09.09.2010 · Julia Klöckner ist die Spitzenkandidatin der CDU für die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz 2011. Sie kämpft gegen den SPD-Veteranen Kurt Beck - und das Klischee der ewigen Weinkönigin. Eine Reise kurz vor der Lese.
Von Reinhard Bingener, RockenhausenÜber den Hängen rings um Guldental vermengt sich dichter, unbehaglich kalter Regendunst mit der hereinbrechenden Dämmerung, als sich der Journalistentross dem elterlichen Weingut von Julia Klöckner nähert. Nässe und Kälte so kurz vor der Weinlese – keine guten Vorzeichen für den Jahrgang 2010.
Die Sorge der 38 Jahre alten Spitzenkandidatin der CDU gilt allerdings weniger der Süße der Trauben, sondern vor allem dem 27. März 2011. Dann wird in Rheinland-Pfalz der neue Landtag gewählt. Doch nach einem verheißungsvollen Frühjahr, in dem Julia Klöckner mit 99,5 Prozent der Delegiertenstimmen zur Spitzenkandidatin gekürt wurde und die CDU die SPD zeitweilig in den Umfragen sogar hinter sich ließ, ist im Unionslager mittlerweile Ernüchterung eingekehrt: Kurt Beck, der einzig verbliebene deutsche Ministerpräsident, der mit absoluter Mehrheit regiert, hat sein Scheitern als SPD-Vorsitzender verwunden und zu alter Kraft zurückgefunden. In Umfragen lässt er die Parlamentarische Staatssekretärin im Verbraucherministerium mittlerweile wieder deutlich hinter sich.
Volkstümlichkeit mit Anforderungen der Zeit verbunden
Doch vielleicht haben ja auch in der Politik, zumindest wenn es Rheinland-Pfalz betrifft, die Regeln des Weinmarkts Geltung. Weinbauingenieur Stephan Klöckner, der Bruder von Julia Klöckners Bruder, der seine Gäste in einer exklusiven Lounge erwartet, die sich die Klöckners über dem einstigen Kuhstall eingerichtet haben, macht sich wegen der derzeitigen Kälteperiode keine Sorgen. Die Güte eines Jahrgangs, doziert der Winzer, entscheide sich erst ein Jahr später – und zwar am Gaumen des Kunden. Oft genug seien voreilige Verheißungen später nicht eingetroffen: Statt eines großen Weines seien vom sonnenverwöhnten, vermeintlichen Rekordjahrgang 2008 im Glas bloß überfrachtete Aromabatzen verblieben.
Die Gabe, Volkstümlichkeit gekonnt mit den Anforderungen der Zeit zu verbinden, scheint den Geschwistern Klöckner gemeinsam. Denn so vortrefflich und unterhaltsam der Bruder die Weine seiner Region anpreist, so talentiert vermarktet Julia Klöckner die Themen in ihrem Metier. Sie weiß sowohl die urbanen Mythen vom Landleben als auch die landläufigen Vorstellungen über Weltläufigkeit zu bedienen und sich als moderne Konservative darzustellen: Frühere deutsche Weinkönigin und katholische Theologin, die ihr Rebholzkreuz zwar im Mainzer Dom segnen lässt, sich aber Rat bei ihrem Lebensgefährten oder bei einem schwulen Freund holt, lautet eine ihrer bevorzugten Storylines, die ihren steilen Aufstieg begleiteten und vielleicht sogar mit ermöglichten.
Das verfing zunächst auch im Landtagswahlkampf. Doch da richtete sich noch alle Aufmerksamkeit auf die abenteuerliche Nürburgring-Affäre der SPD-Regierung. Mittlerweile hat auch die rheinland-pfälzische CDU einen Untersuchungsausschuss am Hals, in dem es um veruntreute Fraktionsgelder geht. Zusätzlich stellt sich die Union selbst in ein schlechtes Licht durch die Vorgänge um Michael Billen, dessen Immunität als Landtagsabgeordneter erst vor wenigen Tagen aufgehoben worden ist, weil er rechtswidrig Polizeidaten „abgegriffen“ hat, aber gleichwohl 2011 wieder für die CDU um ein Direktmandat kämpft. Julia Klöckner weist zwar tapfer darauf hin, dass das Land nach 19 Jahren sozialdemokratischer Herrschaft „verfilzt und zugenäht“ sei, doch besonders groß ist die Glaubwürdigkeit der Union auf diesem Feld gegenwärtig nicht.
