12.09.2009 · Der „Baron der Herzen“ hat über Nacht astronomische Beliebtheitswerte erreicht. Wie das geht? Er tut so, als habe er mit der vielgeschmähten Berufspolitik, in der er sich täglich bewegt, nichts zu tun.
Von Eckart LohseNicht zu fassen, sie sagt es wirklich. Sie, die Frauenpolitikerin, schleift im Handstreich mühsam errichtete frauenpolitische Festungen. Michaela Noll, Bundestagsabgeordnete der CDU seit 2002, behauptet an jenem Donnerstagmorgen Anfang September in Erkrath bei Düsseldorf, für die Frauen in Deutschland sei ihr Gast der „Baron der Herzen“, für die Männer die „Kompetenz in Person“. Welcher Gast? So kann nur fragen, wer lange nicht mehr beim Friseur war und „Frau im Spiegel“ oder ähnliche Glanzblätter nicht gelesen hat, die uns seit Monaten schon auf der Titelseite vorschwärmen, dass „ihre Liebe“ ihm „Kraft gibt“. Sie heißt Stephanie, er Karl-Theodor, beide tragen den Namen zu Guttenberg. Neben der aufreibenden Funktion als Herzensbaron und Top-Wahlkämpfer von CSU und CDU ist er noch Bundeswirtschaftsminister und Kritiker des Opel-soll-zu-Magna-Manövers der Kanzlerin, wenn auch nur noch halblaut.
Sonnenblumen, die zu schnell wachsen, können sich irgendwann nicht mehr aus eigener Kraft halten und knicken um. Hunde, die zu schnell wachsen, leiden unter Gelenkschmerzen und können nicht mehr richtig laufen. Ruhm, der zu schnell wächst, birgt die Gefahr, sich schnell wieder in nichts aufzulösen. Noch nie ist der Ruhm oder besser: die in Umfragen ermittelte Beliebtheit eines Politikers in der deutschen Nachkriegsgeschichte derart schnell gewachsen wie im Falle Guttenberg. Was musste Franz Josef Strauß Richtung Bonn brüllen, bis er zum Inbegriff des bayerischen Löwen wurde, wie viel von diesem und anderem Schmäh musste Helmut Kohl ertragen, bis er als Kanzler der Einheit in die Geschichtsbücher einging, und wie viele Fehlgeleitete (einschließlich seiner selbst) musste der einstige Steinewerfer Joseph Martin Fischer vom ganz linken auf den rechten Pfad bringen, bevor er einen bis hinein ins Bürgertum respektierten Platz in der deutschen Politik gefunden hatte.
Kampferprobter Führungsnachwuchs sieht anders aus
Fast nichts davon kann der 37 Jahre alte Karl-Theodor zu Guttenberg vorweisen. Das ist nur eingeschränkt mit seiner Jugend zu erklären, schon mehr mit dem Zeitpunkt seiner Geburt, denn die Generation, der er angehört, bringt bislang kaum politische Urgesteine hervor. Immerhin kennt sie genügend Kämpfer, die über Jahre und Jahrzehnte aufgestiegen sind von der Jugendorganisation ihrer Parteien bis in eine Führungsposition.
Die Geschichte von Guttenbergs politischer Laufbahn bis zu jenem 10. Februar im Wahljahr 2009, an dem er Bundeswirtschaftsminister wurde, ist schnell erzählt. Fast zwei Legislaturperioden lang fiel der 2002 für die CSU in den Bundestag eingezogene promovierte Jurist als Außenpolitiker der Unionsfraktion im Bundestag zwar durchaus positiv auf, nicht zuletzt, weil er in der Lage ist, aus dem Stegreif in Englisch komplizierte außenpolitische Sachverhalte zu erläutern. In die Kategorie kampferprobter Führungsnachwuchs mit Ochsentournachweis gehört er aber nicht. Da tummelten sich jahrelang andere junge CSU-Politiker, allen voran der heutige bayerische Umweltminister Söder. Er durfte lange Zeit in der Gewissheit leben, nach dem Ende der Ära Stoiber mehr oder minder allein an der Spitze der Nachwuchsbewegung zu stehen. Söder stritt jahrelang als Generalsekretär der CSU lautstark für die Positionen seiner Partei. Damit kämpfte er zugleich für seine Position in ihr, ganz dem Prinzip folgend, dass nur eine feste Machtbasis in der Partei Halt im politischen Kampf gibt.
Der feine Grat zwischen Übermut und Größenwahn
Und Guttenberg? Der war schließlich auch mal CSU-Generalsekretär. Aber nur gut drei Monate, bis er Minister wurde. Es war wohl nicht wirklich sein Job. Heute sagt der Wirtschaftsminister Sätze wie diesen: „Ich denke nicht isoliert in Parteistrukturen.“ Einerseits ist es üblich unter Politikern, zu sagen, sie dächten zuerst ans Land und an die Sache. Die meisten fügen jedoch an, dass sie dann an die Partei dächten. Guttenbergs Satz darf ihm nicht so ausgelegt werden, dass er gar nicht an die Partei denke. Aber immerhin ist es bemerkenswert, wenn der neben der Kanzlerin oberste Wahlkämpfer der Union wenige Wochen vor dem wichtigsten Machtkampf der Parteien, der Bundestagswahl, sich solcherart vom parteipolitischen Geschäft distanziert.
