Während Ministerien behaupten, es falle so gut wie kein Unterricht aus, wissen es Eltern, Schüler und Schulleiter besser: Bis zu zehn Prozent des Unterrichts in den Schulen finden nicht statt. Während einer gymnasialen Schullaufbahn summiert sich der Unterrichtsausfall auf ein komplettes Schuljahr. Zugleich sind Zehntausende von jungen Lehrern ohne festen Job.
Aus aktuellen Schätzungen des Deutschen Lehrerverbandes geht hervor, dass 50.000 Nachwuchslehrer ohne angemessene Beschäftigung sind. Sie fristen ihr Leben als Aushilfslehrer, haben einen Vertrag für drei oder sechs Monate. Wer Glück hat, bekommt einen Vertrag für zehneinhalb Monate - die Sommerferien werden oft genug nicht bezahlt. Manche Schüler müssen in einem Fach zwei oder drei Lehrerwechsel während eines Schuljahres verkraften. Wer unter solchen Bedingungen noch Zusammenhänge erkennt, muss ein Überflieger sein oder häusliche Nachhilfe haben.
Kein Arbeitslosengeld zu erwarten
Als Arbeitssuchende waren nur 10.000 Lehrer in allgemeinbildenden und beruflichen Schulen gemeldet. Der weitaus größere Teil der jungen Lehrer zwischen 25 und 30 Jahren meldet sich nicht arbeitslos, weil ohnehin kein Arbeitslosengeld zu erwarten wäre. Da Referendare in ihrer Ausbildungsphase meistens Beamte auf Widerruf und deshalb nicht sozialversicherungspflichtig sind, haben sie nämlich keinen Anspruch auf ArbeitslosengeldI. Viele leben mit einem verdienenden Partner und bekommen deshalb auch kein Arbeitslosengeld II. Dazu kommt, dass die Arbeitsagenturen überhaupt nicht auf die Vermittlung von Lehrern eingestellt sind. Im Dezember 2011 waren nur 1876 offene Arbeitsstellen in allgemeinbildenden Schulen oder Berufsschulen ausgewiesen, häufig nur in Mangelfächern.
Besonders ungünstig sind die Aussichten für Lehrer mit Deutsch, Englisch und Geschichte. Selbst ein Notendurchschnitt von 1,3 bis 1,6 in diesen Fächern reicht in einzelnen Bundesländern nicht für eine feste Anstellung. Wer Mathematik, Physik, Informatik, Latein oder Musik studiert hat, wird mehr Glück haben.
Sturm der Entrüstung
In Bayern zum Beispiel wird strikt nach Notendurchschnitt eingestellt. Für das laufende Schuljahr 2011/2012 brauchten Deutsch- und Geschichtslehrer einen Schnitt von 1,26, Mathe- und Physiklehrer aber nur einen von 2,9. Immerhin verbeamtet Bayern, und die Aufstiegschancen für Lehrer sind gut. Ein verbeamteter Lehrer verdient 500 bis 1000 Euro mehr als ein angestellter Lehrer in Sachsen und hat dazu noch die Sicherheit des Beamtenstatus. Kein Wunder, dass die Ankündigung des sächsischen Kultusministers Roland Wöller (CDU), die Beibehaltung des Beamtenstatus bayerischer Lehrer zu prüfen, wenn sie nach Sachsen kämen, einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen hat.
In Berlin ist die Lage noch schwieriger: Seit der Wahl zum Abgeordnetenhaus im vergangenen Herbst haben viele Lehrer resigniert. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) will die Lehrer der Hauptstadt auch weiterhin nicht verbeamten. Nach einer Umfrage der Vereinigung der Oberstudiendirektoren des Landes Berlin sitzen jetzt 530 von 1400 angestellten Lehrern an Gymnasien förmlich auf gepackten Koffern. Sobald sie eine Stelle in einem anderen Bundesland mit sofortiger Verbeamtung bekommen, werden sie Berlin verlassen. Also jeder Dritte.
Abwanderung aus Berlin
In manchen Gymnasien haben schon jetzt 80 Prozent einen Antrag auf Freistellung von ihrem mit Berlin geschlossenen Beschäftigungsvertrag gestellt, um jederzeit gehen zu können. Und das sind die jüngsten Lehrer, oft auch die engagierten. Im schlimmsten Fall kann ein Schulleiter am Ende des Schuljahres fast ein halbes Kollegium verlieren. Wie soll er unter solchen Umständen noch das neue Schuljahr planen? Für manche ist der Abschied nicht einmal mit einem Umzug verbunden. Sie bleiben in Berlin wohnen und unterrichten in Brandenburg. Dort werden Lehrer nämlich verbeamtet.
Der frühere Berliner Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) hat es zwar geschafft, das Einstiegsgehalt für die angestellten Junglehrer anzuheben, um die Abwanderung zu stoppen. Aber das hat die Ungleichheit im Lehrerzimmer nur erhöht. Nun verdienen nämlich Junglehrer mit Anfang 30 genauso viel wie Angestellte mit Anfang 50. Ein 40 Jahre alter Studienrat, der in Berlin bleibt, bekommt weniger als ein Kollege, der nach Niedersachsen ging, verbeamtet wurde und zurückkommt.
Wettstreit der Bundesländer um junge Lehrer
Ralf Treptow, der Vorsitzende der Oberstudiendirektoren in Berlin, fürchtet mit guten Gründen, dass der Wettstreit der Bundesländer um die jungen Lehrer zu Lasten Berlins ausgehen wird. Eine einigermaßen gute Lehrerversorgung werden in fünf bis zehn Jahren nur noch die Länder haben, die ihren Lehrern gute Gehälter, einen sicheren Beamtenstatus und attraktive Wohnorte bieten. In allen anderen Ländern werden noch mehr Lehrer fehlen und deshalb noch mehr Stunden ausfallen.
Mit einer Lehrerversorgung von 110 Prozent an einer Schule könnte wenigstens der Unterrichtsausfall gestoppt werden, rechnet der Deutsche Lehrerverband in seiner Analyse vor. Lehrer, die nicht für andere Fachkollegen einspringen müssen, könnten Förderunterricht geben, schwache Schüler unterstützen, Hausaufgaben betreuen. Sie könnten dafür sorgen, dass eine Vertretungsstunde sich nicht auf Beaufsichtigung beschränkt. Fachunterricht gilt bei den Ministerien nämlich auch dann als vertreten, wenn überhaupt nichts gelehrt wurde. Und trotzdem fallen noch so viele Stunden ersatzlos aus. Arbeitssuchende Junglehrer würden sie gern übernehmen.
Insgesamt 1,2 Millionen Unterrichtsstunden in der Woche finden nicht regulär statt. Das entspricht genau der Unterrichtsverpflichtung von 45.000 Vollzeitlehrern. Lehrerverbände haben eine bundesweite Lehrerbörse vorgeschlagen. Aber die wollen die Länder nicht. Dann käme nämlich rasch ans Licht, wo die Bedingungen gut sind und wo Lehrer so schlecht behandelt werden wie in Berlin.
Eigentlich müssten die Länder zusätzliche Lehrer einstellen und so für eine Vertretungsreserve sorgen. Sie haben sich beim Bildungsgipfel mit der Kanzlerin nämlich verpflichtet, keine Lehrerstellen zu kürzen, obwohl die Schülerzahlen zurückgehen. Wenn die Zahl der Lehrerstellen gehalten werden könnte, wäre schon viel gewonnen. Aber nicht einmal das wird in Berlin und anderswo gelingen, wenn die Lehrer nicht besser bezahlt werden.
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