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Katholische Kirche Die Revolution des Kardinals

 ·  Wenn der Umgang mit der „Pille danach“ ein Exempel ist, wird man die Kirche nicht wiedererkennen.

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Sage niemand, die katholische Kirche sei eine humorfreie Zone. Ausgerechnet im Kanon 666 des Kirchlichen Gesetzbuchs aus dem Jahr 1983 ist eine fast prophetische Mahnung zu lesen: Die Ordensleute sollten beim Gebrauch der „sozialen Kommunikationsmittel“ alles meiden, was der „Keuschheit der geweihten Person“ gefährlich sei. Mit anderen als den „geweihten“ Personen springt die Kirche in Angelegenheiten „in sexto“ weniger augenzwinkernd um. Spätestens seit dem Lehrschreiben „Humanae vitae“ über die „rechte Weitergabe des menschlichen Lebens“ aus dem Schicksalsjahr 1968 ist die katholische Kirche auf die Rolle einer unbelehrbaren Moralagentur festgelegt, in der sinistre Figuren mit der Aura von Mitgliedern eines Politbüros zu wissen vorgeben, was das natürliche Sittengesetz den Menschen jeglicher Hautfarbe, jeglichen Alters und Geschlechts zu tun und zu lassen vorgibt.

Künstliche Empfängnisverhütung? Aus Prinzip nicht. Leihmutterschaft? Um Himmels willen. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften? Geht’s noch? Präimplantationsdiagnostik? Wehret den Anfängen. Abtreibung? Kindermord. Scheidung und Wiederverheiratung? Nicht mit uns. Aktive Sterbehilfe? Gott bewahre.

Freilich ist es nicht so, dass die Positionen der Kirche allesamt auf Unverständnis oder Ablehnung stießen. Gegen die Legalisierung aktiver Sterbehilfe machen auch Ärzteverbände und die Hospizbewegung mobil. Dass das Scheitern einer Ehe die Vollendung menschlichen Glücks darstellt, dürfte niemand behaupten. Statistiker können berechnen, wie gut es um die demographische Lage der Bundesrepublik stünde, wären nicht seit der Liberalisierung der Abtreibung in den Siebzigern bis zu 140.000 Kinder im Mutterleib getötet worden - im Jahr. Die Furcht vor einer Ausweitung der vorgeburtlichen Diagnostik zur Selektion von Embryonen mit gesellschaftlich unerwünschten Eigenschaften ist auch in Behindertenverbänden weit verbreitet.

In Frankreich sehen selbst Schwulenaktivisten in der „Ehe für alle“ eine Missgeburt aus Gleichstellungswahn. Dass Frauen in Indien oder anderswo einen Ausweg aus der Armut darin sehen, dass sie wohlhabenden Frauen aus den Industrieländern die Mühen einer Schwangerschaft abnehmen, sollte man wie den Sex mit Kindern, für den jedes Jahr Zehntausende aus den „zivilisierten“ Ländern des Westens nach Kenia oder Thailand fahren, für eine Perversion des vermeintlich postkolonialen Zeitalters halten. Und nicht jede Frau empfindet es als wohltuend, nur um den Preis täglicher Hormonaufnahme durch die Pille nicht schwanger zu werden.

Reaktionäres Moralsystem

Doch ist es die Tragik der Kirche, dass sie es weniger denn je vermag, das hinter ihrer Sexualmoral stehende Ganze zu verdeutlichen - eines, das größer wäre als die Summe seiner Teile und den einzelnen Normen einen Sitz im Leben jenseits der Erfahrungen des Einzelnen, einer Gesellschaft und einer bestimmten Zeit geben könnte. Papst Benedikt XVI. hat es wenigstens versucht. Im Deutschen Bundestag sprach er im September 2011 von der „Ökologie des Lebens“. Der Mensch, so der Papst aus Deutschland, sei ein Wesen, das nicht nur Geist und Wille sei, sondern auch Natur, die er achten müsse und die er nicht beliebig manipulieren könne.

Doch wer bestimmt, was die „Natur“ des Menschen ist? Wie kann man einen Zirkelbeweis vermeiden, in dem die Grundannahmen so konstruiert werden, dass man aus ihnen nur die erwünschten Ergebnisse ableiten kann? Das Naturrecht des 19. Jahrhunderts, das bis heute die Begründungslast der katholischen Sittenlehre trägt, hat diesen Ansprüchen noch nie genügt. Unter der Komplexität des medizinischen Fortschritts und der Pluralisierung der Lebensverhältnisse ist es endgültig zusammengebrochen. Aus diesem Fiasko gelernt hat das Lehramt der katholischen Kirche bis jetzt so gut wie nichts. Es klammert sich an ein Moralsystem, das der Form nach reaktionär und dem Ergebnis nach kontraproduktiv ist, weil es den Sinn der Normen verdunkelt statt erhellt.

Wie lange die Geisterfahrt auf der Moralautobahn noch dauern wird, steht dahin - und damit auch, wie lange Theologen und Bischöfe, die abweichende Positionen vertreten, diszipliniert werden und Millionen praktizierender Katholiken die Tür gewiesen wird, die bei der Empfängnisverhütung ihrem gesunden Menschenverstand trauen oder nach dem Scheitern ihrer Ehe einen Neuanfang wagen. Ein wenig hoffen lässt die Beurteilung, die der Kölner Kardinal Meisner jetzt der „Pille danach“ zuteilwerden ließ: Setzte man auch bei der Vermessung anderer ethischer Handlungsfelder auf die Abwägung konkurrierender Güter, wie es Meisner im Ansatz bei der „Pille danach“ getan hat, dann wäre eine Revolution katholischer Sexualmoral unausweichlich.

Freilich wäre das Ergebnis nicht eine Ermunterung zum Laissez-faire, sondern ein Angebot an alle Menschen guten Willens, in ein Gespräch über das gute Leben und über die Grundlagen eines Zusammenlebens in Freiheit und Verantwortung einzutreten. Ob auch Papst Benedikt dieses im Sinn hat? Selbst im Jahr des Glaubens sollte man nicht glauben, dass Meisner die katholische Sexualmoral ohne Billigung des Papstes vom Kopf auf die Füße gestellt haben könnte.

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06.02.2013, 12:39 Uhr

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