Home
http://www.faz.net/-gpg-7hbzw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Katholische Kirche Verlagsgruppe Weltbild akut bedroht

Der von der Katholischen Kirche getragenen Verlagsgruppe „Weltbild“ droht nach Informationen der F.A.Z. die Insolvenz. Das Unternehmen macht trotz eines Milliarden-Umsatzes seit längerem Verluste.

© dpa Vergrößern „Weltbild“-Filiale in Dortmund: Keine Zukunft?

Der Fortbestand der von der katholischen Kirche in Deutschland getragenen Verlagsgruppe Weltbild ist akut bedroht. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verhalten sich die Geschäftsbanken einschließlich der kirchlichen Banken Liga und Pax so, dass die Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens nicht ausgeschlossen ist.

Daniel Deckers Folgen:  

Die Verlagsgruppe beschäftigt nach eigenen Angaben 6800 Mitarbeiter, davon etwa 3500 an ihrem Stammsitz Augsburg. Der Umsatz belief sich nach den letzten, zum 30. Juni 2012 veröffentlichen Zahlen auf annähernd 1,6 Milliarden Euro.

Die Geschäftsführung der Verlagsgruppe bestritt am Montagabend eine akute Bedrohung. Der Fortbestand des Unternehmens sei „in keiner Weise gefährdet“, sagte eine Sprecherin.

Bischöfe seit Jahren zerstritten

Die Gesellschafter des Medien- und Versandunternehmens – zwölf Diözesen, die Soldatenseelsorge Berlin sowie der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) – liegen über Weltbild seit Jahren im Streit. Manchmal zweifelten Bischöfe an der „katholischen“ Ausrichtung des Buch- und Mediensortiments, manchmal daran, dass ein Unternehmen, das zum zweitgrößten Online-Buchhändler in Deutschland wurde und dabei erhebliche wirtschaftliche Risiken einging, in kirchlicher Trägerschaft gut aufgehoben ist.

Als erster wollte der Kölner Kardinal Meisner mit Weltbild nichts mehr zu tun haben und übertrug die Gesellschafteranteile des Erzbistums Köln im Jahr 2008 treuhänderisch dem VDD. Auch ein Verkauf wurde vor einigen Jahren geprüft. Die Finanzkrise des Jahres 2008 machte alle Träume zunichte, das Unternehmen für einen hohen dreistelligen Millionenbetrag zu veräußern.

Vor drei Jahren bekamen die Verkaufsgerüchte neue Nahrung. Papst Benedikt XVI. machte sich den von interessierter Seite verbreiteten „Skandal“ zu eigen, dass über den Katalog sowie den Internetauftritt pornographische Literatur zu erwerben sei. Indes weigerten sich einige Gesellschafter unter Führung des Münchner Erzbischofs Marx, Weltbild zum Verkauf zu stellen. Marx verwies nicht nur auf die Verantwortung für viele tausend Mitarbeiter, deren Arbeitsplätze bedroht wären. Der Münchner Erzbischof warb auch dafür, die Gesellschafteranteile in eine Stiftung einzubringen, die die wirtschaftliche Steuerung und die weltanschauliche Prägung der Unternehmensgruppe garantieren solle.

Gewinne des Unternehmens sollten nicht wie bisher den Bistümern zu Gute kommen, sondern dem katholischen Bildungswesen. Mit Zustimmung von Papst Benedikt XVI. fassten die Gesellschafter im November 2011 einen entsprechenden Beschluss. Doch die Stiftung gibt es bis heute nicht. Die Bistümer Köln, Trier, Aachen und Münster fühlen sich an den Beschluss nicht mehr gebunden, obwohl dieser noch im Juni von den Gesellschaftern bekräftigt wurde. Hinter den Kulissen bereiten sie den Verkauf von Weltbild vor. Allerdings hat sich die Ertragslage des Unternehmens in den beiden vergangenen Jahren verschlechtert.

Erzbischof Marx: Organisierte Unverantwortlichkeit

Ein Verkaufserlös wäre mutmaßlich geringer als das Eigenkapital in Höhe von etwa 175 Millionen Euro. Kenner des Unternehmens schließen nicht aus, dass die Gesellschafter Geld nachschießen müssten, sollten sie die Verlagsgruppe als ganze erhalten oder im Zuge eines Verkaufs den Erhalt der meisten Arbeitsplätze sicherstellen. Langfristig sind mutmaßlich nur Unternehmensteile wie die im Aufbau begriffene Online-Handelsplattform rentabel.

Angesichts der Uneinigkeit der Gesellschafter haben die Geschäftsbanken dem Unternehmen eine Frist von wenigen Wochen gesetzt. Nun müssen die Bischöfe klären, ob sie im Zustand „organisierter Unverantwortlichkeit“ verharren wollen, wie der Münchner Kardinal Marx sich jüngst intern vernehmen ließ, oder die Eigentümerschaft in eine neue Rechtsform überführen.

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kuba und Amerika Franziskus hocherfreut über historische Entscheidung

Mit Briefen und Telefonaten hat Papst Franziskus entscheidend an der Annäherung zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten mitgewirkt. Die diplomatische Operation des Argentiniers im Vatikan war vom Erfolg gekrönt. Er hatte gute Berater. Mehr Von Jörg Bremer, Rom

18.12.2014, 13:43 Uhr | Politik
Gemischte Reaktionen auf neuen Tonfall des Vatikans

Auf einer Tagung von 200 Bischöfen zum Thema Familie hatte sich die Führung der katholischen Kirche entschieden, einen Schritt auf Schwule und Lesben zuzugehen. In Buenos Aires, der Heimat von Papst Franziskus, wurde das Papier mit Interesse aufgenommen. Mehr

15.10.2014, 12:18 Uhr | Politik
Der Stille im Vatikan Ein Besuch bei Vater Benedikt

Er trägt noch immer das weiße Papstgewand. Aber die roten Schuhe hat er gegen braune Sandalen über weißen Strümpfen getauscht. Mehr Von Jörg Bremer, Vatikanstadt

07.12.2014, 11:02 Uhr | Politik
Vorwürfe wegen Kindesmissbrauchs gegen früheren Erzbischof

Gegen einen früheren Erzbischof werden schwere Vorwürfe erhoben, wegen mutmaßlichen Kindesmissbrauches. Der ehemalige katholische Spitzenfunktionär aus Polen soll sich während seiner Tätigkeit als päpstlicher Botschafter in der Dominikanischen Republik Sex mit Kindern gekauft haben. Es ist der erste Fall einer Festnahme im Vatikan wegen solcher Vorwürfe. Mehr

24.09.2014, 17:30 Uhr | Politik
Karlikatur Lagerfeld sieht schon die Ökumene voraus

Ein Freund der Kirche ist Karl Lagerfeld sicher nicht. Zum Fest der Liebe aber kommen sich bei ihm auch Papst Franziskus und die Protestantin Angela Merkel, gewandet als Weihnachtsfrau, näher. Doch etwas stört die traute Zweisamkeit. Mehr Von Alfons Kaiser

13.12.2014, 15:06 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.09.2013, 15:37 Uhr