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Kandidatenkür : Grüne Ironie

Ein Führungsduo, wie es die repräsentativste Bundesdelegiertenkonferenz nicht besser hätte aussuchen können: Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt am Samstag in Berlin Bild: dpa

Die Grünen haben ihr Kandidatenpaar für die Bundestagswahl gefunden. Aber die Suche nach geeigneten Wahlkampfthemen erweist sich als schwierig - ebenso wie die Frage nach künftigen Bündnisoptionen.

          Die Mitglieder der Grünen haben die Posten ihres neuen Führungsduos in Maximalquotierung besetzt - mit dem männlichen West-Linken Trittin und der weiblichen Ost-Reala Göring-Eckardt, dem Diplom-Sozialwirt aus Bremen und der Theologin aus Thüringen. Ironischerweise hat die Basis in der Urwahl der Spitzenkandidaten genau jenes Paar ausgesucht, das womöglich auch zustande gekommen wäre, hätten die Strömungen oder Flügel der Partei die Entscheidung in jenen Hinterzimmern aushandeln können, die von den urwahlbegeisterten Grünen jüngst als Orte parteipolitischer Kungelei verächtlich gemacht wurden. Es gab jedenfalls Bestrebungen der eher realpolitisch orientierten Südwest-Grünen, sich mit dem linken norddeutschen Parteiflügel auf ein Führungsgespann zu einigen - was seit einiger Zeit bei den Grünen hieß, dem Fraktionsvorsitzenden Trittin eine Realo-Frau an die Seite zu stellen.

          Trittin hat sich den Nimbus eines unbestrittenen Anführers seiner Partei erst in den letzten Jahren erworben: seit sich der vorherige Alpha-Grüne Fischer zurückgezogen hat und seit Trittin als Fachmann für Finanzpolitik zum Pfadfinder seiner Partei in den Zwängen der Eurokrise wurde. Das bot ihm Gelegenheit, gleichermaßen Sachkunde nach außen und Führungsstärke nach innen zu demonstrieren. Trittin sei darüber fast zum „Realo“ gereift, beteuern viele aus dem Berliner Führungskreis seiner Partei - ein Eindruck, den Trittin selber gelegentlich durch orthodox linke Thesen zu korrigieren versucht.

          Hübscher Gegensatz zur Kandidatenkür der SPD

          Es war ausgerechnet die Parteivorsitzende Roth, die Verliererin der aktuellen Mitgliederabstimmung, die vor sechs Monaten die Idee einer Urwahl eines Spitzenkandidaten-Doppels aufbrachte, um Trittins Führungsanspruch zu begrenzen. Sie hat, da die Anregung jenes urdemokratischen Aktes von ihr stammte, nun keinen Grund, über das Ergebnis zu klagen und ihr bestehendes Führungsamt aufzugeben. Vielmehr kann sie damit rechnen, in einer Woche auf dem Grünen-Bundesparteitag in Hannover mit gutem Ergebnis als Vorsitzende bestätigt zu werden - über soviel dialektischen Verstand in Führungsfragen verfügen die Delegierten der Grünen allemal.

          Und selbst wenn sich die zwei Monate währende Urwahl-Prozedur zur Bestimmung zweier, in ihrer Funktion seltsam unbestimmter Spitzenkandidaten als basisdemokratische l’art pour l’art erwiesen haben sollte - einen hübschen Gegensatz zur verstolperten Kandidatenkür der Sozialdemokraten bietet sie allemal. Die Grünen werden nicht müde, ihren künftigen Wunsch-Koalitionspartnern diesen Unterschied vorzuhalten. Es herrscht eine Mischung aus Schadenfreude und gesteigertem Selbstbewusstsein in der Haltung, welche die grüne Führungsriege den sozialdemokratischen Gegenübern mittlerweile demonstriert.

          Unsichere Koalitionsmöglichkeiten

          Vor allem die baden-württembergischen Erfolge haben die Partei in Berlin auf eine höhere Selbstbewusstseinsstufe gehoben, auch wenn die grünen Auguren aus den Siegen im Südwesten keine ganz eindeutigen Botschaften haben lesen können. Sind die Sozialdemokraten auch künftig als geachteter gesellschaftlicher Bündnispartner oder als geschwächter Stimmenlieferant zu werten? Sind andererseits also die Konservativen die Vertragsfreunde in einer neuen Epoche der Bürgerlichkeit, oder sind sie vielmehr die morsche politische Heimstatt, aus der die Grünen neue Wähler und Anhänger anziehen?

          Außerdem können die Grünen sich auch nicht darauf verlassen, dass die Energie, die sie aus dem fundamentalen Sieg in der Atomfrage gewonnen haben, und die ihre Wahlerfolge in Baden-Württemberg antrieb, ihnen dauerhaft weiteren Schub verleiht. Es steckt eine gewisse Bemühtheit in den Versuchen Trittins und anderer führender Grüner, das Atomthema wahlkampftauglich weiterglühen zu lassen. Sie werfen der Regierung „Revisionismus“ in der Energiewende vor, doch zeigt sich Umweltminister Altmaier bisher beweglich genug, um solchen Attacken kein feststehendes Ziel zu bieten.

          Unscharfe Wahlkampfthemen

          Zu weiteren Wahlkampfthemen haben die Grünen Soziales (die Kluft zwischen Arm und Reich) und Ernährung/Tierschutz bestimmt. Aber den Slogan „Teilhabe durch Umverteilung“, den Trittin gelegentlich im Munde führt, den können die Funktionäre der Linkspartei häufiger, unbekümmerter und inbrünstiger vortragen. Und selbst wenn es den Grünen gelänge, neue Anhänger zu gewinnen in den Milieus jener, die von „gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen“ seien, bliebe ungewiss, ob diese neuen Wählerschichten die grüne Tendenz zur gesellschaftlichen Belehrung guthießen, die sie auf vielen Politikfeldern zeigen. Dass Hühnchen im Sonderangebot ein verdammenswertes Erzeugnis sei, weil in Massenhaltung unter Inkaufnahme von Umweltschäden erzeugt, ist so eine grüne Belehrungsmoral.

          So bleiben die Themen vorerst unscharf, mit denen die Grünen genügend Wähler für eine rot-grüne Koalition gewinnen wollen. Von einem „rot-grünen Projekt“ spricht bei ihnen längst niemand mehr. Aber womöglich kommt es im Wahlkampf dann mehr auf die Köpfe an - und da scheint es, als hätten die Parteimitglieder der Grünen nicht die ganz falschen ausgesucht.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

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          Quelle: F.A.Z.

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