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Kasseler Flughafen : Was uns groß und wichtig erscheint

Taxiway: Das noch leere Vorfeld des neuen Kasseler Flughafens Bild: Pilar, Daniel

Schon vor der Eröffnung des Kasseler Flughafens wurden erste Flüge gestrichen, weil die Passagiere ausbleiben. Während die Grünen darin Vorboten eines Fiaskos sehen, glaubt die Landesregierung weiter fest an das Projekt.

          Besonders gerne lästert Jörg-Uwe Hahn dieser Tage über die Verschwender und Dilettanten in Berlin, die Milliarden hessischer Steuergelder aus dem Länderfinanzausgleich für ihren Pannenflughafen in den märkischen Sand setzten. „Wir können Flughafen“, sagt der hessische FDP-Vorsitzende und stellvertretende Ministerpräsident mit schadenfrohem Grinsen dann meist. Vom 4. April an kann sich Hahn über einen hochmodernen Flughafen nahe seiner Geburtsstadt Kassel freuen, der den hessischen Steuerzahler rund 271 Millionen Euro gekostet hat, aber immerhin rechtzeitig und ohne Baumängel fertig geworden ist. Mit einem Jungfernflug von Frankfurt am Main zum neuen Regionalflughafen Kassel-Calden werden Hahn und Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) mit vielen Gästen aus Politik und Wirtschaft den als Leuchtturmprojekt und Jobmotor angepriesenen Flughafen eröffnen. Nur der Vorsitzende der hessischen Grünen wird diesem Ereignis fernbleiben. „Ich habe einfach keine Lust zu feiern, wenn der Schlusspunkt für eine Verschwendung von 271 Millionen Euro gesetzt wird“, sagt Tarek Al-Wazir.

          Thomas Holl

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online.

          Als das Vorhaben vom damaligen Verkehrsminister Dieter Posch (FDP) vor fast zwölf Jahren im Landtag angekündigt wurde, betrugen die geschätzten Kosten für das Land nur rund 70 Millionen Euro. Damit sollte der bescheidene Verkehrslandeplatz in der Gemeinde Calden mit einer 2500 Meter langen neuen Start- und Landebahn und einem Terminal zu einem leistungsfähigen Regionalflughafen für Geschäftsreisende, Mittelmeertouristen und Frachtgut ausgebaut werden. Im Laufe der Jahre stiegen die Baukosten dann kontinuierlich auf 271 Millionen Euro, von denen rund 233 Millionen Euro auf das Land entfielen. Einen privaten Betreiber oder Mitinvestor für den Flughafen hat das Land bisher trotz intensiver, weltweiter Suche nicht finden können.

          Kaum Nachfrage für Kassel-Calden

          Hauptgeldgeber bleiben in den nächsten Jahren Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) oder seine Nachfolger. Als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Flughafengesellschaft Kassel (FKG) dämpfte Schäfer vor wenigen Tagen die Erwartungen, das sich private Investoren in nächster Zeit an dem Projekt beteiligen: „Wir haben festgestellt, dass der Markt in der aktuellen wirtschaftlichen Situation keinen privaten Mitgesellschafter hergibt.“ Für die Grünen bestätigen solche Aussagen die Prognosen von Luftverkehrsfachleuten, dass es für Kassel-Calden keine Nachfrage gibt und es in den kommenden Jahren für die hessischen Steuerzahler noch viel schlimmer kommen könnte.

          Bis 2020 muss der Flughafen pro Jahr mehr als 600000 Passagiere abfertigen, damit er dauerhaft wirtschaftlich arbeiten kann. Doch dem von der damaligen schwarz-gelben Landesregierung von Roland Koch (CDU) auch mit Hilfe der SPD auf den Weg gebrachten Airport wird es in den nächsten Jahren womöglich wie anderen Regionalflughäfen gehen. So musste die rot-grüne Landesregierung von Rheinland-Pfalz hastig einen Nachtragshaushalt durch den Landtag bringen, um mit rund 120 Millionen Euro den dauerdefizitären Flughafen Hahn im Hunsrück vor der Insolvenz zu retten. Auch dieser frühere amerikanische Militärflughafen wird ohne privates Geld seit 1994 als Infrastrukturprojekt am Leben erhalten, um dort rund 8000 Arbeitsplätze zu sichern.

          Ohne Subventionen aus der Landeskasse wird auch der Flughafen Kassel-Calden nicht betrieben werden können. Auf eine Kleine Anfrage der Grünen nannte Schäfer erste Zahlen, wie hoch der „Verlustausgleich“ durch das Land ausfällt. So sind für 2012 Verluste von 6,61 Millionen Euro und für 2013 Defizite von 3,68 Millionen Euro eingeplant, die das Land ausgleicht. Eine Deckelung dieses Verlustausgleichs ist laut Schäfer nicht vorgesehen. „Frühestens“ in fünf Jahren könne der Flughafen „eine schwarze Null schreiben“. Das Land erwarte jedoch, „dass sich die Anfangsverluste von Jahr zu Jahr reduzieren“.

          Für den ersten regulären Flug einer Boeing der Fluggesellschaft Germania in den türkischen Badeort Antalya am 4. April gab es vergangene Woche jedenfalls noch reichlich Plätze. Von 180 Sitzen waren dem Vernehmen nach nur 30 belegt. 20 Landungen und 22 Starts pro Woche sind bislang laut Flugplan vorgesehen. Von Mitte April bis Oktober sollen die Flugzeuge mit je 180 Sitzplätzen meist in Richtung Mittelmeer starten. Außer Germania fliegen noch Croatia Airlines und die türkische Charterfluggesellschaft Tailwind von Calden aus. Tailwind erklärte indes, dass der für den 5. April geplante erste reguläre Flug der Airline nach Antalya mangels Buchungen ausfalle. Die sechs Passagiere sollen nach Angaben der Zeitung „Göttinger Tagblatt“ stattdessen mit zwei Taxis zum 71 Kilometer entfernten Flughafen Paderborn kutschiert werden, wo auch ein Flugzeug mit Ziel Antalya abhebt.

          Quelle: F.A.Z.

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