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Erinnerung an Kardinal Lehmann : Segnungen am Sterbebett

„Suche Frieden“ ist das Motto des Katholikentages in Münster. Bild: dpa

Auf dem Katholikentag ist die Erinnerung an Karl Kardinal Lehmann wach: Auf einer Gedenkveranstaltung erzählen frühere Weggefährten von berührenden, heiteren und skurrilen Momenten.

          Es ist Samstagmittag, die Wallfahrer nach Telgte sind noch nicht wieder zurückgekehrt, dennoch ist in der Innenstadt von Münster selbst für Fußgänger kaum ein Durchkommen. Seit Mittwochabend halten Zehntausende Teilnehmer des Katholikentages die Stadt besetzt, füllen Kirchen und Hörsäle, verweilen vor zahllosen Bühnen, auf denen ein ebenso buntes wie lautstarkes Programm geboten wird. In die Clemenskirche indes dringt der Lärm nicht. Von einem ehemaligen Friedhof umgeben liegt sie ein wenig abseits der Flaniermeilen – und dennoch müssen die Eingangstüren in den barocken, zur „Erzählkirche“ umfunktionierten Kirchenraum wieder einmal wegen Überfüllung geschlossen werden. Mit einer „besonderen Stunde“ soll dieses Experiment enden, so begrüßt der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Stefan Vesper, die Zuhörer: Der Erinnerung an einen der bedeutendsten Kirchenmänner der vergangenen Jahrzehnte, an Karl Kardinal Lehmann.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Was den vor wenigen Wochen verstorbenen Bischof von Mainz mit dem ZdK und den von ihm ausgerichteten Katholikentagen verbindet, ist schnell erzählt. Als kaum dreißig Jahre alter Theologieprofessor ließ sich Lehmann Ende der sechziger Jahre in das Zentralkomitee wählen, von 1971 bis 1975 gehörte er namens des ZdK der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland an und schied 1983 aus – doch nur, um als Bischof von Mainz und (seit 1987) als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz dem ZdK überaus gewogen zu bleiben. Mehr als vierzig Jahre lang, so Vesper, habe Lehmann auch die Katholikentage mitgestaltet. 

          Ernste, heitere, skurrile Erinnerungen

          Doch in dieser einen Stunde der Erinnerung „in Dankbarkeit“ wird die Gestalt des 1936 in Sigmaringen geborenen Kardinals nicht nur in der Nennung von Daten und der Aufzählung von Ereignissen lebendig. Sieben Weggefährten Lehmanns erzählen aus ihrem und aus seinem Leben. Ernste, heitere, ja auch skurrile Erinnerungen wechseln einander ab und vereinen sich zu einem Lebensbild, das so facettenreich ist wie das Wirken Lehmanns selbst.

          Gedenkveranstaltung für Lehmann in der Clemenskirche

          Udo Benz etwa, von 1998 bis 2002 Lehmanns persönlicher Sekretär und heute Weihbischof und Generalvikar im Bistum Mainz, nennt den Kardinal seinen Mentor und väterlichen Freund. Aus nächster Nähe hat er beobachtet, was es für Lehmann hieß, wie sein großes Vorbild Karl Rahner SJ ein „Anlasstheologe“ zu sein. Lebensdienlich sollte Theologie sein und kein Glasperlenspiel, von Erfahrungen ausgehend, um Gott zu erspüren in einer Gesellschaft, die vielleicht die Resonanzfähigkeit für Gott verloren hat. Große systematisch-theologische Werke darüber sind nie entstanden, das Interesse an Anderen und die Neugier auf Neues überwogen – und sei es die neueste Elektronik, die der Kardinal des Öfteren zwischen Bürozeiten und Abendbrot in den Geschäften nahe des Mainzer Bischofshauses ausfindig machte und heimbrachte. 

          Von berührenden Momenten, ja Berührungen selbst erzählte Wilfried Hagemann, der 1957 zusammen mit Lehmann zu studieren begonnen hatte. Zwei Priester des gemeinsamen Weihekurses hätten später ihr Amt aufgegeben – zu den Kurstreffen seien sie stets mit ihren Frauen eingeladen gewesen. Zu dritt, so Hagemann, hätten die „Germaniker“ jüngst an Lehmanns Sterbebett gestanden und dem sprachlosen Freund Lieder gesungen, bis er strahlte. Dann habe jeder seinen Kopf unter die kaum noch bewegliche Hand des Kardinals gelegt und sich segnen lassen. 

          „Er wusste immer viel zu viel“

          Von den Händen des Kardinals spricht auch Dorothea Sattler. Einst habe Lehmann ihr dazu verholfen, gegen viele Widerstände die Lehrerlaubnis für Dogmatik und ökumenische Theologie zu erhalten, berichtet die Münsteraner Professorin, die bei Lehmann schon in Freiburg studiert hatte. „Er wusste immer viel zu viel“, sagt sie vielsagend. Zuletzt gesehen hat sie Lehmann in Mainz, als sein Leichnam in der Augustinerkirche aufgebahrt war. Erkannt hat sie den, der da lag, an den feingliedrigen Händen. „Sie haben viel geschrieben, und sie haben viel gereicht.“ Was sie von einer Szene aus der Notaufnahme eines Krankenhauses berichtet, in die sie Lehmann vor einigen Jahren begleiten sollte, sagt vieles über diesen Mann: „Er hat meine Hände genommen, denn er hatte keine Scheu vor menschlicher Nähe.“

          Humorvoll-verschmitzt wie immer erzählt Bernhard Vogel aus fast fünfzig Jahren engster freundschaftlicher Verbundenheit. Als Kultusminister berief Vogel Lehmann 1968 auf einen Lehrstuhl nach Mainz, musste ihn aber bald in das Heimatbistum Freiburg ziehen lassen. Vogel war Ministerpräsident, als Lehmann 1983 als Bischof nach Mainz zurückkehrte und vier Jahre später den Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz übernahm. Zwar unterschied sich Vogels Erzählung, wie er auf einer nächtlichen Autofahrt durch Polen von dieser Wahl erfuhr, in einigen Details von dem, was die erste und bislang einzige ZdK-Präsidentin Rita Waschbüsch in der Clemenskirche berichtete, doch der Grundtenor war bei ihnen derselbe wie bei den abschließenden Rednern: „Hochintellektuell und menschennah“ sei Lehmann gewesen, so Waschbüsch, „ein vorbildlicher Mensch, für dessen Leben wir dankbar sein sollten“, so Vogel, „unterhaltsam, humorvoll“, so der emeritierte Rotterdamer Bischof Ad van Luyn.

          Andreas Barner, Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags 2015 in Stuttgart, hob das ökumenische Engagement Lehmanns hervor. Der 3. Ökumenische Kirchentag, der 2021 in Frankfurt stattfindet, sei auch sein Vermächtnis. Als nach 60 Minuten die Orgel anhebt, braucht es kein Gesangbuch und keinen Liedzettel: „Ubi caritas et amor“, erklingt es mehrstimmig. „Wo die Güte und die Liebe wohnt, da ist Gott.“

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