26.04.2007 · Sachsens Innenminister Albrecht Buttolo hat mit sofortiger Wirkung die rechtsextreme Kameradschaft „Sturm 34“ verboten. Die Gruppe gilt als besonders gewalttätig und hat einen überraschend hohen Frauenanteil.
Von Reiner Burger, DresdenWas der sächsische Innenminister Albrecht Buttolo (CDU) am Donnerstag an Beweisstücken aus der jüngsten Razzia im rechtsextremen Kameradschaftsmilieu präsentierte, sprach Bände: ein Würgestock, ein Schlagring, ein Stahlhelm, mit Hakenkreuzen markiertes Propagandamaterial und einschlägigen Tonträger mit volksverhetzenden Liedern.
Und doch machten die Gegenständen nur im Ansatz deutlich, wie überaus gewalttätig die nun von Buttolo mit sofortiger Wirkung auf der Grundlage des Vereinsgesetzes verbotene Kameradschaft „Sturm 34“ war. Zu den „Markenzeichen“ von „Sturm 34“ gehörte nach Darstellung des Chemnitzer Polizeipräsidenten Uwe Reißmann, unvermittelt auf Opfer einzuschlagen. So tauchten etwa im Juni auf einem Dorffest in der Region etwa 20 uniformierte Mitglieder von „Sturm 34“ in Marschformation auf und verprügelten von ihnen als „Linke“ identifizierte Personen.
Landfriedensbruch, Körperverletzung und Raub
Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich im August. Erst am Freitag war einer der mutmaßlichen Rädelsführer inhaftiert worden, weil er in Mittweida einen Farbigen beleidigt, angegriffen und verletzt haben soll. Ein Zeuge im Verbotsverfahren sagte, von den „Sturm“-Neulingen werde erwartet, „dass sie durch körperliche Gewalt ihre Loyalität zur Kameradschaft unter Beweis stellen. Je brutaler einer dabei vorgeht, desto angesehener ist er auch.“
Neu an der erst im März vergangenen Jahres gegründeten, straff organisierten Gruppe ist auch der hohe Anteil von Frauen. Von den insgesamt 126 Mitgliedern und Sympathisanten sind 53 weiblich. Bisher galt die Kameradschafts- und Skinheadszene unter jungen Frauen als wenig attraktiv. Wie die 2001 verbotene Gruppe „Skinheads Sächsische Schweiz“ (SSS) sei das Ziel von „Sturm 34“, „national befreite Zonen“ zu erreichen und dafür Ausländer und Andersdenkende anzugreifen, sagte Olaf Vahrenhold vom sächsischen Verfassungsschutz.
Wie die SSS habe sich „Sturm 34“ den Nationalsozialismus zum Vorbild genommen. Schon Name und verwendete Symbolik lassen daran tatsächlich keinen Zweifel: „Sturm 34“ hieß eine während des „Dritten Reichs“ in Chemnitz stationierte SA-Brigade, das Zeichen der Gruppe ist eine seinerzeit von der „Hitler-Jugend“ verwendete Siegesrune. Mittlerweile laufen mehr als 50 Ermittlungsverfahren gegen „Sturm 34“-Mitglieder unter anderem wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, Landfriedensbruch, Körperverletzung, aber auch wegen Raub und Diebstahl.
„Volksfront von rechts“
„Sachsen ist kein Tummelplatz für sogenannte Kameradschaften, denen es darum geht, mit brutalsten Mitteln gegen Andersdenkende vorzugehen und ihre verfassungsfeindliche Gesinnung offen zur Schau zu tragen“, bekräftigte Innenminister Buttolo. Gleichwohl gilt der Freistaat mit 40 bis 50 Gruppen derzeit als Schwerpunktland der rechtsextremen Kameradschaftsszene, die sich seit Mitte der neunziger Jahre als Reaktion auf das Verbot mehrerer rechtsextremistischer Parteien und Organisationen bildete. Mit Freizeitangeboten werben Kameradschaften gezielt um Jugendliche.
Im Rahmen ihres Konzepts der „Volksfront von rechts“, mit dem die Zersplitterung des rechtsextremen Spektrums überwunden werden soll, bemüht sich die NPD schon seit einigen Jahren intensiv um die Kameradschaftsszene. In Sachsen tun dies auch ehemalige SSS-Mitglieder, die nun in der NPD-Jugendorganisation „JN“ aktiv sind. Ob es auch zwischen „Sturm 34“ und der sächsischen NPD Verbindungen gibt, wird derzeit geprüft. In Mecklenburg-Vorpommern machte der Masseneintritt von Neonazis aus Kameradschaften die NPD sogar erst kampagnenfähig.