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Julia Klöckner : Die gut vernetzte Weinkönigin

Julia Klöckner (CDU) Bild: dpa

Nachdem Julia Klöckner 1995 zur Deutschen Weinkönigin gekürt worden war, fuhr Ministerpräsident Kurt Beck auf den Winzerhof ihrer Eltern, um zu gratulieren. Jetzt soll Klöckner gegen ihn antreten und der CDU in Rheinland-Pfalz wieder Becksche Bodenständigkeit verschaffen.

          Julia Klöckner, die designierte Spitzenkandidatin der rheinland-pfälzischen CDU für die Landtagswahl 2011, überließ am Dienstag die Mainzer Bühne Christian Baldauf. Als der CDU-Landesvorsitzende offiziell seinen Verzicht auf die Spitzenkandidatur zugunsten von Frau Klöckner bekanntgab, war die Bundestagsabgeordnete auf dem Begräbnis eines Parteimitglieds in ihrem Wahlkreis Kreuznach, in dem sie, wie es heißt, „sehr gut vernetzt ist“.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Heimatverbunden, bürgernah und unprätentiös – das ist das Bild, das Frau Klöckner von sich entwirft und das auch andere für einigermaßen stimmig halten. Ihre Ambitionen auf eine Kandidatur gegen Beck hat sie nie offen zur Schau gestellt, aber auch zu keinem Zeitpunkt den Eindruck erweckt, als traue sie sich das nicht zu.

          Nicht verantwortlich, aber präsent

          Die vergangenen Jahre nutzte die 36 Jahre alte Journalistin und Lehrerin für katholische Religionslehre und Sozialkunde aber vornehmlich, um sich in Berlin als Beauftragte der CDU-Fraktion für Verbraucherschutz und mit eher wertkonservativen Positionen in der Medizinethik ein eigenes Profil zu erarbeiten. Dass sie mit einem mehr als zwanzig Jahre älteren Mann liiert ist, der früher in der linken Frankfurter Szene verkehrte, wird auch in ihrer Partei als Hinweis interpretiert, es mit einer voll im Leben stehenden, modernen Frau zu tun zu haben.

          Ministerpräsident Kurt Beck (SPD)

          Von führenden Ämtern im CDU-Landesverband hat sich Frau Klöckner bisher ferngehalten. Sie ist nicht verantwortlich, aber präsent. Die Parteifreunde wussten immer, dass sie als Winzertochter einiges vom Wein – und damit wohl auch vom Land Rheinland-Pfalz – versteht. Bis heute ist sie im Nebenberuf Chefredakteurin des „Sommelier Magazins“, wobei sie nach eigenen Angaben vor allem „knackige Weiß- und Grauburgunder von der Nahe“ liebt, mit denen auch der Weinkühlschrank in ihrem Berliner Büro bestückt ist. Nachdem sie 1995 zur Deutschen Weinkönigin gekürt worden war, fuhr Kurt Beck, damals seit einem Jahr Ministerpräsident, auf den Winzerhof ihrer Eltern, um ihr zu gratulieren. Es heißt, Kurt Beck habe ihre politische Befähigung längst zur Kenntnis genommen.

          Nun wird die Politikerin in den Wettbewerb um die größere Bodenständigkeit eintreten müssen, die in Rheinland-Pfalz schon oft politisch von Bedeutung war. Darin erfolgreich zu sein, wird ihr eher zugetraut als dem stets etwas zappelig wirkenden Christian Baldauf – ein Parteifreund nennt ihn „primanerhaft“ –, der in der vergangenen Woche beim Treffen der Landesvereinigung Unternehmerverbände als „Christoph Baldauf“ begrüßt wurde.

          In Mainz wird derweil der Eindruck zu vermitteln versucht, gerade Bundeskanzlerin Merkel (CDU) habe Frau Klöckners Aufstieg zur Spitzenkandidatin zumindest wohlwollend begleitet. Auch wenn das in Berlin bestritten wird, spricht doch einiges für diese Version. Baldauf sagte nämlich am Dienstag, er habe Frau Merkel schon vor der Bundestagswahl über seine Pläne unterrichtet. Dass die Kanzlerin Frau Klöckner danach zur Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium machte, kann man also durchaus als Schützenhilfe werten. Jedenfalls hat man in Berlin Frau Klöckner längst verziehen, das Ergebnis der Wiederwahl Horst Köhlers zum Bundespräsidenten im Mai 2009 vorab über Twitter verbreitet zu haben. So ist sie eben: mit SMS genauso geschickt wie die Kanzlerin, und immer bereit, Journalisten die Arbeit zu erleichtern.

          Die einzige Frau, die dafür in Frage kam

          Über Frau Klöckners Kandidatur war schon länger spekuliert worden. Sie war die einzige Frau, die dafür in Frage kam, nachdem die Oberbürgermeisterin von Ludwigshafen, Eva Lohse, ein entsprechendes Angebot schon einmal abgelehnt hatte und damit bei manchen in der CDU als verbrannt galt. Baldauf wiederum war seit seiner Wahl zum Fraktionsvorsitzenden im Jahr 2006 geschwächt, weil er das Lager um seinen Vorgänger Christoph Böhr nicht ausreichend eingebunden hatte. Einer aus der CDU sagt, schon Baldaufs Anfang sei nichts gewesen, da habe es auch zu keinem guten Ende kommen können. Unzufriedenheit über das Personal an der Spitze freilich ist im CDU-Landesverband nicht neu: Spätestens seit die Union das strukturell konservative Land 1991 an die SPD verloren hatte, war die rheinland-pfälzische CDU von Ränkespielen durchwirkt.

          In den vergangenen Jahren hatte die Partei gleich Dreierlei zu überstehen: eine desolate Finanzsituation, die Politik-Posse um ihren Landauer Oberbürgermeisterkandidaten, der sich als Hochstapler herausstellte, und die Affäre um ihren früheren Fraktionsgeschäftsführer, der – unter anderem – Bordell-Besuche mit der CDU-Kreditkarte bezahlte. Die 98,3 Prozent, die Baldauf bei seiner Wiederwahl zum Landesvorsitzenden im September 2008 erhielt, sind auch vor diesem Hintergrund zu verstehen: Die Delegierten waren der Zwistigkeiten im Landesverband überdrüssig und wollten ein Signal der Geschlossenheit nach außen senden. Eine Stärkung der innerparteilichen Stellung Baldaufs jedoch war damit weder beabsichtigt noch bewirkt.

          Baldauf selbst war am Dienstag bemüht, sich als Herr über die eigene Entscheidung zu präsentieren, die er am Abend zuvor dem Landesvorstand mitgeteilt hatte. Die Stimmung danach soll „bombig“ gewesen sein.

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