„Eine glaubwürdige Alternative“
Deshalb nutzt die Spitzenkandidatin die erste große Pressereise ihrer Karriere, um das Klischee der ewigen Weinkönigin aufzubrechen und auf die drängenden Sachprobleme hinzuweisen. Denn das vorwiegend ländliche Bundesland wird vom demographischen Wandel – Frau Klöckner nennt ihn „eine Revolution auf leisen Sohlen“ – stärker betroffen sein als seine Nachbarn Hessen und Baden-Württemberg. Bereits jetzt ist jeder vierte Einwohner über 65 Jahre alt, bis zum Jahr 2025 wird es jeder dritte sein. Die CDU möchte deshalb zwar kein neues Ministerium, wohl aber ein „Querschnittsressort“ einrichten, in dem alle Gesetzentwürfe einem „Demographie-Check“ unterzogen werden sollen.
Es ist kein Zufall, dass Eva Lohse, die Oberbürgermeisterin von Ludwigshafen, die Spitzenkandidatin auf ihrer Reise durchs Land begleitet. Noch will das keiner bestätigen, doch die 54 Jahre alte Juristin könnte bei einem Wahlsieg der Union das Demographieproblem, das dann wohl im Sozialministerium angesiedelt wäre, als Ministerin bearbeiten. „Nicht jeder möchte mit 55 gerne in den Vorruhestand gehen“, findet Eva Lohse. Die Vorstellung, danach im statistischen Mittel 30 Jahre lang nicht zu arbeiten, sei für viele Ältere nicht anziehend, sondern eher abstoßend.
Für den „Überraschungsgast, den sie sicher alle kennen“, auf den Julia Klöckner später in Rockenhausen trifft, scheint das Alter ohnehin eine Angelegenheit zu sein, die lediglich den Körper, diese sterbliche Hülle des Geistes, in Mitleidenschaft zieht. Der Herr, der eine Hand lässig in der Hosentasche versenkt hält und mit einem überlegenen Lächeln auf die Spitzenkandidatin wartet, ist Heiner Geißler. Von 1967 bis 1977 war er Sozialminister in Rheinland-Pfalz und hat in dieser Funktion die ökumenische Sozialstation hier im Ort selbst begründet. Pflichtschuldig leistet der 80 Jahre alte CDU-Querdenker (manche sagen auch: Querulant) ein wenig Wahlkampfhilfe und sagt, dass „die Julia Klöckner eine glaubwürdige Alternative“ und die SPD-Regierung des 61 Jahre alten Beck verbraucht sei.
„Das Problem heißt F - D - P!“
Mit ungleich mehr Verve nutzt Geißler allerdings die sich bietende Gelegenheit, vor einer Vielzahl von Journalisten einen rhetorisch beeindruckenden Bogen von der Altenpflege in Rockenhausen über die weiterhin unregulierten Finanzmärkte bis hin zu den Milleniumszielen der UN spannen zu können. Julia Klöckner, die sonst den natürlichen Mittelpunkt jeder Zusammenkunft bildet, lächelt tapfer, scheint aber doch etwas irritiert über das Programm eines utopischen Konservatismus, das Geißler vor seinen Zuhörern ausbreitet und das er im Ausruf „Das Problem heißt F – D – P!“ gipfeln lässt.
Doch der Feldzug gegen einen ihrer möglichen Koalitionspartner lässt die CDU-Spitzenkandidatin einigermaßen kalt. Denn um den Leumund der Liberalen muss sie sich erst wieder sorgen, wenn die Union in den Umfragen Anschluss an die SPD gefunden hat. Und falls das bis zum Wahlabend nicht eintreten sollte, ist für Julia Klöckner sowieso wichtiger, was innerhalb des rheinland-pfälzischen CDU-Landesverbands geschieht. „Ich habe nicht nur ein Touristenticket“, versichert die Spitzenkandidatin und meldet damit – für den Fall, dass sie ein Landtagsmandat erringt – ihren Anspruch auf das Amt des Fraktionsvorsitzenden an. Denn eines ist sicher: Spätestens bis zur übernächsten Landtagswahl 2016 wird der demographische Wandel Kurt Beck auch ganz persönlich eingeholt haben.