Hinrichten lassen will sich Peer Steinbrück nicht. „Ich lege den Kopf nicht devot auf die Guillotine“, ruft er am Freitag bei einer SPD-Veranstaltung. Haltung zu zeigen und sich die Politik nicht wegnehmen zu lassen, darum gehe es nun. Da applaudieren die Genossen. „Ihr könnt darauf zählen, dass ich eine ganz gute Kondition habe“, sagt Steinbrück und will damit alle Spekulationen verscheuchen, er werde vor der Zeit aufgeben. Die Durchhalteparole zeigt, wie angeschlagen der Mann ist. Fast pausenlos hat er einstecken müssen, seit er vor zwei Monaten Kanzlerkandidat wurde. Nie ist es ihm gelungen, das Tempo zu bestimmen. Nun will er Zweifel an seinen Nehmerqualitäten zerstreuen - und zu alter Form zurückfinden.
Das ist schwierig. Denn Steinbrück muss eine ganz neue Rolle spielen. Er wird zu allen Themen gefragt, kann nicht mehr seine Standard-Rede zu Euro-Krise, Finanzen und Wirtschaft abspulen, die er seit Jahren mit Variationen gehalten hat. So spricht er am Freitag beim Treffen des Netzwerks Berlin der SPD über das deutsche Bildungssystem mit seiner „skandalös schlechten“ Durchlässigkeit oder von dem Skandal, dass Frauen in Deutschland für die gleiche Tätigkeit 23 Prozent weniger Lohn erhalten als Männer. Das sind ziemlich neue Töne für Steinbrück, auch etwa, wenn er dafür wirbt, dass das Ehegattensplitting gefälligst auch für die Homo-Ehe gelten soll. Er macht dann einen Scherz zum Thema Ehe, sagt, in der SPD könne man ja nur was Wichtiges werden, wenn man vier Scheidungen hinter sich habe. Steinbrück ist in erster Ehe verheiratet. „Vielleicht haben meine derzeitigen Schwierigkeiten ja damit zu tun“, sagt er. Es sind solche Szenen, in denen der alte Steinbrück sichtbar ist. Auch spricht der Kandidat jetzt über die fehlenden bezahlbaren Wohnungen in den Großstädten, kommt dabei auch auf den ländlichen Raum. Die Cleveren gingen da weg, sagt er, das seien die Frauen. Bleiben würden nur die doofen Männer. „Die Frauen sagen: Ich gehe dahin, wo die besseren Jobs sind und außerdem sind mir die hiesigen Knacker eh zu blöd.“
Steinbrück hätte statt Knacker auch „Scheißkerle“ sagen können, aber das Wort ist seit ein paar Tagen etwas belastet. Es ist der Titel eines erfolgreichen Buchs von Roman Maria Koidl. In ihm beschreibt der Autor, warum die erfolgreichen Frauen um die Dreißig immer an die falschen Männer geraten, wobei sie doch schon froh seien, wenn der Kerl „vielleicht ein paar Bücher besitzt, dafür aber keine Ledercouch mit Chrom, keine farbigen Sakkos trägt, nicht nur über sich redet, gelegentlich auch mal von den Brüsten hoch ins Gesicht seines weiblichen Gegenüber sieht“. Koidl hat ein weiteres Buch geschrieben: „Blender“. Das beschreibt, warum Männer - die er in „Schlipswichser“, „niederträchtige Sadisten“ und „hysterische Schaumschläger“ einteilt - Karriere machen und die klügeren Frauen dabei alt aussehen lassen. Vielleicht wären Koidls An- und Einsichten, die über seine Lebenswelt viel preisgeben, eine interessante Hilfe für Steinbrück, der bei Frauen laut Umfragen nicht besonders gut ankommt. Aber Koidl sollte nicht Frauen-, sondern Online-Berater Steinbrücks werden. Doch am Mittwoch musste er gehen.
Steinbrück hat nicht verstanden, welches Spiel er spielt
Der 45 Jahre alte Unternehmer ist, so schreibt er auf seiner Homepage, „Serial Entrepreneur“ und Initiator des „Convenience“-Trends in Deutschland. Er hat eine Kaffeehauskette gegründet und verkauft und die Schokoladenfirma „Most“ erworben. Er hat mehrere Beratungs-, PR- und Designagenturen gegründet. Und er wurde Berater des amerikanischen Hedgefonds „Cerberus Global Investors“ und des britischen Unternehmens „Varde Partners Europe“, für die er Übernahmeprozesse strukturiert haben will. Dass mit den Hedgefonds, im sozialdemokratischen Jargon „Heuschrecken“ genannt, kam im Willy-Brandt-Haus nicht gut an. Wohl noch schlechter fanden dort manche Koidls Pläne, die digitalen Welten für Peer Steinbrück so umfassend neu zu gestalten, dass es die Organisation der SPD-Zentrale auf den Kopf gestellt hätte, wie Steinbrück selbst sagt. Dass Koidl dann der „Bild“-Zeitung ein Interview gab, hat seinen Abgang wohl noch beschleunigt. Steinbrücks Sprecher Michael Donnermeyer sagt, er habe Koidl dringend davon abgeraten. Eigentlich wäre das Ganze keine große Sache. Schließlich sollte der Mann nur Berater sein, nicht etwa Minister, wie seinerzeit der Unternehmer Jost Stollmann in Gerhard Schröders Schattenkabinett von 1998, der noch vor dem Amtsantritt scheiterte.
