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Keine angemessene Beschäftigung : Lehrer auf gepackten Koffern

Der frühere Berliner Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD): Ungleichheit im Lehrerzimmer erhöht Bild: dpa

Bis zu zehn Prozent des Unterrichts in deutschen Schulen findet nicht statt. Trotzdem sind Zehntausende junge Lehrer ohne festen Job.

          Während Ministerien behaupten, es falle so gut wie kein Unterricht aus, wissen es Eltern, Schüler und Schulleiter besser: Bis zu zehn Prozent des Unterrichts in den Schulen finden nicht statt. Während einer gymnasialen Schullaufbahn summiert sich der Unterrichtsausfall auf ein komplettes Schuljahr. Zugleich sind Zehntausende von jungen Lehrern ohne festen Job.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Aus aktuellen Schätzungen des Deutschen Lehrerverbandes geht hervor, dass 50.000 Nachwuchslehrer ohne angemessene Beschäftigung sind. Sie fristen ihr Leben als Aushilfslehrer, haben einen Vertrag für drei oder sechs Monate. Wer Glück hat, bekommt einen Vertrag für zehneinhalb Monate - die Sommerferien werden oft genug nicht bezahlt. Manche Schüler müssen in einem Fach zwei oder drei Lehrerwechsel während eines Schuljahres verkraften. Wer unter solchen Bedingungen noch Zusammenhänge erkennt, muss ein Überflieger sein oder häusliche Nachhilfe haben.

          Kein Arbeitslosengeld zu erwarten

          Als Arbeitssuchende waren nur 10.000 Lehrer in allgemeinbildenden und beruflichen Schulen gemeldet. Der weitaus größere Teil der jungen Lehrer zwischen 25 und 30 Jahren meldet sich nicht arbeitslos, weil ohnehin kein Arbeitslosengeld zu erwarten wäre. Da Referendare in ihrer Ausbildungsphase meistens Beamte auf Widerruf und deshalb nicht sozialversicherungspflichtig sind, haben sie nämlich keinen Anspruch auf ArbeitslosengeldI. Viele leben mit einem verdienenden Partner und bekommen deshalb auch kein Arbeitslosengeld II. Dazu kommt, dass die Arbeitsagenturen überhaupt nicht auf die Vermittlung von Lehrern eingestellt sind. Im Dezember 2011 waren nur 1876 offene Arbeitsstellen in allgemeinbildenden Schulen oder Berufsschulen ausgewiesen, häufig nur in Mangelfächern.

          Besonders ungünstig sind die Aussichten für Lehrer mit Deutsch, Englisch und Geschichte. Selbst ein Notendurchschnitt von 1,3 bis 1,6 in diesen Fächern reicht in einzelnen Bundesländern nicht für eine feste Anstellung. Wer Mathematik, Physik, Informatik, Latein oder Musik studiert hat, wird mehr Glück haben.

          Sturm der Entrüstung

          In Bayern zum Beispiel wird strikt nach Notendurchschnitt eingestellt. Für das laufende Schuljahr 2011/2012 brauchten Deutsch- und Geschichtslehrer einen Schnitt von 1,26, Mathe- und Physiklehrer aber nur einen von 2,9. Immerhin verbeamtet Bayern, und die Aufstiegschancen für Lehrer sind gut. Ein verbeamteter Lehrer verdient 500 bis 1000 Euro mehr als ein angestellter Lehrer in Sachsen und hat dazu noch die Sicherheit des Beamtenstatus. Kein Wunder, dass die Ankündigung des sächsischen Kultusministers Roland Wöller (CDU), die Beibehaltung des Beamtenstatus bayerischer Lehrer zu prüfen, wenn sie nach Sachsen kämen, einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen hat.

          In Berlin ist die Lage noch schwieriger: Seit der Wahl zum Abgeordnetenhaus im vergangenen Herbst haben viele Lehrer resigniert. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) will die Lehrer der Hauptstadt auch weiterhin nicht verbeamten. Nach einer Umfrage der Vereinigung der Oberstudiendirektoren des Landes Berlin sitzen jetzt 530 von 1400 angestellten Lehrern an Gymnasien förmlich auf gepackten Koffern. Sobald sie eine Stelle in einem anderen Bundesland mit sofortiger Verbeamtung bekommen, werden sie Berlin verlassen. Also jeder Dritte.

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