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Kinderbetreuung Schöne neue Krippenwelt

 ·  Schadet die Betreuung außerhalb der eigenen Familie einem Kleinkind, oder nützt sie ihm? Darüber ist leidenschaftlich diskutiert worden. Aber wie hat eine gute Kleinkindbetreuung und eine förderliche Krippenzeit auszusehen? Dieser Frage weichen Politiker und Eltern aus.

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Schadet die Betreuung außerhalb der eigenen Familie einem Kleinkind, oder nützt sie ihm? Darüber ist in diesem Jahr leidenschaftlich diskutiert worden. Die andere Frage aber, wie eine gute Kleinkindbetreuung im Allgemeinen und eine förderliche Krippenzeit im Besonderen auszusehen hätten, ist in der Öffentlichkeit vernachlässigt worden. Politiker weichen dieser Frage ebenso aus wie die jungen Eltern, denn sie sind gleichermaßen überzeugt, wenn Vater und Mutter ihren Beruf weiterführen möchten, haben sie in der Regel keine andere Wahl, als ihren Nachwuchs zeitweise einer Krippe oder einer Tagesmutter anzuvertrauen.

Entscheidend für die Kleinkinder ist, ob Betreuer die Zuwendung der Eltern ersetzen können. Niemals wird eine zunächst fremde Person einem Kind die gleiche Zuneigung entgegenbringen wie in der Regel Mutter und Vater. Doch wenn die familienfremden Betreuer einfühlsam sind, erleidet das Kind keinen Schaden.

Fast alles hängt von den Pädagogen ab

Für Kinder, deren Eltern bei jedem Pieps springen, kann es eine wertvolle Erfahrung sein, nicht dauernd im Mittelpunkt zu stehen und bei der Eroberung der Umwelt manchmal auf sich selbst gestellt zu sein. Eine Erzieherin soll das Interesse des Kindes an Formen, Farben, Lauten und Klängen pflegen, seine Entwicklungsschritte beobachten und ihm passendes Spielmaterial anbieten. Um das Sprechen zu fördern, darf sie nicht müde werden, auf die Kontaktversuche des Kindes zu antworten. Wie überall in der Erziehung hängt in Kinderkrippen fast alles von den Pädagogen ab.

Es gibt einige Anhaltspunkte für den Betrieb, aber auch die Planung einer guten Krippe: Eine Erzieherin soll für nicht mehr als drei oder vier Kinder zuständig sein, die Gruppen für Ein- bis Dreijährige sollten nicht mehr als zehn Kinder umfassen. Für Krankheit oder Urlaub der Hauptbezugspersonen soll eine feste Vertretung bereitstehen.

Mindestens einmal am Tag an die frische Luft

Bisher gilt, dass je Kind mindestens vier Quadratmeter zur Verfügung stehen sollen. Das ist lächerlich wenig. Hier muss sich etwas ändern: Ideal sind ein abgetrennter Ruheraum für den Mittagsschlaf, ein Essraum, in dem auch gemalt und gebastelt werden kann, und ein Spielzimmer mit Ecken zum Bauen, für Puppenspiele und zum Bilderbuchlesen. Es ist günstig, die Gruppe von Zeit zu Zeit zu teilen, weil Kinder unter dem Lärm und der Aktivität der anderen leiden können. Da motorische und geistige Entwicklung des Kleinkindes miteinander verknüpft sind, soll die Krippe ein abwechslungsreiches Außengelände und einen Turnraum haben. Denn Kinder sollten bei jedem Wetter mindestens einmal am Tag an die frische Luft gehen.

Manche Kinder fühlen sich auch in einer scheinbar guten Krippe nicht wohl. Andersherum kann es sein, dass ein Kind aufblüht, obwohl die Eltern an der Einrichtung eher zweifeln. Der nun beginnende Aufbau von Betreuungsplätzen in großem Stil und in vielfältiger Trägerschaft birgt die Gefahr, dass sich der erste Geburtstag zu einer standardisierten Schwelle im Lebenslauf entwickelt - ähnlich wie der dritte Geburtstag, an dem 90 Prozent der Kinder in den Kindergarten gehen, oder der sechste, an dem für alle die Einschulung folgt.

Säuglinge gehören nach Hause

Die ersten Kinder, für die der Bund das Elterngeld gezahlt hat, werden bald ein Jahr alt. Mit dem Wegfall dieser Leistung nach zwölf oder 14 Monaten und dem Ausbau der Krippenplätze liegt für viele Eltern der Schluss nahe, nun sei der Punkt gekommen, an dem Vater und Mutter (wieder) arbeiten und das Kind in eine Krippe gehen könne. Vor solchen Standards sollten Eltern, Gesellschaft und Politik sich hüten.

Falls ein Kind über die Trennung ständig unglücklich ist, dürfen Eltern sich nicht einreden lassen, das Weinen liege an ihren eigenen Zweifeln, die das Kind spüre. Gelingt die Eingewöhnung auch nach Wochen nicht, sollte sie abgebrochen werden. Dann müssen die Eltern eine andere Lösung suchen.

Eltern und Gesellschaft sind gefordert

Eine gute Kleinkindgruppe zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie keine Babys aufnimmt. Säuglinge gehören nach Hause. Erst wenn ein Kind von sich aus beginnt, seine Umwelt zu erkunden, wenn es sich fortbewegen und möglichst auch laufen kann, ist es reif für eine Kindergruppe. Frühestens von 18 Monaten an profitieren Kinder von Gleichaltrigen; noch lange spielen sie mehr neben- als miteinander, ahmen aber einander nach. Auch für die Mutter (oder den Vater) ist das erste Jahr zu Hause wichtig: Erst nach und nach lernen Eltern die Bedürfnisse eines Kindes kennen und stellen ihr Leben darauf ein.

Wichtig ist, dass die künftigen öffentlichen Krippen nicht schlechter sind als Privatkrippen oder Betriebskindergärten. Sonst wird die Tendenz im Schulwesen, dass Kinder aus Akademikerfamilien bessere Chancen haben als andere, schon in den ersten Jahren zementiert. Ob eine Krippe gut fürs Kind ist, hängt allerdings auch davon ab, wie lange sie genutzt wird. Wenn Kleinkinder mehr als 30 Stunden in der Woche in einer Einrichtung verbringen, sollten Eltern ihr eigenes Arbeitszeitarrangement in Frage stellen. Soll die Krippenwelt in Zukunft besser funktionieren als in der Vergangenheit, sind nicht nur die Kinder gefordert, sich anzupassen, sondern auch die Eltern und die Gesellschaft.

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01.01.2008, 13:16 Uhr

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