Steinbrück muss sich dennoch rechtfertigen dafür, dass er den schillernden Autor für sich gewinnen wollte. „Es ist nicht meine Neigung, mich von jemandem abzuwenden, der breite berufliche Erfahrung hat“, sagt er am Donnerstag Journalisten. Dabei sei es egal, „ob einer für einen Hedge-Fonds gearbeitet oder für die St.-Pauli-Nachrichten geschrieben hat“. Er könne nicht über jemanden den Stab brechen, nur weil der in einem problematischen Bereich tätig gewesen sei. Das ist zwar sympathisch, aber es zeigt auch, wie wenig Steinbrück verstanden hat, welches Spiel er nun spielt.
Genau das ist das Grundproblem des Kandidaten. Er kann nicht mehr, wie er will. So war es mit seinen Nebeneinkünften, die er zunächst nicht offenlegen wollte und es dann doch tat. So war es mit dem Honorar der Stadtwerke Bochum, in dem er anfangs kein Problem sah und von dem er jetzt sagt, dass ihm „der Antenneapparat gefehlt“ habe dafür, dass es unverhältnismäßig gewesen sei. Das Honorar hat er im Nachhinein mit öffentlicher Ankündigung gespendet, obwohl er zuvor darauf bestanden hatte, er werde nichts über sein Spendenverhalten sagen. Es sind diese Zwänge der medialen Öffentlichkeit und der Erwartungen in der SPD, die ihn dazu bringen, nicht mehr so sein zu können, wie er ist. Steinbrück wehrt sich dagegen. „Es hat keinen Sinn zu sagen, jetzt vollziehe ich eine Art politischer Geschlechtsumwandlung. Ich werde mir treu sein. Sie werden mich in den nächsten elf Monaten nicht anders erleben, als ich bin“, sagt er.
Die SPD hofft derweil auf die Weihnachtspause, in der sich die erhitzte Berliner Medienmaschinerie beruhigt. Am 20. Januar steht die Niedersachsen-Wahl an, wenn FDP und Piraten scheitern, dürfte es für Rot-Grün reichen. Das soll den Stimmungswechsel für die SPD bringen. Und wenn nicht? Dann werde er auch nicht im Bett bleiben, die Decke über den Kopf ziehen „und wieder Honorarvorträge halten“, sagt Steinbrück selbstironisch. Ein Journalist fragt ihn, ob er immer so spitz auf Kritik reagiere, wie er das in jüngster Zeit und nun auch wieder tue. „Damit kann ich nichts anfangen“, antwortet Steinbrück.
Manche in der SPD sagen, das Team des Kandidaten sei noch nicht in Tritt gekommen. Einer aus der SPD-Fraktion sagt hingegen, Steinbrück habe schon jetzt einen Beratungs-Overkill. Das schade ihm. Lasst Steinbrück Steinbrück sein, sei die Devise für den Erfolg. Aber geht das? Kann Steinbrück Steinbrück bleiben und als Kanzlerkandidat überzeugen?
Einer, der ihn gut kennt, sein früherer Sprecher Torsten Albig, heute Ministerpräsident in Kiel, hat ihm im Sommer in dieser Zeitung geraten, nicht Kanzlerkandidat zu werden. Steinbrück solle sich das nicht antun, er „würde das Korsett nicht mögen, in das er sich als Kandidat zwängen müsste“. Als perfide und als Vatermord wurde diese Äußerung in der SPD bewertet. Vielleicht war es aber doch genau das, als was Albig es ausgab: ein freundschaftlicher Rat.
Der boshafte Altkanzler Schmidt hat mit seinem
Frage-Antwort-Katz-und-Maus-Spiel-Buch den Besen
Axel Balsero (Balsero)
- 25.11.2012, 15:13 Uhr
So war es mit dem Honorar der Stadtwerke Bochum, in dem er anfangs kein
Problem sah und von dem er
Axel Balsero (Balsero)
- 25.11.2012, 14:51 Uhr
Immerzu muss er bei seiner Argumentation auf irgendwen eintreten
Roland Magiera (Roland_M)
- 25.11.2012, 14:28 Uhr
Falsche Partei? Falscher Kandidat? Falsche Wählerschaft?
Andreas Buntrock (A.Buntrock)
- 25.11.2012, 14:07 Uhr
Das Armageddon der SPD
Teito Klein (Pandora0611)
- 25.11.2012, 13:55 Uhr