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Kampf um den CSU-Vorsitz Verschwörer als Therapeuten

 ·  Die Auseinandersetzung, die Seehofer und Huber um den CSU-Vorsitz führen, wird mit einer Raffinesse ausgetragen, welche die Halsbandaffäre am Hofe Ludwig XVI. als Geplänkel erscheinen lässt. Albert Schäffer erwartet bis zum Parteitag noch viele vergnügliche Stunden.

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Sage niemand, in Bayern gehe es derb zu - zumindest für die CSU ist das, um es mit einem Wort von Bundesminister Horst Seehofer zu sagen, eine „Falschinformation“. Die Auseinandersetzung, die Seehofer und der bayerische Wirtschaftsminister Erwin Huber um den Parteivorsitz führen, wird mit einer Raffinesse ausgetragen, welche die Halsbandaffäre am Hofe Ludwig XVI. als laues Geplänkel erscheinen lässt. Allein das Streuen des Gerüchts, Seehofer habe Stoiber bedrängt, doch noch einmal für den Vorsitz zu kandidieren, zeugt von einem Einfallsreichtum, der bis zum Parteitag im Herbst noch viele vergnügliche Stunden erwarten lässt.

Seehofer als Geschichtsrevisionist der CSU, der den gestürzten Stoiber wieder einsetzt - natürlich nur für eine Zwischenzeit, bis seine privaten Turbulenzen sich gelegt haben: Wer wollte verleugnen, dass sich in den Reihen der CSU große Begabungen für Operettenlibretti befinden. Begabungen, die ihre Schöpfungen schon einmal in einem verwandten Medium, dem Boulevard, erproben. Und die sich an Echos bis in die Abendnachrichten erfreuen können - pflichtgemäße Dementis des Opfers, sprich Seehofer, eingeschlossen, dessen Wehklagen über „Falschinformationen“ und „Durchstechereien“ dem Genre erst die Buntheit verleihen, die für Publikumserfolge unerlässlich ist.

Jedes Wort sitzt

Sinnenfroher kann Politik nicht sein - das gilt auch für die Kunstfertigkeit, mit der die beiden Hauptprotagonisten Seehofer und Huber das Gebot ausfüllen, nur gut übereinander zu sprechen. Wenn Seehofer es als reizvoll bezeichnet, den CSU-Vorsitz „noch in einem zumutbaren Alter“ zu übernehmen, und harmlos anfügt „Ich bin jetzt noch nicht sechzig“ - dann sitzt jedes Wort: Huber ist sechzig Jahre alt.

Video: Der Kampf um den CSU-Vorsitz geht weiter

Huber steht Seehofer in Treffsicherheit aber nicht nach, auch wenn er die niederbayerische Variante der Beredsamkeit, die vielsagende Wortkargkeit, bevorzugt. Etwa wenn Huber wissen lässt, dass er auf Mannschaftsgeist setze, und auf die Nachfrage, ob das für Seehofer nicht gelte, ergänzt: „Jeder hat seinen eigenen Stil.“

In glänzenderes Papier hätte Huber nicht einpacken könne, was Seehofers Gegner nicht müde werden, zu kolportieren - dass der Bundesminister für Landwirtschaft und Verbraucherschutz der große Einsame der CSU sei, der nur für sich und nicht für andere kämpfe.

Rehabilitation der Hinterzimmerpolitik

Wenig erstaunlich, dass im bayerischen Publikum nur noch eine blasse Erinnerung zu werden droht, dass auch noch ein dritter Mann im Machtspiel ist: Innenminister Günther Beckstein, der Ministerpräsident werden soll, will, darf - je nach demokratietheoretischem Ansatz. Beckstein bemüht sich auch mit einigen Erfolg um Originalität, etwa wenn er sich um eine Rehabilitation der Hinterzimmerpolitik bemüht. „Die Gefahr, dass Wunden zurückbleiben, ist bei einem Parteitag mit über tausend Leuten größer als in einer sehr kleinen Runde“, wehrt sich Beckstein gegen Anfeindungen, er habe in Wildbad Kreuth im trauten Kreis mit Huber das Erbe Stoibers aufteilen wollen.

Daraus zu schließen, in der CSU wären Verschwörer als Therapeuten - oder Therapeuten als Verschwörer - tätig, um Parteitagsdelegierten Gewissenqualen zu ersparen - das würde allerdings den Tatbestand der Falschinformation erfüllen. Weil es in Kreuth natürlich keine Verschwörung oder Verabredung zum Sturz Stoibers gab - wie es auch jetzt keinen Machtkampf um den CSU-Vorsitz gibt. Sondern nur einen stilvollen Wettbewerb zwischen zwei Bewerbern im mehr oder weniger zumutbaren Alter, strikt geprägt vom Mannschaftsgeist.

Wobei der Wettbewerb möglicherweise gar nicht mehr um den CSU-Vorsitz geht, sondern um den Preis für die kunstvollste Intrige, die beste Falschinformation, die schönste Durchstecherei geführt wird.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Jahrgang 1957, politischer Korrespondent in München.

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