http://www.faz.net/-gpf-74ace
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 11.11.2012, 12:50 Uhr

Katrin Göring-Eckardt Mit langem Atem

Um Katrin Göring-Eckardt war es in den vergangenen Jahren still geworden - wegen anderer Ämter, die die designierte Grünen-Spitzenkandidatin ausübte. Dennoch hat sie die Urwahl - gemeinsam mit Jürgen Trittin - gewonnen.

von , Berlin
© dpa Spät ins Rennen gegangen, Konkurrentinnen überholt: Katrin Göring-Eckart ging als zweite Siegerin aus den Bewerberrunden für die Grünen-Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl hervor.

„Das Beste kommt noch“, hat die neue Spitzenkandidatin der Grünen nach ihrem Sieg auf ihrer Internetseite mitgeteilt - das Obama-Zitat verrät etwas vom Selbstbewusstsein der Thüringer Theologin Göring-Eckardt. Seit einigen Jahren war es etwas stiller geworden um sie - eher innerhalb der Partei als außerhalb, doch hatte sie das nicht beabsichtigt. Es lag am Amt der Präses der Evangelischen Kirchensynode, und auch an ihrem parlamentarischen Amt einer Bundestagsvizepräsidentin - eine Funktion, die oft eher als Ausklang einer Karriere gewertet wird.

Johannes Leithäuser Folgen:

Im Falle Katrin Göring-Eckardts jedoch erwies sich der parlamentarische Posten eher als ein Überwinterungsplatz. Sie hatte mit Ehrgeiz und mitunter auch mit dem Alleinstellungsmerkmal einer ostdeutschen Frau schon weitaus früher in ihrer politischen Laufbahn Karrierepositionen erreicht, war in den Jahren der rot-grünen Koalition parlamentarische Fraktionsgeschäftsführerin, anschließend von 2002 bis 2005 Fraktionsvorsitzende geworden.

Anfänge in der DDR-Opposition

Ihre politischen Anfänge liegen in der kirchennahen ostdeutschen Oppositionsbewegung. Frau Göring-Eckardt gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Bürgerbewegungs-Gruppierungen „Demokratischer Aufbruch“ und „Demokratie Jetzt“ - zu den Mitgliedern der erstgenannten Sammelbewegung zählte seinerzeit in Berlin auch eine Physikerin namens Angela Merkel. Und wie im Falle Frau Merkels war das Engagement Göring-Eckardts in der „Wende“ der DDR nicht bloß von kirchlichen, sondern auch von bürgerlichen Wurzeln ermutigt. Das Zuhause der künftigen Grünen war die Familie eines Tanzlehrers - ein Milieu, das seinen Kindern aufrechten Gang nicht nur im übertragenen Sinne, sondern buchstäblich anhand einer gestreckten Wirbelsäule vermittelte.

In der Grünen-Partei, in die Frau Göring-Eckardt 1994 über die Assoziation mit Bündnis 90, ihrer damaligen politischen Heimat, gelangte, galt sie sogleich als „Reala“. Sie sammelte in Bonn erste politische Erfahrungen als Mitarbeiterin des baden-württembergischen Abgeordneten Berninger, der später unter Schröder Minister im Bundeskanzleramt wurde - so knüpfte sie damals Kontakte in das liberal-pragmatische Lager der Grünen im Südwesten, aus dem sie jetzt die deutlichste Unterstützung erfuhr.

Eigene Chancen unterschätzt

Frau Göring-Eckardts Bewerbung um die Spitzenkandidatur wirkte zögerlicher als die Ambitionen ihrer Wettbewerberinnen Künast und Roth - das lag auch daran, dass sie selbst ihre Chancen nicht allzu hoch einschätzte. In dem zwei Monate währenden Wahlkampf warb sie weder ausdrücklich mit ihrer ostdeutschen Herkunft oder ihrer innerparteilichen Heimat auf dem „realpolitischen“ Flügel: eher ließ sie kokett ironisch durchblicken, dass sie im Alter von Mitte 40 doch ein ganzes Jahrzehnt jünger sei als ihre bekannten Mitbewerber.

In den nächsten Monaten wird ihr dieser Umstand womöglich stillen Trost spenden: immer dann, wenn ihr Spitzenkandidatenpartner Trittin das Duo zu dominieren sucht, wird sie sich bewusst machen können, dass sie über den längeren politischen Atem verfügt.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Reaktionen auf Parteitag Scharfe Kritik an AfD-Grundsatzprogramm

Plump, wirr, irrsinnig – die etablierten Parteien reagieren entsetzt auf die auf dem Parteitag beschlossenen Forderungen der AfD. Eine Zusammenarbeit schließen sie konsequent aus. Mehr

02.05.2016, 11:02 Uhr | Politik
Video Reaktionen auf Regierungsentscheidung zu Böhmermann

Bundesaußenminister Steinmeier und Bundesjustizminister haben in Berlin ihre Haltung im Fall Böhmermann erläutert. SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann und Grünen-Fraktionschef Hofreiter kritisierten die Entscheidung von Bundeskanzlerin Merkel, auf Betreiben der Türkei strafrechtliche Ermittlungen gegen den ZDF-Satiriker Jan Böhmermann zu erlauben. Mehr

15.04.2016, 17:05 Uhr | Politik
Grünen-Fraktion Beck wieder religionspolitischer Sprecher

Volker Beck kehrt auf die politische Bühne zurück. Anfang März hatte der Grünen-Politiker nach einem Drogenfund seine Ämter niedergelegt. Nun nimmt er sie wieder auf – mit einer Ausnahme. Mehr

26.04.2016, 20:35 Uhr | Politik
Nicht gesucht, doch gefunden Grün-schwarze Koalitionspremiere in Baden-Württemberg

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der CDU-Landesvorsitzende Thomas Strobl haben die Einigung auf das Regierungsbündnis zwischen Grünen und CDU bekannt gegeben. Den Grünen war es bei den Landtagswahlen am 13. März gelungen, erstmals bei einer Landtagswahl stärkste Kraft zu werden. Mehr

03.05.2016, 08:09 Uhr | Politik
TV-Kritik: Sandra Maischberger Politischer Kollateralschaden

Staatsaffäre Böhmermann - Diktiert Erdogan Merkels Kurs?, wollte Sandra Maischberger wissen. Dabei wurde der Schaden deutlich, den Jan Böhmermann mit seinem satirischen Frühwerk angerichtet hat. Mehr Von Frank Lübberding

21.04.2016, 07:21 Uhr | Feuilleton

Die Freiheit der anderen

Von Reinhard Müller

Manche reagieren auf die AfD, indem sie sie zum Feind erklären und an die dreißiger Jahre erinnern. Dabei kann man der Partei gar keinen größeren Gefallen tun. Mehr 40 27