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Käßmanns Neujahrspredigt Soll sich die Kirche aus Afghanistan heraushalten?

 ·  Die EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann zeigt sich schockiert über „perfide Unterstellungen“. Die Bischöfin setzt sich gegen Kritik an ihrer Neujahrspredigt zur Wehr. Sie hatte darin den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan angesprochen.

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„Schockiert“ hat sich die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischöfin Käßmann, darüber gezeigt, was aus ihrer Neujahrspredigt so alles gemacht werde. Damit setzte sie sich jetzt gegen die Kritik zur Wehr, die sich an ihren Äußerungen zum Thema Afghanistan entzündet hatte. Die Frage, ob sie die deutschen Soldaten nicht im Stich lasse, wies Frau Käßmann als „perfide Unterstellung“ zurück. Sie habe nie einen sofortigen Abzug gefordert.

Die Passage zu Afghanistan ist in der Predigt Teil der Auslegung eines Bibelwortes, das vom Gottvertrauen handelt. Man dürfe mit Mut ins neue Jahr gehen. Das gelte, auch wenn keineswegs „alles gut“ sei, weder im Privaten noch in der Welt, weder in Sachen Klima, Kinderarmut noch eben in Afghanistan. „Nichts ist gut in Afghanistan“, predigte die Ratsvorsitzende. „All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden.“

Manche hielten ihre Haltung für naiv. „Ein Bundeswehroffizier schrieb mir etwas zynisch, ich meine wohl, ich könne mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Phantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen.“ Schon aus diesen Worten geht hervor, dass Frau Käßmann keineswegs eine neue Auffassung geäußert hat. Sie war vielmehr „von Anfang an dagegen, dass Deutschland sich an diesem Einsatz beteiligt“, wie sie 2009 noch vor ihrer Wahl zur Ratsvorsitzenden bekundete. „Frieden schaffen ohne Waffen“ sei immer ihre Option gewesen. Daher will sie auch als Präsidentin der Zentralstelle Kriegsdienstverweigerung, die sie seit 2003 ist, langfristig „das Militär überflüssig machen“.

„Meinungsverschiedenheit“ mit der Kanzlerin

Ihr nach eigenem Bekunden erlittener Schock kann daher eigentlich nur daher rühren, dass eine bekannte Position plötzlich so heftige Reaktionen hervorgerufen hat. Das ist allerdings nicht untypisch in Zeiten, in denen andere Nachrichten rar sind - zumal Bischöfin Käßmann nicht mehr bloß als Bischöfin spricht, sondern für die EKD. So sagte Entwicklungsminister Niebel (FDP) am Montag: „Frau Käßmann darf eine eigene Meinung haben. Sie sollte ihre Kritik am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr aber nicht für die evangelischen Kirchenmitglieder äußern.“ Eine „Meinungsverschiedenheit“ zwischen ihr und Kanzlerin Merkel (CDU) sah der stellvertretende Regierungssprecher Steegmans.

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbands, Kirsch, befand, die Worte der Bischöfin würden „nur neue Frustrationen“ bei den Soldaten verursachen. Vereinzelte Kritik kam auch aus der Opposition. Der Vorsitzende der Grünen-nahen Böll-Stiftung, Fücks, kritisierte, dass Frau Käßmann mehr Engagement beim zivilen Aufbau gegen die militärische Präsenz ausspiele. „Wer unter Berufung auf christliche Werte prinzipiell gegen den Einsatz militärischer Macht ist, überlässt denen das Feld, die keine Skrupel haben, im Namen der Nation, Gottes oder der Revolution zu töten.“

Außenminister Westerwelle (FDP) begrüßte hingegen die „Klarstellung“ Frau Käßmanns vom Montag. Sie hatte dabei gesagt, es gehe nicht um Sofortabzug, sondern um eine „Exit-Strategie“. „Ein solcher Einsatz ist nur zu rechtfertigen, wenn der zivile Teil klar dominiert.“ Das aber, so die Bischöfin weiter, sei längst in Frage gestellt und werde „vollends zerstört, wenn Deutschland weitere Einsatztruppen nach Afghanistan schickt“.

Unangenehmer Beiklang

Mehr noch als in ihrem Predigtexkurs hat sie hier auf eine konkret anstehende politische Entscheidung Bezug genommen und ausdrücklich - „als evangelische Kirche sagen wir“ - nicht nur als Privatperson Partei ergriffen. Denn spätestens in einem Monat, nach der Afghanistan-Konferenz in London, wird die Bundesregierung darüber entscheiden müssen, ob sie das deutsche Kontingent von derzeit bis zu 4500 Soldaten verstärkt.

Verteidigungsminister zu Guttenberg (CSU) hat sich zwar formal nicht festgelegt, doch der Nato die Möglichkeit einer deutschen Truppenverstärkung in Aussicht gestellt. Er würde einen erheblichen Glaubwürdigkeitsverlust hinnehmen müssen, wenn es schließlich nicht so käme. Nicht zuletzt wegen des Eindrucks, Guttenberg trete außenpolitisch als Rivale Westerwelles auf, wurde der Außenminister als Gegner einer Truppenverstärkung wahrgenommen, obgleich er dieselbe Vokabel wie der Verteidigungsminister gebrauchte: London dürfe keine „reine Truppenstellerkonferenz“ werden. In diesem Lichte ist auch Westerwelles Lob für Frau Käßmann zu sehen, es entspreche „genau unserem Ansatz“, die zivile Perspektive zu unterstreichen.

Die Formulierung der Bischöfin erinnert auch an die Diktion der SPD-Spitze, wonach man einer Verstärkung mit „Kampftruppen“ nicht zustimmen werde. Aus SPD-Sicht bedeutet das, dass man mehr Ausbildung wünsche, nicht mehr Kampf. Freilich dürften zumindest die Fachleute unter den Sozialdemokraten wissen, dass ausrückende Ausbilder durch Sprengsätze ähnlich bedroht sind wie etwa eine Patrouille. Nach den Nato-Konzepten sollen die Ausbilder zudem in Verbindungsteams, sogenannten OMLT, gemeinsam mit den von ihnen ausgebildeten Afghanen auch eingesetzt werden. Insofern ist die Trennung von „Kampftruppen“ und „Ausbildern“ nicht sehr scharf.

[...]

Anmerkung in eigener Sache: Den letzten Absatz des Artikels hat der Autor zurückgezogen. Siehe dazu auch diesen Hinweis des Autors.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1968, politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

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