Kürzlich wurden die Spitzenkandidaten der Grünen von der Parteibasis gewählt. Sie haben Renate Künast und Claudia Roth um zehn beziehungsweise zwanzig Prozentpunkte abgehängt. Hat Sie das überrascht, Frau Göring-Eckardt?
Ich habe es schon für möglich gehalten, dass ich gewinne. Sonst wäre ich nicht angetreten. Mit einem so großen Vorsprung hatte ich aber nicht gerechnet. Das hat mich natürlich gefreut.
Warum hat die Basis der Grünen so klar entschieden?
Ich nehme an, den Mitgliedern ging es darum, dass wir im Wahlkampf möglichst viele Wählerinnen und Wähler ansprechen können und dass sie das einem Duo Trittin/Göring-Eckardt am ehesten zutrauen. Da gibt es die Wähler, die schon immer die Grünen gewählt haben und das hoffentlich weiter tun. Aber es gibt auch diejenigen, die mal CDU, mal SPD oder auch mal gar nicht gewählt haben. Die wollen wir gewinnen.
Ihre Eltern hatten in der DDR eine Tanzschule und haben Ihnen Walzer beigebracht und gute Manieren. Fehlen uns solche Manieren heute?
Der schwarz-gelben Koalition bestimmt.
Die Gesellschaft besteht nicht nur aus der schwarz-gelben Koalition.
Ich finde nicht, dass in unserer Gesellschaft gutes Benehmen und Manieren fehlen. Aber manches müssen wir neu lernen, Höflichkeit in sozialen Netzwerken zum Beispiel ist nicht so leicht bei 140 Zeichen. Was die richtigen Manieren sein sollen, ist nicht mehr so eng gefasst wie früher. Da gibt es heute eine breite Palette von Möglichkeiten. Aber es schadet sicher nicht, Grundkenntnisse eines höflichen Umgangs miteinander zu haben.
Sind Sie in einem oppositionellen Elternhaus aufgewachsen?
Überhaupt nicht. Meine Mutter ist in den fünfziger Jahren von der Schule geflogen, weil sie in der kirchlichen Jungen Gemeinde war und das auch offen gesagt hat. Sie wollte immer vermeiden, dass mir das Gleiche passiert. Deswegen verfolgten meine Eltern die Linie, dass man bestimmte Sachen drinnen, zu Hause erzählen sollte und andere Dinge draußen. Mein Vater hat für Franz Josef Strauß geschwärmt. Er war sehr konservativ und hat das zu Hause durchaus ausgelebt. Aber das hatte nichts mit Opposition zu tun. Mit der Opposition hatte ich erst Kontakt, als ich als Jugendliche in die Junge Gemeinde kam.
Wollten Sie weg?
Na, zumindest entstand in mir eine große Sehnsucht, in die Ferne zu reisen. Ich habe mit 13 Jahren angefangen, dafür zu sparen. Ich hatte eine Tante in Westdeutschland, die mir ab und zu zehn D-Mark geschenkt hat. Ich habe ausgerechnet, dass das Geld, einigermaßen konsequent gespart, dann reichen müsste, um im Rentenalter, in dem DDR-Bürger ja reisen durften, nach New York zu können. Als die Mauer gefallen war, war ich dann schon 1992 in New York.
Sie waren in der FDJ, aber auch in kirchlichen Kreisen aktiv. Waren Sie angepasst oder eine Quertreiberin?
Ich war in der Schule eher aufmüpfig. Meine Zensuren für Betragen waren nicht die besten.
Nämlich?
In guten Jahren eine Zwei. Das klingt jetzt nicht nach einer Katastrophe, aber das war als Zensur für Betragen für Mädchen an meiner DDR-Schule eher ungewöhnlich.
Was sagten Ihre Eltern?
Mein Vater hat immer gesagt, er wünsche sich kein Kind, das eine tolle Note in Betragen hat. Eine totale Mitläuferin - das wollte er auch nicht.
Und in der FDJ?
Das war eine Gratwanderung zwischen Mitmachen und Verweigern. Ich war nicht aus Begeisterung oder Überzeugung dabei, sondern dachte mir, immer noch besser, du bist auch dabei, als nur diejenigen, die alles nach Vorschrift machen. Ich war nicht diejenige, die Grenzen überschreiten wollte, aber ich wollte immer wieder ausprobieren, wo sie liegen, und ich dachte, es müsse möglich sein, das System von innen zu verändern. Meine ersten politischen Reden waren allerdings Büttenreden.