Seit ihn eine auch für ihn überraschende Welle öffentlicher Begeisterung davonträgt, gehört Distanzierung zur Hauptbeschäftigung des Karl-Theodor zu Guttenberg. Der Mann hat ein Gespür für Gefahren. Als er gut einen Monat nach seinem Amtsantritt bei einer Amerika-Reise auf dem Times Square in New York für die Kameras posierte wie ein Popstar, dem die Welt zu Füßen liegt, begriff er sehr schnell, dass solcher Übermut leicht als Größenwahn ausgelegt wird. Seither verwendet er in seinen Auftritten viel Zeit darauf, sich nur als Gast auf dem Olymp der politischen Beliebtheit zu inszenieren.
„Das Licht der Öffentlichkeit ist nur bedingt vergnüglich“
Es ist der 30. Juli, der Bundestagswahlkampf befindet sich in einer sehr frühen Phase, hat eigentlich noch gar nicht richtig begonnen. Guttenberg ist auf Einladung des Bundestagsabgeordneten Fromme von der CDU nach Wolfenbüttel gereist. Das füllt an einem Donnerstag um 14 Uhr einen Saal mit etwa 500 Zuhörern. Guttenberg beginnt seine Rede keineswegs mit der Wirtschaftskrise oder der Opel-Rettung - er redet über sich. Demut sei ein Begriff, der nicht immer mit dem Namen Guttenberg in Verbindung gebracht werde. Darum gibt er sich demütig. Beliebtheitsrankings von Politikern seien doch nur „Momentaufnahmen, Wimpernschläge“. Politisches Handeln dürfe nicht daran bemessen werden, ob man in Popularitätskurven oben auftauche, es gehe nicht um die nächste Stufe auf der Karriereleiter. Was seine Person angehe, so denke er nicht über den Tag der Bundestagswahl am 27. September hinaus. So geht das seither in jeder Rede.
Gut einen Monat später, ganz oben über den Wolken im Flugzeug auf dem Weg von Berlin zu einem Wahlkampfauftritt, dort, wo ein Blick aus dem Fenster reicht, um die Risiken des Höhenflugs zu erahnen, schließt Guttenberg an diese Argumentation an: „Ich hatte immer die notwendige Distanz zum Politikbetrieb. Sie hat sich in den letzten Monaten nicht verringert.“ Oder: „Das Licht der Öffentlichkeit ist nur bedingt vergnüglich.“ Oder er erzählt, dass er es trotz aller Belastung schaffe, dabei zu sein, wenn eine seiner kleinen Töchter ihr erstes Klavierkonzert gebe oder das Seepferdchen erschwimme. Schließlich: „Wenn es überhaupt ein Phänomen Guttenberg gibt, fällt es mir schwer, dies zu beschreiben.“
Eine Mischung, die kein Medienberater synthetisch hätte herstellen können
Dabei ist es genau damit beschrieben. Denn seine Distanzierung ist ja nicht nur der vorsorgliche Versuch, einem irgendwann unausweichlichen Absturz früh rhetorisch vorzubeugen. Es ist mindestens ebenso Koketterie. Guttenberg tut so, als habe er mit den Berufspolitikern, die an ihrem politischen Ende wie einst Heide Simonis winselnd fragen: „Ja, und wo bin ich dann?“, nichts zu tun. Das kommt gut an in Zeiten, da dieser Berufsstand verachtet wird. Ob der Minister wirklich so unabhängig ist, ob ein Schloss oder ein Vermögen so groß sein kann, dass es zehn Fernsehkameras pro Tag ersetzt, diese Frage wird sich frühestens dann stellen, wenn es mit Guttenbergs politischer Karriere einmal bergab gehen sollte. Noch funktioniert das System.
In seiner eigenen Partei freut man sich über die Wahlkampferfolge von „KT“ und achtet seine Leistung, auch wenn parteipolitische Wärme ihn nicht umfängt. In der CDU dagegen liegen sie ihm zu Füßen, weil er mindestens bis zur Wahl die wirtschaftsliberale Lücke füllt, die der Abgang von Friedrich Merz gerissen hat. Viele in der CDU fürchteten ein Scheitern der Opel-Rettung vor der Wahl. Doch wussten sie dabei stets, wie werbewirksam es ist, wenn wenigstens einer nein sagt zur Unternehmensrettung mit Steuergeldern und so auch noch heldenhaft der Kanzlerin entgegentritt. Guttenberg wirbt damit, dass er nicht zum Mainstream der Berufspolitik passt, und wird von dieser dafür beklatscht.
Ein Weiteres kommt hinzu: Guttenberg erfüllt jenes Bedürfnis nach Glamour, das durch Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier so sträflich vernachlässigt wird. Am treffendsten hat das jemand beschrieben, der selbst von Adel ist. Noch einmal nach Erkrath: Bevor die Abgeordnete Noll vom „Baron der Herzen“ schwärmt, hat der Unternehmer Hasso von Blücher das Wort. „Der Begriff adelig ist juristisch, wirtschaftlich und sozial entleert, nur noch die Vorlage für fiktive mediale Abziehbilder. Aber die Sehnsucht ist geblieben“, analysiert er. In dem „Spiel der medialen Fiktionen“ könne Guttenberg mit einigen sehr realen Versatzstücken operieren, sagt anschließend von Blücher: einem Schloss, einem Forst, einem Pferd, einem Hund, einigen Jagdgewehren, einer schönen Frau und noch dazu mit einem juristischen Doktortitel der Universität Bamberg. Dann fasst er zusammen: „Eine eigenartige, unverwechselbare Mischung, die kein Medienberater synthetisch hätte herstellen können.“
Blücher? Irgendwie muss man unwillkürlich an Waterloo denken.
Eckart Lohse Jahrgang 1963, Leiter des Büros der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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