13.05.2010 · Nach etwa achtzig Tagen kehrt die frühere Landesbischöfin Margot Käßmann auf dem Kirchentag in die Öffentlichkeit zurück. Und sie knüpft mit ihrer Kritik am Afghanistan-Einsatz an Forderungen aus der Zeit vor ihrem Rücktritt an.
Von Reinhard Bingener, MünchenWenige Minuten bevor Margot Käßmann am Donnerstagmorgen die Halle C1 der Münchner Messe betritt, sind die Türen schon geschlossen: Der Saal ist überfüllt; die zumeist jugendlichen Ordner müssen die noch Kommenden zurückweisen. Etwa 6000 Kirchentagsbesucher, von denen die meisten auf den Papphockern einen Platz für sich finden, können der Rückkehr der vor etwa achtzig Tagen zurückgetretenen EKD-Ratsvorsitzenden auf die Bühne der Öffentlichkeit beiwohnen.
Sie werden noch einmal erleben können, was Käßmanns Wirken als Bischöfin einzigartig gemacht hat: Ihr theatralisches Talent, das intuitive Spiel mit den Insignien des Amtes. Erinnert das weiße Schulterkleid über der schwarzen Bluse nicht an die Mozetta, den Schulterkragen katholischer Bischöfe? Und nahm der weiße Saum ihres schwarzen Oberteils, das sie am Mittwoch bei der Vorstellung ihres neuen Buches am Marienplatz trug, nicht eine feminine Anleihe beim lutherischen Beffchen?
Jedenfalls haben die Wirbelstürme des Winters, der Streit über Afghanistan und ihre Fahrt unter Alkoholeinfluss, zumindest äußerlich kaum Spuren bei der früheren hannoverschen Landesbischöfin hinterlassen. Margot Käßmanns Lächeln hat seine Frische nicht verloren.
Und der Bibelarbeit, die sie noch als Ratsvorsitzende zugesagt hatte, merkt man an, dass sie sich für deren Vorbereitung viel Zeit nehmen konnte - frei von dem Druck, der ihr während der kurzen Zeit als Ratsvorsitzender immer schwerer zusetzte. Sie hat den Bibeltext, Gottes Bund mit Noah, vermessen, die großen Alttestamentler ihrer Studienzeit, Gerhard von Rad und Claus Westermann, konsultiert, Zitate zusammengesucht - von Nietzsche, von Hilde Domin, natürlich von Luther.
Kapitel neun der Genesis erzähle von einem veränderten Gott, der den Zorn der Sintflut hinter sich gelassen habe, lautet der Tenor ihrer Auslegung. Gott schließe mit Noah einen Bund, weil er sich dazu bereitgefunden habe, sich auch auf eine zweitbeste aller Welten einzulassen, nachdem die Bosheit der Menschen das Geschöpf von seinem Schöpfer entfremdet hatte und Kain seinen Bruder Abel erschlagen hat. Nun, nach dem Bund mit Noah, gebe es Rettung auch für das Schilfrohr, das geknickt ist, und den Docht, der nur noch glimmt, sagt Käßmann in Anspielung auf ein Wort Jesajas.
Den „Sintfluterlebnissen“ des menschlichen Leben, „weil eine schwere Krebserkrankung diagnostiziert wird, weil der Ehepartner dich verlässt“, habe Gott, wie es im Bibeltext heißt, den Regenbogen als Zeichen seines Bundes mit der Welt entgegengesetzt - als „gemalte Tafel“, die zugleich den vergangenen Zorn wie die gegenwärtige Gnade anzeigt, wie es in Luthers Auslegung heißt.
Entschiedenheit in der Stimme
Bis zu diesem Punkt ist es eine gekonnte Darbietung all dessen, was die evangelische Kirche seit dem Rücktritt Margot Käßmanns vermisst: Die sprachliche Eleganz, den sicheren Griff zum verständlichen wie treffenden Zitat, die Gabe, die eigene Lebensgeschichte für das Evangelium durchsichtig zu machen. Von dem Groll, den sie, wie zu hören ist, immer noch in sich trägt, ist kaum etwas zu spüren. Bis zu dem Zeitpunkt, als sich ihre Auslegung vom Bibeltext löst: „Wie sieht es denn aus in Afghanistan?“, ruft Margot Käßmann nun in die Halle. Entschiedenheit legt sich in ihre Stimme.
„Ich wünsche mir weiterhin mehr Phantasie für den Frieden! Und ich lasse mich gerne lächerlich machen, wenn Menschen mir sagen, ich sollte mich mit Taliban in ein Zelt setzen.“ Lieber sei sie „naiv und überzeugt“ als sich der „Logik und Praxis von Waffenhandel und Krieg“ zu beugen. Sie zählt die Namen der sieben kürzlich gefallenen deutschen Soldaten auf: Vorname, Nachname, Alter; Vorname, Nachname, Alter. Dann zählt sie die Namen von Afghanen auf, die beim Bombardement der Tanklastzüge am 4. September 2009 bis zur Unkenntlichkeit verkohlten: wieder Vorname, Nachname, Alter.
Kampfzone: Eifer und Standhaftigkeit
Margot Käßmann, die als junge Frau 1983 mit Hunderttausenden Friedensbewegten im Bonner Hofgarten gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstrierte, prangert an, dass die Ausgaben für den Militäreinsatz nach wie vor in keinem Verhältnis zu den Aufwendungen für den zivilen Wiederaufbau stünden: 1,5 Milliarden Euro hier, 250 Millionen Euro da. „Ich kann keinen Vorrang für Zivil erkennen!“ Die Theologin präsentiert ihren Eifer und ihre Standhaftigkeit, die ihre Gegner in Politik und Publizistik, wie sie glaubt, für den Trotz einer einfach gestrickten Frau halten. Das ist die Karte der Kampfzone, die sie für sich angefertigt hat. Selbst bei ihrem Rücktritt hat sie sich an ihr orientiert.
Dass einige der vermeintlichen Feinde ihr vielleicht gar nicht übelwollten und manchen Teilen ihrer Kritik durchaus zustimmen konnten, aber nur die Argumente vermissten, kann sie nicht nachvollziehen. Margot Käßmann bleibt dem apodiktischen Tonfall treu. Denn „auch Noah hat eine Arche gebaut und wurde belächelt, als Träumer, als Spinner“.
Das war ja ein fixes Comeback...
Christian Peters (shredding)
- 13.05.2010, 17:06 Uhr
Träumer und Spinner
Regine Metes (nightinggale)
- 13.05.2010, 20:18 Uhr
Das ist zu wenig -- wie soll es stattdessen gehen?
Volker Kulessa (solelite)
- 13.05.2010, 20:25 Uhr
Ich ziehe meinen Hut vor dieser Frau - mit Phrasen und Suff zur moral. Autorität
Chr. Schwiers (Chr.Schwiers)
- 13.05.2010, 20:39 Uhr
in der tat hat die katholische kirche
hendrick jolie (jolie)
- 13.05.2010, 20:46 Uhr