06.03.2010 · Das Kloster Ettal wollte zeigen, dass es nun ernst mache mit der Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe - bis der kommissarische Schulleiter zur Verteidigung eines beschuldigten Paters ansetzte.
Von Martin Wittmann, EttalEine einzige Wortmeldung reichte in Ettal - und auf einen Schlag war die Klosterstrategie der Nulltoleranz, die immer wieder als hervorragend gepriesene Zusammenarbeit von Abtei, Diözese und externem Sonderermittler bei der Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe in Frage gestellt.
Dabei sollte die Pressekonferenz in der Aula des Klosters Ettal Fragen klären statt aufwerfen, denn von denen hatten sich seit vergangener Woche ohnehin genügend ergeben, so dass das Kloster auf Drängen der Erzdiözese München und Freising den Rechtsanwalt Thomas Pfister in Ettal als Sonderermittler eingesetzt hatte.
Prügel mit Bambusstöcken
Pfister trug am Freitag vor Journalisten seinen in den vergangenen zehn Tagen recherchierten Bericht vor, in dem neben vielen anderen Grausamkeiten auch die brutalen Unterrichtsmethoden des mittlerweile vom Schuldienst entfernten Pater R. beschrieben wurden. Daraufhin meldete sich Wolf Rall, der kommissarische Schulleiter Ettals, aus dem Publikum zu Wort und sprach von „leichten Kopfnüssen“ eines lediglich überforderten Paters, die auch die Schüler für Späße gehalten hätten. Die Schüler seien überdies sehr traurig, jetzt, wo der Pater nicht mehr da sei.
„So geht es ja wirklich nicht“, antwortete Pfister erbost, Rall habe ihm selbst berichtet, dass Schüler zu Hause geweint hätten und manche wegen der Brutalität des Lehrers zu Bettnässern geworden seien. Rall, der sich inzwischen wieder hinter den Säulen der Aula verbarg, solle wieder „aus der Deckung kommen“.
Pfisters Unmut ist verständlich, sind es doch Bagatellisierung, Wegschauen und Vertuschung, wovon sein Bericht über die Vergangenheit des Klosters handelt. Etwa hundert Opfer hätten sich in den Tagen seines Einsatzes gemeldet und mindestens zehn Klosterangehörige des sexuellen Missbrauchs oder der Gewalt beschuldigt. Ehemalige Schüler hätten ihm von Annäherungen der Patres erzählt, von stundenlangem Stehen im Gang als Strafe und von Prügeln mit Bambusstöcken, bis diese brachen und die Schüler danach in der Krankenstation behandelt werden mussten.
Mönch unter potentiellen Opfern
Auch ein Mönch sei unter den potentiellen Opfern. All das sei offen und mit Wissen der Schulleitung geschehen. Ein Opfer nennt das Kloster einen „hermetischen Staat im Staat“. Auch dass der 2009 verstorbene Pater Magnus an den Klosterschülern seine pädophilen Neigungen ausgelebt habe, sei bekannt gewesen. Dennoch habe er über Jahre mit Kindern und Jugendlichen arbeiten dürfen.
Die meisten der geschilderten Taten seien in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren begangen worden, bevor 1990 mit einem neuen Schuldirektor eine Zäsur stattgefunden habe, sagte Pfister. Dennoch gibt es derzeit drei Fälle, in denen die Staatsanwaltschaft München tätig ist: Gegen einen Pater, von dessen Streicheleien Schüler schon 2005 der Schulleitung berichteten, ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen sexuellen Missbrauchs. Er war bis zuletzt im Kloster Wechselburg beschäftigt, wohin er nach den ersten Anschuldigungen versetzt worden war - der inzwischen zurückgetretene Abt Barnabas Bögle hatte 2005 ein psychiatrisches Gutachten über den Pater in Auftrag gegeben, das keine Bedenken gegen dessen weiteren Einsatz in der Seelsorge beinhaltet.
Zusammen mit zwei ebenfalls aus Ettal nach Wechselburg versetzten und nun beschuldigten Mitbrüdern wurde der Pater vergangene Woche von seinen Aufgaben entpflichtet. Gegen einen weiteren dieser Patres ermittelt die Staatsanwaltschaft, weil er Schüler misshandelt haben soll. Der dritte Pater, gegen den ermittelt wird, hat sich vergangene Woche freiwillig Pfister anvertraut, da er kinderpornographisches Material besitze. Auch habe er in der Vergangenheit Fotos von leichtbekleideten Schülern auf einschlägige Internetseiten gestellt.
Staatsanwaltschaft durchsucht Rechner
Die von Pfister informierte Staatsanwaltschaft durchsuchte daraufhin am Mittwoch den Rechner des Paters im Kloster. Der Benediktiner wurde mit sofortiger Wirkung von allen pädagogischen und seelsorgerischen Aufgaben entbunden. Am Ende seiner Ausführungen bedankte sich Pfister für die gute Zusammenarbeit mit den Klosterangehörigen, aber da wusste er noch nicht, was Rall dem Thema hinzuzufügen hatte.
Rall leitet die Schule kommissarisch, da vergangene Woche neben Bögle auch Prior Maurus Kraß auf Drängen des Generalvikars des Erzbistums München und Freising, Peter Beer, zurücktreten musste. Beide haben ihnen bekannte Missbrauchsvorwürfe nicht der Erzdiözese gemeldet und damit nach Ansicht Beers gegen bischöfliche Leitlinien verstoßen. Weiterhin im Amt ist hingegen Wirtschaftsverwalter Pater Johannes Bauer, der das Kloster auf der Pressekonferenz vertrat.
Er bat die Opfer des Klosters um Verzeihung, auch die, die unter ihm selbst zu leiden hatten - mit Tränen in den Augen gab er zu, in den achtziger Jahren Schüler mit einem Bügel geschlagen zu haben. Bei der Neuorientierung des Klosters soll nun eine Apostolische Visitation helfen, die die Ettaler Benediktiner erbaten. Ob der Vatikan tatsächlich einen Abgesandten schicken wird, ist noch unklar. Der Vatikan nehme den Skandal um die Missbrauchsfälle in deutschen katholischen Einrichtungen jedoch „sehr ernst“, sagte ein Sprecher. Kurz vorher waren Hinweise auf Missbrauchsfälle beim weltberühmten Knabenchor Regensburger Domspatzen vor mehr als 40 Jahren bekannt geworden.