Büttenreden? Wir sprechen doch nicht über eine Jugend in Köln?
Büttenreden im Schulfasching. Ich war mit 15 Jahren Vorsitzende des Elferrates. Normalerweise machten das nur Jungs. Beim Fasching konnte man keine wirkliche Opposition machen, aber man konnte zwischen den Zeilen die ein oder andere kritische Anspielung unterbringen.
Sie wollten eigentlich Deutschlehrerin werden, haben sich aber für Theologie entschieden. Warum?
Meine Lehrerin hat mich davon abgebracht. Als Deutschlehrerin hätte ich die Staatsideologie vertreten müssen. Dazu meinte meine Lehrerin: Das schaffst du nicht, den Kindern etwas anderes beizubringen, als du selber denkst. Das war schrecklich für mich, weil ich schon als Kind immer Lehrerin werden wollte. Ich hoffe, man merkt das heute nicht mehr allzu sehr.
Sie haben nach wenigen Semestern aufgehört, Theologie zu studieren. Wie kam das?
Ich habe mein Studium 1988 krankheitsbedingt unterbrechen müssen. Dann war 1989 und friedliche Revolution. Ich entdeckte meine Begeisterung für die Politik und wurde schnell von ihr aufgesogen.
Sie werden oft als Theologin bezeichnet, was vielleicht damit zusammenhängt, dass Sie Präses der EKD-Synode sind.
Ich habe immer wieder gesagt, dass ich keine Theologin bin. Die Funktion der Vorsitzenden der EKD-Synode konnte ich gerade deswegen ausüben, denn das dürfen nur Nichtordinierte. Ich lasse das Amt allerdings jetzt in der Zeit meiner Spitzenkandidatur ruhen.
Bedauern Sie es, nicht zu Ende studiert zu haben?
Es hat mich oft beschäftigt, dass ich nicht zu Ende studiert und einen Abschluss gemacht habe. Und heute freue ich mich sehr, wenn ich predigen darf.
Immerhin ist Ihr Mann Pfarrer. Mit dem haben Sie zwei Kinder. Sie wollten den Grünen beibringen, dass es normale Familien mit Mutter, Vater, Kindern gibt. Wie schwierig war das?
Es ist vor allem mehr als zehn Jahre her. Ich habe mit einigen Gleichaltrigen bei den Grünen versucht, Familie als positiven Begriff zu etablieren. Familie ist für mich nicht allein die klassische Vater-Mutter-Kind-Konstellation, sondern auch die Patchworkfamilie oder die schwule Lebenspartnerschaft mit adoptierten Kindern oder auch lesbische Partnerinnen mit Kindern. Aber unabhängig davon konnte ich die Abneigung gegen den Begriff Familie nicht verstehen.
Bei den Grünen geht es doch immer wieder nur um Alleinerziehende, Schwule oder Lesben.
Das ist Unsinn, denn die Mehrheit lebt in traditionellen Familien, manche auch zum zweiten oder dritten Mal. Aber es gibt nun mal vielfältige Modelle von Familie. Politik mit nur einem bestimmten Modell zu machen, wie die Union es tut, geht an der gelebten gesellschaftlichen Realität und vor allem an dem, was für die Kinder nötig ist, vorbei.
Haben Sie Verständnis für eine Frau, die wegen der Kinder ganz auf Berufstätigkeit verzichtet?
Natürlich, wenn es eine freie Entscheidung der Frau ist, dass sie sich auch dauerhaft gegen eine Berufstätigkeit entscheidet, um ihre Kinder großzuziehen. Allerdings darf sie dazu nicht durch fehlende Kita-Plätze, familienunfreundliche Arbeitsbedingungen oder die Karrierepläne des Partners de facto gezwungen werden. Und ich bin dagegen, ein solches Modell politisch zu fördern. Ich wurde übrigens auch komisch angeguckt, als ich sagte, mein Kind soll nicht sofort in die Krippe.
Was bedeutet Glaube für Sie?
Glaube ist Heimat und Versicherung. Als gläubiger Mensch weiß ich, es gibt noch etwas anderes als das, was ich jetzt wichtig finde, was gerade im Kalender steht, oder der nächste Karriereschritt. Ich gehe sonntags um zehn in die Kirche. Da will niemand etwas von mir. Das ist wunderbar. Es gibt keinen Ort, der beruhigender ist.
