01.10.2006 · Sachsen ist bundesweit Vorreiter bei der Versorgung mit Plätzen in Kindertagesstätten, Kindergärten und -krippen. Für Bundesfamilienministerin von der Leyen ist dies Vorbild für den Rest der Republik.
Von Reiner Burger, DresdenDie Kindertagesstätten „Fridolin“ und „Lisa“ in der Dresdener Friedrichstadt sind helle, freundliche Einrichtungen. Noch am späten Nachmittag tollen auf dem weitläufigen Spielplatz Jungen und Mädchen in der herbstlichen Sonne herum. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) ist gekommen, um sich über das sächsische Kita-System zu informieren, das sie gleich zum Auftakt ihres Besuches als „bundesweiten Trendsetter“ würdigt. Zwar sind bei weitem nicht alle Kindergärten in Sachsen so schön wie „Lisa“ - die Einrichtung wurde nach der verheerenden Flut im Jahr 2002 mit Spendengeld neu gebaut. Aber dennoch gibt es im ganzen Land einen bemerkenswerten quantitativen und qualitativen Kinderbetreuungsstandard.
Für zwei Drittel der Kinder in den Klassenstufen eins bis vier stehen Hortplätze zur Verfügung. Praktisch alle Kinder von drei Jahren an gehen in den Kindergarten. Rund 40 Prozent der kleineren Kinder können von ihren Eltern in die Krippe gebracht werden. In Westdeutschland dagegen beträgt die Versorgungsrate für Kinder unter drei Jahren laut einer OECD-Studie 2,7 Prozent. Der Freistaat Sachsen gibt unter den deutschen Flächenstaaten je Einwohner die höchsten Landeszuschüsse für Kindereinrichtungen.
Kontakt zwischen Kita und Eltern ausbauen
Wichtiger als statistische Vergleiche sind der sächsischen Sozialministerin Helma Orosz (CDU) jedoch qualitative Aspekte. „Lebenslanges Lernen braucht feste Fundamente, die können nicht erst in der Schule gelegt werden. Wir benötigen eine Brücke zwischen Kindergarten und Schule, die geeignet ist, eine Bruchstelle zu vermeiden“, sagt Frau Orosz. Sozial- und Kultusministerium im Freistaat haben deshalb den sogenannten sächsischen Bildungsplan so konzipiert, daß der Anschluß vom Kindergarten zum Grundschullehrplan gegeben ist. Das letzte Kindergartenjahr dient der Schulvorbereitung. Dabei arbeiten die Kindergärten mit den jeweiligen Grundschulen inhaltlich und personell zusammen. Nach Angaben von Frau Orosz hat sich auch das „leidige Problem der Rückstellung vom Schuleintritt“ seit Einführung des Schulvorbereitungsjahrs entschärft.
Der sächsischen Sozialministerin ist wichtig, „daß Kitas die Bildung und Erziehung in der Familie nicht ersetzen können oder gar sollen“. In der Debatte über Angebote zur Bildung in öffentlicher Verantwortung dürfe nicht über das Ziel hinausgeschossen und „ein staatlicher Regelungs- und Zugriffsanspruch wiederbelebt werden, wie wir ihn in der DDR erlebt und zum Teil erlitten haben“. In Sachsen wolle man dagegen auch die Familienentwicklung stärken. Der Kontakt zwischen Kita und Eltern soll sich nicht auf das Bringen der Kinder am Morgen und das Abholen am Abend beschränken. Eltern und Erzieher sollen im kontinuierlichen Gespräch über die Jungen und Mädchen bleiben.
„Möglichkeit, Defizite bis zur Einschulung auszugleichen“
„Diese enge Verzahnung zwischen Kita und Eltern über die Frage, wie sich ein Kind entwickelt, ist ganz außergewöhnlich“, sagt Frau von der Leyen. Im Gespräch mit der F.A.Z. würdigt die Bundesfamilienministerin, daß Sachsen längst begonnen habe, worüber der Rest der Republik erst diskutiere.
Neben den sich über zehn Jahre erstreckenden Bildungsplan und dem Schulvorbereitungsjahr hebt sie die für alle vier Jahre alten Sachsen obligatorische Untersuchung der Sprach-, Körper- und Motorikentwicklung als wegweisend hervor. „Der Test gibt die Möglichkeit, Defizite in den verbleibenden zwei Jahren bis zur Einschulung auszugleichen.“ Weil sich die Bundesfamilienministerin diese drei Punkte als Standard für die frühkindliche Bildung wünscht, finden sie sich auch in einem Leitantrag mit dem Titel „Bildungschance und Erziehung - auf den Anfang kommt es an“ für den nächsten CDU-Bundesparteitag wieder. Es gehe für ihre Partei darum, Lebenswirklichkeiten zu akzeptieren.