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Kinderehen : Nicht für alles offen

In Deutschland muss niemand seine Bräuche aufgeben – doch Kinderehen dürfen hierzulande keinen Platz haben. Bild: dpa

Niemand in Deutschland muss seine Sitten und Bräuche aufgeben – im Gegenteil. Doch, wer Zwangsehen von Minderjährigen duldet, missachtet schon den gesellschaftlich notwendigen Minimalkonsens.

          Deutschland kann nicht für alle und alles offen sein. Archaische, frauen- und kinderfeindliche Praktiken haben hier keinen Platz. Das Signal gegen Kinderehen, auf das sich die große Koalition nun geeinigt hat, strahlt über das eigene Land hinaus. Das hat nichts mit einer paternalistischen Ausdehnung eigener Wertvorstellungen und mit der Missachtung fremder Kulturen zu tun. Hier geht es schlicht um die Durchsetzung grundlegender, im Prinzip auch als global anerkannter Menschenrechte. Wichtig ist aber, und hier kann man die Kritiker verstehen, dass nicht das abstrakte Prinzip, sondern das Wohl der betroffenen Kinder im Einzelfall Vorrang haben muss.

          Entscheidend ist vor allem, dem Zwang entgegenzuwirken – hier muss jedes Verständnis aufhören. Die Vorstellung, über Körper und Schicksal von Kindern könne aufgrund von Religion oder Tradition beliebig verfügt werden, mag weit verbreitet sein. Sie spricht aber jedem Rechtsstaat hohn. Das muss jedem Einwanderer klar sein oder klargemacht werden, und es muss auch manchem, der schon lange hier lebt, unabhängig von seiner Staatsangehörigkeit, wieder ins Gedächtnis gerufen werden.

          Missachtung des notwendigen Minmalkonsens

          Maßstäbe geradezurücken ist eine Hauptaufgabe der lange vernachlässigten Integration, die gerade nicht mit der zügigen und großzügigen Verleihung der deutschen Staatsangehörigkeit vollendet ist. Wer Zwangsehen von Minderjährigen duldet, missachtet schon den gesellschaftlich notwendigen Minimalkonsens: die Achtung der geltenden Rechtsordnung.

          Niemand muss Sitten und Bräuche aufgeben, im Gegenteil: Er ist hier mit all seinen Traditionen und Anschauungen willkommen. Aber deren Ausübung findet ihre Grenzen in den Grundrechten der anderen und in sonstigen Werten von Verfassungsrang. Elternrecht und Religionsfreiheit gehören auch zu diesen wichtigen Grundrechten – sie müssen im Zweifelsfall abgewogen werden mit den unveräußerlichen Rechten des Kindes.

          Niemand darf diskriminiert werden. Aber nicht alles ist gleich. Deshalb ist es gut, dass die Union zugleich den Plänen einer förmlichen „Ehe für alle“ einstweilen widerstanden hat, die es faktisch freilich schon weitgehend gibt. Gerade wegen seiner Vorstellung von Freiheit in Verantwortung darf Deutschland nicht für alles offen sein.

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          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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