Wie sehr bestimmt der Glaube Ihren Alltag?
Ich mache nicht Politik mit der Bibel in der Hand. Trotzdem gibt der Glaube mir Leitbilder, die mein politisches Handeln beeinflussen. Was die kleinen Dinge angeht: Ich lese jeden Tag beim Frühstück einen Bibelvers, den die Herrnhuter Brüder ausgesucht haben. Der Spruch ist gelost, also nicht für einen bestimmten Tag ausgesucht worden. Dennoch passt er oft genau zu meinem Tag. Und ich bete jeden Abend vor dem Schlafengehen. Ich bete, wenn es um wichtige Sachen geht - allerdings nicht für Urwahlergebnisse.
Die Grünen fordern in Berlin, das Fach Religion nicht mit dem Fach Ethik gleichzusetzen, in Bayern wollen sie die Kruzifixe aus den Schulen verbannen. Als gläubige Christin sind Sie Minderheit in Ihrer Partei.
Dabei geht es doch nicht gegen die Kirche, sondern um das Verhältnis von Kirche und Staat. Das sind zwei verschiedene Dinge. In der grünen Bundestagsfraktion sind die Christen auch keine Minderheit. Trotzdem beschäftigen wir Grüne uns zum Beispiel kritisch mit der Frage des kirchlichen Arbeitsrechts und seiner Ausgestaltung. Das tun die Kirchen im Übrigen auch selbst. Das Gleiche gilt für die Frage des Religionsunterrichts. Ich bin für den Religionsunterricht. Das muss allerdings auch für die unterschiedlichsten Religionen gelten und möglich sein. Das hat mit meiner Erfahrung in der DDR zu tun, da durfte Religion in der Schule keine Rolle spielen. Ich finde es gut, wenn Kinder in der Schule etwas von Leuten, die glauben, über Religion erfahren. Dennoch ist es nicht kirchenfeindlich zu überlegen, wie man mit dem Religionsunterricht in staatlichen Schulen umgeht. Denn unsere Gesellschaft ist zum einen multireligiös, zum anderen gibt es immer mehr Menschen, die wenig über Religion wissen.
Wie ist es bei den Grünen?
Die Grünen sind keine antireligiöse oder kirchenfeindliche Partei, sonst hätten wohl kaum 47 Prozent der Mitglieder mich als bekennende Christin bei der Urwahl gewählt. Ich finde es gut, dass die Grünen weltanschaulich offen sind. Bei einer Debatte wie der um die Beschneidung von Jungen kommt bei uns wie insgesamt in der Gesellschaft teilweise auch Fremdheit gegenüber Religiosität zum Ausdruck.
Die Aktion von Pussy Riot in einer Moskauer Kathedrale fanden viele Grüne gut. Wie sehen Sie das?
Ich habe mich dafür ausgesprochen, dass Pussy Riot den Preis der Lutherstadt Wittenberg bekommen sollten. Die friedliche Revolution in der DDR hat auch damit begonnen, dass in Kirchen Provokationen stattgefunden haben. Pussy Riot hätten an keinem anderen Ort eine solche Aufmerksamkeit für ihr Anliegen erregen können. Deswegen fand ich die Idee der Stadt Wittenberg gut, diesen Frauen den Preis für das unerschrockene Wort zu verleihen. Ganz sicher hat Martin Luther mit seinen Worten auch Gläubige beleidigt, ja vor den Kopf gestoßen. Kritik verlangt manchmal auch Provokation - erst recht, wenn es wie in Russland um eine Diktatur geht.
Angela Merkel ist auch eine gläubige Protestantin, die in der DDR aufgewachsen ist. Sehen Sie Ähnlichkeiten mit ihr?
Wir sind in einer Kirche und glauben an den gleichen Gott. Biographisch und politisch haben wir aber nicht viel gemeinsam. Ihre naturwissenschaftliche Ader ist mir fremd, und ich bin auch nicht im Pfarrhaus aufgewachsen.
Aber durch Heirat im Pfarrhaus gelandet.
