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Katholiken-Kommentar : Fatale Bilanzen

Das Kreuz von Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, aufgenommen im August 2013 in Limburg an der Lahn Bild: dpa

Eichstätt, Freiburg, Hamburg – es häufen sich Finanzskandale in der katholischen Kirche. Dass die als hochprofessionell geltenden Finanzabteilungen immer unwissend sind, ist kaum zu glauben.

          Bis heute gilt der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst als „Protz-Bischof“ – eine boulevardgesteuerte Wahrnehmung, die am Kern der Sache vorbeigeht. Der Mann hat Kirchenvermögen zweckentfremdet und seine Macht missbraucht, um die ohnehin schwachen Aufsichts- und Kontrollinstanzen, die über die Verwendung von Kirchenvermögen zu wachen haben, vollends auszuhebeln. Auch wenn der 2013 nach Rom geflüchtete Bischof sich bis heute als Opfer fühlt: Er ist ein Täter.

          Als Opfer fühlt sich seit neuestem auch das Bistum Eichstätt. Dort fehlen nicht rund dreißig Millionen wie in Limburg, sondern annähernd fünfzig. Ein (inzwischen verhafteter) stellvertretender Finanzdirektor hat diesen Betrag in Gestalt unbesicherter Immobiliendarlehen in Texas und Florida verzockt.

          Ans Licht kam dieser Vorgang nur, weil Bischof Gregor Maria Hanke zehn Jahre nach seiner Amtseinführung im Jahr 2005 externe Fachleute damit beauftragte, eine ordnungsgemäße Bilanz der Bistumsfinanzen zu erstellen. Bis dahin fand niemand etwas dabei, dass in den Aufsichts- und Kontrollgremien diejenigen mit am Tisch saßen, die es zu kontrollieren galt. Alles Opfer? Oder Mittäter?

          Wer im Erzbistum Freiburg Täter ist und wer Opfer, muss sich weisen. Einstweilen sind 160 Millionen Euro zurückgestellt, um die Ansprüche der Deutschen Rentenversicherung zu begleichen. Die wurde – so die Selbstbezichtigung – fast zwanzig Jahre lang um Sozialabgaben für geringfügig Beschäftigte in den Kirchengemeinden betrogen. Dass das ohne das Wissen und Wollen der als hochprofessionell geltenden Finanzabteilung geschehen sein kann, ist kaum zu glauben. Wie es bis heute um das Unrechtsbewusstsein in Teilen der Kirche steht, gab jüngst ein Geistlicher zu erkennen, der in Gegenwart des Erzbischofs meinte, der Staat solle sich doch nicht so haben. Stephan Burger, ein nüchterner Kirchenjurist, wurde böse. Sage niemand, die Kirche sei nicht lernfähig.

          Vorgänger hinterlassen achtzig Millionen Euro Schulden

          Doch lernen ist das eine, die richtigen Schlüsse aus dem Gelernten zu ziehen das andere. Vor wenigen Monaten hat Erzbischof Stefan Heße in Hamburg das gigantische Ausmaß an bilanzieller Verschuldung realisiert, das ihm seine beiden Vorgänger hinterlassen haben: achtzig Millionen Euro. Als Erstes will er sich von bis zu acht Schulen trennen – ausgerechnet. Laien wollen nun eine Genossenschaft gründen, damit Kinder und ihre Familien nicht länger die Opfer klerikaler Misswirtschaft sind.

          Misswirtschaft? Bistümer wie Hildesheim oder Essen haben längst testierte Bilanzen vorgelegt, als andere stolz darauf waren, keine Wirtschaftsprüfer im Haus zu haben. In einigen Diözesen sind die Vermögensverwaltungsräte längst mit unabhängigen Fachleuten besetzt, andernorts haben noch immer die Geistlichen das Sagen, so auch im Aufsichtsrat der mit einer Bilanzsumme von 5,7 Milliarden Euro größten Genossenschaftsbank in Bayern, der kirchlichen Liga-Bank.

          Dabei haben die Skandale insoweit System, als jeder Bischof bis heute das Kirchenvermögen nach Gusto offenlegen und bilanzieren lässt. Dasselbe Tohuwabohu bei der Besetzung der Aufsichts- und Kontrollgremien. Die vermeintliche Irrationalität dieses Verhaltens hat einen rationalen Kern. Nur so hat jeder die Möglichkeit, Vermögenspositionen nicht nur vor der Öffentlichkeit zu verbergen, sondern auch vor dem Blick der anderen Bischöfe.

          Neuausrichtung der Finanzbeziehungen vonnöten

          Richtig: Die Kirche in Deutschland ist kein Konzern mit 27 Filialen, sondern besteht aus 27 rechtlich selbständigen und finanziell autonomen Einheiten. Doch warum sollte man den Bischöfen als Kollektiv Glauben schenken, wenn sie sich untereinander nicht über den Weg trauen? Und: Immer mehr Bistümer mögen gut wirtschaften, aber niemand kann garantieren, dass andernorts nicht getrickst wird.

          Viel zu verlieren gibt es noch immer, nicht nur Geld. Die Steuerkraft der einzelnen Diözesen ist ebenso ungleich verteilt, wie die finanziellen Reserven es sind. Im Bistum Essen werden Kirchen im Dutzend abgerissen, ringsum wird nach allen Regeln der Kunst saniert. Wer soll das verstehen? Von Hamburg aus bittet der Erzbischof um Solidarität. An Rhein und Donau mag man (noch?) nicht dafür geradestehen, dass an der Elbe jahrelang alle Warnungen in den Wind geschlagen wurden.

          Wie man es drehen und wenden mag (und die Bischöfe sich winden mögen): Ohne verbindliche Mindeststandards für die Bilanzierung und die Offenlegung des Kirchenvermögens und ohne verbindliche Maßstäbe für Aufsicht und Kontrolle der Vermögensverwaltung werden die Bischöfe mit jedem Skandal weiter an Vertrauen einbüßen. Gleichzeitig wächst die Zahl der Bistümer, die aus eigener Kraft nicht mehr in der Lage sind, auch nur die Infrastruktur für Seelsorge und Caritas annähernd flächendeckend vorzuhalten. Die Zahl der Enttäuschten wächst, Suchende finden keinen Ort mehr.

          An einer grundlegenden Neuausrichtung der Finanzbeziehungen zwischen Nord und Süd, West und Ost führt kein Weg vorbei. Den materiellen Verlust hat im Fall des Falles die einzelne Diözese, den Reputationsschaden die Kirche als Ganzes.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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