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Kinderpornos im Netz Schnell gelöscht? Von wegen!

Gegner der Internetsperren behaupten seit Jahren, „Inhope“ lösche Kinderpornos in Stunden. Deshalb brauche es die Sperren nicht. Doch was ist eigentlich die Bilanz dieses Verbandes? Schnelle Löscherfolge wurden meist nur vorgegaukelt.

© F.A.Z. Vergrößern

Frank Ackermann verkauft Erfolge. Es sind Erfolge im Kampf gegen Kinderpornographie. Sie haben bloß einen Mangel: Manche gibt es gar nicht. Ackermann verkauft sie trotzdem, denn das ist sein Job. Er arbeitet für den Verband der deutschen Internetwirtschaft (Eco) als „Director Self-Regulation“. Selbstregulierung bedeutet, dass die Wirtschaft selbst das Internet von illegalen Inhalten säubert. Um zu beweisen, dass das prima funktioniert, spricht Ackermann am liebsten über „Inhope“, einen Dachverband von 38 Hotlines in 33 Staaten. Er wurde 1999 auf Initiative der EU gegründet, und Ackermann sitzt im Vorstand. Die Hotlines nehmen Beschwerden entgegen über Kinderpornos im Internet und sollen sich darum kümmern, dass der Mist schnell wieder verschwindet. Inhope – das soll nach Hoffnung klingen. Und niemand versteht es so gut, diese Hoffnung zu nähren, wie Frank Ackermann.

Stefan Tomik Folgen:  

Viele Politiker loben Inhope über den grünen Klee – all jene, die im Kampf gegen Kinderpornographie im Netz nichts von Internetsperren, dafür umso mehr vom Löschen der Seiten halten. Der politische Streit darüber begann im November 2008. Der Lobbyverband Eco wollte die Sperren verhindern. Und je schneller Kinderpornos gelöscht werden können, desto weniger notwendig erschienen die Sperren. Von nur 12 bis 36 Stunden war die Rede. Inhope sei „unschlagbar“ schnell, sagte Ackermann noch im Juli 2009, viel schneller als das Bundeskriminalamt oder Interpol, bei denen dauere es ja ewig. Und Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) schwärmte, Inhope mache vor, „wie schnell strafbare Inhalte aus dem Netz verschwinden“. Von diesem „innovativen Ansatz“ wolle die Regierung lernen. Die Erfolgsmeldungen klangen phantastisch, doch sie stimmten nicht.

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„Dann bleibt das in der Luft hängen“

Das fand der Eco selbst schon im vergangenen Sommer heraus. 144 Websites sollten gelöscht werden. Das Ergebnis des Experiments war beschämend: Allein von den 110 amerikanischen Seiten blieb mehr als die Hälfte noch Monate später abrufbar. Auch in Russland, Holland, Japan und in der Tschechischen Republik ließen Löscherfolge oft mehrere Wochen auf sich warten. Die Öffentlichkeit sollte von dem Experiment aber nichts erfahren, der Eco schwieg darüber.

Konfrontiert man Frank Ackermann heute mit den Ergebnissen, gesteht er „massive Probleme“ bei Inhope ein. Nur wenige Hotlines hätten die Arbeit getan, „von der wir gedacht haben, dass sie schon längst getan wird“. Die Hotlines hätten die Provider in ihrem Land auffordern sollen, Beweise zu sichern und die Kinderpornos zu „löschen“, das bedeutet, ihre Verbindung zum Internet zu kappen. Die Provider hätten das tun können, denn auf ihren Servern liegen die Dateien zum Abruf in aller Welt bereit. Doch sie seien oft nicht direkt informiert worden, sagt Ackermann, denn viele Hotlines „machen sich gar nicht die Mühe“.

Sie geben die Fälle an die Polizei ab und meinen, die kümmere sich schon darum. Ein Irrtum. Denn die Polizei ist damit oft überfordert. „In manchen Staaten gibt es überhaupt nur drei Polizisten, die dazu in der Lage wären. Dann bleibt das in der Luft hängen“, sagt ein Mitarbeiter der EU-Kommission, die Inhope zu achtzig Prozent finanziert.

Der Eco hat Inhope also lange bejubelt, ohne zu wissen, wie es wirklich um die Erfolge steht? Ackermann beteuert, er habe erst im vergangenen Sommer von den Problemen erfahren. Und zu einem Erfolgstest habe es vorher ja „gar keine Veranlassung“ gegeben. Zum Glück sei mittlerweile alles viel besser geworden.

Ackermann verweist auf eine neue Statistik über das Löschen von Kinderpornos: „Im Ausland gespeicherte Angebote sind zu 50 Prozent binnen fünf Tagen, zu 93 Prozent binnen zwei Wochen und der Rest danach offline.“ Ein hundertprozentiger Erfolg also, wenngleich offenbleibt, was „danach“ meint. Es ist nicht der einzige Schönheitsfehler der Statistik, denn mit Inhope hat sie nichts zu tun. Es handelt sich nämlich um Fälle, in denen die Eco-Hotline Provider im Ausland direkt selbst per E-Mail alarmierte. Das darf die Eco-Hotline allerdings nur dann tun, wenn Inhope in dem Staat des Providers keine Hotline unterhält. Und das ist nur sehr selten der Fall. „Sie können sich an zwei Händen abzählen, was da reinkommt an Beschwerden“, sagt Ackermann. Und gibt dann zu, es sei „im Grunde genommen Blödsinn, mit Prozentzahlen zu arbeiten“.

„Notice and Takedown“ ist nicht verbreitet

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Veröffentlicht: 15.08.2010, 19:04 Uhr