Wenn Sie unbedingt wollen, dann geht es sogar noch weiter: Angela Merkel und ich waren in einer gemeinsamen Partei, dem „Demokratischen Aufbruch“. Wir sind uns da aber nicht begegnet. Es war nicht viel Zeit dafür. Denn ich bin schon im Januar 1990 ausgetreten, als der „Demokratische Aufbruch“ sich der „Allianz für Deutschland“ anschloss und Helmut Kohl zu seinem Anführer machte. Das widersprach meinen politischen Überzeugungen.
Sie haben sich das Image einer linken Sozialpolitikerin zugelegt. Hatten Sie zu viel in der Bibel gelesen?
Wo haben Sie denn das her? Ich habe bei den Hartz-IV-Verhandlungen damals gesagt: Wir müssen die im Blick haben, die vom Arbeitsleben ausgeschlossen sind, und uns fragen, wie schaffen wir es, dass sie wieder reinkommen. So sehe ich es auch heute noch.
Sie haben für die Agenda 2010 samt Hartz IV gestimmt, und heute klagen Sie, dass man vom Hartz-IV-Regelsatz nicht leben könne. Wie glaubwürdig ist das?
Wir hatten über den Regelsatz harte Auseinandersetzungen mit dem damaligen Wirtschaftsminister Wolfgang Clement. Als Grüne haben wir gesagt: Wir sind bereit, die Kompromisse mit der SPD mitzumachen. Solange die Richtung des Förderns und Forderns auch stimmt. Und nach einem Jahr wollten wir das Gesetz komplett überprüfen. Das kam aber nicht zustande, weil dann die rot-grüne Regierung vorbei war.
Schuld sind also die SPD und Wolfgang Clement?
Nein, das war auch noch die Unionsmehrheit im Bundesrat. Aber es gibt auch Sachen, die wir falsch eingeschätzt haben. Ich ganz persönlich kann sagen: Ich trage Schuld daran, dass wir das Schulessen für die Kinder in den Regelsatz eingepreist haben und sich nach einem halben Jahr 80 Prozent der Kinder abgemeldet hatten. Das war die katastrophale Wirkung einer Regelung, die nach der Leitlinie getroffen wurde: Warum sollen ALG-II-Bezieher nicht selbst darüber entscheiden können, ob es in der Schule Essen gibt oder zu Hause? Ich war ganz sicher, da wird sich niemand abmelden. Über diesen Fehler ärgere ich mich immer noch.
Sie sprechen sich jetzt gegen Sanktionen für arbeitsunwillige Hartz-IV-Empfänger aus. Wieso?
Es ist mittlerweile zu einer völligen Schieflage gekommen, kräftig vorangetrieben von Schwarz-Gelb. Aus Fördern und Fordern ist nur noch Fordern geworden. Und es hat sich gezeigt, dass Sanktionen nicht helfen, das sagt Ihnen jeder Praktiker. Es braucht andere Wege, damit gerade junge Leute eine Chance bekommen, das für sich in Anspruch zu nehmen, was ihnen vorgeschlagen wird, oder das machen, was sie sich selbst überlegt haben.
Kommen wir noch mal auf den Wahlkampf. Seit Joschka Fischer hat kein Grüner mehr die Marktplätze zum Kochen gebracht.
Da waren Sie auf anderen Marktplätzen als ich. Volle Marktplätze habe ich auch im letzten Bundestagswahlkampf gesehen. Winfried Kretschmann konnte im vergangenen Jahr Marktplätze füllen, auch wenn er eine ganz andere Art hat. Wir leben in einer Zeit, in der die Art, wie Joschka Fischer und andere Wahlkampf gemacht haben, nicht mehr die einzige ist, die Leute begeistert.
Das Gespräch mit der Spitzenkandidatin der Grünen führten Eckart Lohse und Markus Wehner.
Ich finde sie nett..
Michael Posthoff (MisterMischa)
- 11.12.2012, 19:29 Uhr
Hallo
Rupert Wimmer (Zeus1947)
- 11.12.2012, 16:57 Uhr
Erfreulich zu lesen,
Gottfried Lobeck (golo7)
- 11.12.2012, 16:54 Uhr
Frau Göring-Eckert - auch nur ein linksgrüner Vogel frei nach
dem Bibelspruch....
Herbert Sax (H.Sax)
- 11.12.2012, 16:01 Uhr
Bürgerlich-religiös
Dennis Sieberman (Sieberman)
- 11.12.2012, 15:53 Uhr