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Russland gegen Amerika : Kalter Krieg im Cyberspace

Qui bono? Wütende Anhänger des Demokraten Bernie Sanders gehen nach dem „DNC“-Leak auf den Straßen von Philadelphia Bild: AP

Neue Medien, alte Strategie: Moskau nutzt seine digitale Macht, um die Vereinigten Staaten zu schwächen. Soll Washington zurückschlagen?

          Im Internet herrscht Krieg. Unkonventionell, ohne physische Gewalt, verdeckt und voller Winkelzüge. Geführt wird er von Russland aus gegen die Vereinigten Staaten: Es ist der erste kalte Cyberkrieg.

          Wann genau er begann, wird auch im Rückblick nicht klar. War es im Jahr 2013, als der russische Generalstabschef Walerij Gerassimow anlässlich der Jahresversammlung der Russischen Akademie für Militärwissenschaft neue „nichtlineare“ Formen der Kriegführung ankündigte? War es die Eröffnung von „Trollfabriken“ in St. Petersburg und Moskau, die seit Russlands Invasion auf der Krim 2014 die Online-Foren westlicher Medien mit Lügen, Hass und Propaganda fluten? Oder begann alles erst im Juli dieses Jahres, als die Enthüllungsplattform „Wikileaks“ zwanzigtausend Mails des „Democratic National Committee“ (DNC) veröffentlichte, mit denen das Ansehen der Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton beschädigt werden sollte? Siebzehn amerikanische Nachrichtendienste haben in einer gemeinsamen Erklärung russische Hacker für die Tat verantwortlich gemacht, auch wenn Moskau das bestreitet.

          Amerika liegt im Netz unter einem russischen Sperrfeuer aus Spionage, Desinformation und Propaganda. Da ist es unerheblich, ob der jüngste Online-Angriff, der zahlreiche populäre Dienste in den Vereinigten Staaten zum Erliegen brachte, Teil dieser Kampagne ist. Die Attacke wurde mit einfachen Mitteln unternommen und beeindruckt amerikanische Sicherheitsfachleute genauso wenig wie Cyberspionage aus dem Ausland.

          Vorfälle wie „DNC“ aber lassen bei ihnen Alarmglocken schrillen. Sie zeigen: Hier liest nicht nur jemand mit, er veröffentlicht das Material auch. Die Kombination von „Hack“ und „Leak“ hat ein offenkundiges Ziel: Sie soll das ohnehin schwindende Vertrauen von Teilen der amerikanischen Bürger in die eigene Demokratie weiter untergraben. Das ist eine Taktik, die schon in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von der Sowjetunion angewandt wurde. Mittels Enthüllungsplattformen wie „Wikileaks“ lässt sie sich heute noch eleganter ins Werk setzen. Der sowjetische Geheimdienst KGB hatte von „Kompromat“ gesprochen, wenn es darum ging, Gegner zu diskreditieren. Darum geht es auch bei den Armeen von „Chatbots“, vollautomatisierten Maschinen in den Diensten des Kremls, die zehntausendfach Verschwörungstweets eines Donald Trump teilen und auf diese Weise den Kurznachrichtendienst mit politischer Propaganda bombardieren.

          Der amerikanische Vizepräsident Joe Biden hat inzwischen angekündigt, dass sein Land Russland „eine Nachricht senden“ werde. Offenbar denkt das Weiße Haus auf Anregung amerikanischer Geheimdienste über eine virtuelle Vergeltungsmaßnahme nach, die den Kreml diskret an die eigene Verwundbarkeit erinnern soll. Noch härtere Schritte fordert der ehemalige amerikanische Nato-Oberbefehlshaber James Stavridis. Er sagte jüngst dem Nachrichtensender „NBC News“, Russlands interne Zensur müsse sabotiert, dubiose Finanzgeschäfte des russischen Staatspräsidenten und seiner Nomenklatura sollten aufgedeckt werden. Das wäre eine noch deutlich härtere Gangart als die Zurechtweisung Bidens.

          Digitale Machtdemonstrationen sind eine Sprache, die Wladimir Putin verstehen dürfte. Als ehemaliger KGB-Offizier ließ sich der russische Präsident von der eigenen Propaganda nicht täuschen. Amerika ist Russland im Cyberspace überlegen, die Fähigkeiten des Kremls auf diesem Schlachtfeld sind begrenzt. Sie reichen aus, um in die Server mäßig gesicherter Parteizentralen einzubrechen, Websites durch einen Sturm von Anfragen zusammenbrechen zu lassen oder auch Finanzgeschäfte zu sabotieren. Einen Computerwurm wie „Stuxnet“, der Irans Atomanlagen sabotierte und seit knapp zehn Jahren als mächtigste Cyberwaffe der Welt gilt, hat Russland aber noch nicht aufgeboten.

          Dennoch sollte Washington mit Bedacht vorgehen. Angriffe im Cyberspace einem Täter und Auftraggeber zuzuordnen bleibt ein äußerst schwieriges Unterfangen. Technikfirmen und Nachrichtendienste in den Vereinigten Staaten können zwar digitale Fingerabdrücke erkennen. Wer zum Gegenschlag ausholt, braucht zuvor aber Gewissheit, will er seine Glaubwürdigkeit bewahren. Nicht jede Hackergruppe, die Sympathie für Moskau hegt oder sie vorgaukelt, handelt im Auftrag des Kremls.

          Auch die Wahl der Mittel muss wohl überlegt sein. Zerstörerische Angriffe auf russische Computernetzwerke, zu denen die Vereinigten Staaten wohl in der Lage wären, könnten Putin in die Enge treiben. An einem russischen Präsidenten, der sich mit dem Rücken zur Wand sieht, können die Vereinigten Staaten aber kein Interesse haben. Zu viel steht auf dem Spiel, in Syrien und im Osten Europas. Amerika muss versuchen, Russland entschlossen und verhandlungsbereit zugleich zu begegnen. Der kalte Cyberkrieg muss beendet werden, ehe er Nachahmer findet. Eine Welt, in der jeder Staat durch virtuelle Angriffe aus den Fugen geraten kann, ist für keine Regierung erstrebenswert.

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