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Veröffentlicht: 24.07.2016, 09:21 Uhr

Kein Abi, kein Studium Die Lüge der Petra Hinz

Eine SPD-Bundestagsabgeordnete hat Abitur und Studium vorgetäuscht und ist nach 30 Jahren aufgeflogen. Inzwischen kann man erkennen, dass sie ein Leben wie ein Phantom geführt hat – und wohl einige Mitwisser hatte.

von , Essen
© Archiv/Bearbeitung F.A.S. Petra Hinz hat etwas Phantomhaftes: Selbst enge Parteifreunde wissen nicht, ob sie Familie hat oder wo sie wohnt.

Irgendwann hat Petra Hinz wohl angefangen, an ihre eigene Geschichte zu glauben. Im Wahlkampf 2009 schwärmte sie vom Wert der Bildung. Sie stand vor einer Gruppe von Schülern in ihrem Wahlkreis: Hinz erzählte vom Studium in Bonn und berichtete, wie anstrengend das Pendeln von Essen aus dorthin gewesen sei. Wie schwer Lernen und Zugfahren mit dem ehrenamtlichen Engagement zu vereinbaren waren. Und dass sie heute sehr froh sei, als Juristin arbeiten zu können.

Timo Steppat Folgen:

„Deshalb kämpfe ich als Sozialdemokratin für Chancengleichheit“, sagte Hinz zum Schluss kämpferisch. Ein Genosse aus Essen, der dabei war, sagt: „Petra hat uns eine Aufsteiger-Geschichte erzählt. Sie war darin die Heldin.“ Bis Mittwochvormittag stand genau diese Biographie auf der Homepage des Bundestages: Abitur, Studium, Tätigkeit als Juristin, seit 2005 Abgeordnete für die SPD. Tatsächlich hatte sie weder das Abitur gemacht noch studiert.

Die Lüge reicht fast 30 Jahre zurück. Damals, in den achtziger Jahren, trat Petra Hinz der SPD bei. Sie studiere Jura, sagte sie den Parteifreunden. Mit 27 kam sie in den Rat der Stadt Essen, das war 1989. Sie erzählte nicht viel davon, was sie neben der politischen Arbeit machte. Erst wenn einer konkret nach dem begonnenen Studium fragte, sagte sie, dass sie das erste Staatsexamen bestanden habe, bald darauf war auch vom zweiten die Rede. Später gab Hinz vor, als freiberufliche Juristin zu arbeiten, dann in einem Konzern. Den Kollegen im Stadtrat erzählte sie selten davon. Sie vermied es, allzu privat zu werden. Das genaue Gegenteil erlebten ihre Wähler: Sie schien offen, herzlich und freundlich.

Ohne Akademiker-Titel keine Karriere in der SPD?

Nach 16 Jahren im Stadtrat setzte Hinz sich 2005 bei einer Kampfabstimmung durch und wurde von ihrem Unterbezirk für den Bundestag aufgestellt. „Da wirkte die Petra zum ersten Mal ganz bei sich“, sagt einer, der für sie gestimmt hat. Sie sei stolz gewesen, Abgeordnete zu sein. Elf Jahre später zerbricht alles: Dienstag Nacht, nachdem ein Essener Lokalmagazin die Zweifel am Lebenslauf öffentlich gemacht hat, veröffentlichten die Anwälte von Petra Hinz eine dürre Stellungnahme. Warum sie mit dem Lügen angefangen habe, hieß es in der Stellungnahme, das könne sie heute nicht mehr ausmachen. Einmal habe sie versucht, das Abitur nachzuholen. Sie scheiterte.

Mehr wollte die 54 Jahre alte Hinz dazu nicht sagen. Sie ist seit Anfang der Woche abgetaucht. Viele Fragen sind offen. Warum gibt jemand vor, Akademiker zu sein? Muss man in der SPD einen Studienabschluss vorweisen, um Karriere zu machen? Was hat Petra Hinz in den Jahren des Jura-Studiums überhaupt gemacht? In ihrem Lebenslauf klafft jetzt eine große Lücke. Und, wusste wirklich niemand davon?

Petra Hinz © dpa Vergrößern Petra Hinz bei einer Rede im Bundestag

Spricht man mit Essener Sozialdemokraten, sind sie „geschockt“ oder „völlig überrascht“, manchmal auch beides. Dabei sind die meisten, die heute in Führungspositionen sind, ungefähr im Alter von Petra Hinz, Ende 40 bis Mitte 50. Die Parteikarrieren ähneln sich, trotzdem sagen fast alle, Hinz sei ihnen nie besonders aufgefallen. „Die war immer unter dem Radar“, sagt einer aus dem Parteivorstand in Essen. Sie sei gerade so laut und auffällig wie nötig gewesen, um gewählt zu werden.

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