicht gegen die Rechtsförmigkeit kirchlichen Handelns. Vorausschauende Planung ist unabweisbar, auch wenn sie manchmal in über Jahrhunderte gewachsene Beziehungen eingreift. Alleine die Alterung der Bevölkerung führt dazu, dass immer mehr Gemeinden zum Leben längst zu klein, aber zum Sterben noch lange nicht klein genug sind. Noch schwimmen die Kirchen im Geld. Aber die Zeiten sind nicht mehr fern, in denen rapide sinkende Einnahmen und exponentiell steigende Pensionslasten viele Planungen zu Makulatur machen könnten.

          Doch mit fast jeder Kirche, die geschlossen wird, mit vielen Pfarrstellen, die für überflüssig erklärt werden, mit jedem Kirchenmusiker, der eingespart wird, geht mehr verloren als ein Etatposten: Heimat. Denn was den Deutschen ihre Kirchen wirklich noch wert sind, zeigt sich an einem Weihnachtsfest wie diesem: Gewissermaßen über Nacht verwandeln sie sich in Resonanzräume, wie es sie generationen-, geschlechts- und herkunftsübergreifend in dieser Gesellschaft nicht gibt – Feiern mit Alleinstehenden und Festessen mit Flüchtlingen eingeschlossen.

          „Resonet in laudibus“ (Erklinge in Lobgesängen) lauten die Anfangsworte eines mittelalterlichen Hymnus, dessen Melodie in dem Weihnachtslied „Joseph, lieber Joseph mein“ weiterlebt – einem Lied, das mit seinem wiegenden Takt und einer heiteren Tonart einen denkbar starken Kontrast bildet zu dem oft dunklen Zagen und Flehen der Lieder, die während des Advents erklungen sind – wenn es denn so war und die Kirchen selbst auf ihrem ureigenen Feld der Ritualkompetenz nicht weit hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, indem Erfahrungshorizonte verschlossen und ursprünglich weite Klangräume eng gemacht werden.

          Adventsbräuche vollziehen Lebenszyklen nach

          Warum nur sind die Melodien, Takte und Tonarten der Lieder und Gesänge, die in den vier Wochen des Advents erklingen sollen, so ganz anders als der Klang von Weihnachten, so wie auch erst an Weihnachten alles strahlt und glänzt, der Advent aber eine stille und dunkle Zeit sein soll? Weil erst die Erfahrung von Gegensätzen und Kontrasten und die Scheidung von Räumen und Zeiten die Fülle des Lebens erschließt.

          Nicht nur auf Plätzen und in Geschäften ist seit Wochen Weihnachten. Auch in vielen Kirchen ist Bachs Weihnachtsoratorium längst erklungen, obwohl es in der Adventszeit so fehl am Platz ist wie die Matthäuspassion an Ostern. Dabei sollten die Tore der Kirchen erst an diesen Tagen weit gemacht werden – und sich so bald nicht wieder schließen. Immerhin: Wenn der letzte Weihnachtsmarkt geräumt ist, laden Krippen zum Pilgern und Betrachten ein, bald wünschen die Sternsinger Gottes Segen für das neue Jahr.

          Sollte künftig nicht auch der Advent den Kirchen wieder das wert werden, was er ist? Ein Raum und eine Zeit eines auch sinnlichen Tastens nach religiöser Erfahrung, nach Hoffnung auf einen Neubeginn in dunkler Nacht, nach Frieden und Heil im Großen wie im Kleinen. Ausgerechnet.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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