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Jugendwerkhof Torgau : Stalins Vermächtnis im Herzen

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Ein ehemaliger Insasse steht in einer Zelle des ehemaligen Jugendwerkhofes Torgau Bild: dpa

In der DDR baute Eberhard Mannschatz den Jugendwerkhof Torgau auf. Dort wurden Menschen gedrillt und gefoltert. Für sein Lebenswerk will er Anerkennung.

          Eberhard Mannschatz ist mit sich im Reinen. Das sagt er und reicht ein Buch, in dem es auch steht: seine Autobiographie. Er sitzt in einem Sessel in seiner Plattenbauwohnung in Berlin-Hellersdorf. 84 Jahre alt, groß, weißes, zurückgekämmtes Haar. Er nennt sich den letzten Mohikaner der DDR-Jugendhilfe. Im Volksbildungsministerium hat er den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau aufgebaut, wo Jugendliche gedrillt und gefoltert wurden. Der Ort ist heute eine Gedenkstätte. War er mal dort? Da wird Mannschatz wütend. „Also hören Sie mal. Das tue ich mir doch nicht an.“ Die Ausstellung sei „blutunterlaufen“. In einem Raum hänge sein Porträt, zusammen mit den anderen Verantwortlichen für Torgau: dem Heimleiter und Margot Honecker.

          Mannschatz steht auf und holt ein anderes Buch, die gefühlige Erzählung einer DDR-Pädagogin, sie handelt von einem ausgesetzten Baby. Mannschatz liest alles zum Thema Heimerziehung, sitzt jeden Tag vier bis sechs Stunden am Computer. Zur Erholung spielt er Bach auf dem Keyboard, mit Kopfhörern. „Dann hört mich niemand, und ich habe meine Ruhe.“ In den letzten fünf Jahren hat er sich zurückgezogen, aber er schreibt weiter. Denn schließlich geht es um sein Lebenswerk, davon will er so viel retten wie möglich. Bisher hat das ganz gut geklappt. Er hat 250 Artikel, Aufsätze und Bücher geschrieben, einen Teil davon nach der Wende, auch bildungspolitische Broschüren für die Linkspartei, die da noch PDS hieß. Im Moment arbeitet er an einer Schrift, die er dem Bundesarchiv übergeben will. Das interessiert sich schon lange für seinen Nachlass, wie er gern erzählt. In seiner Biographie schreibt Mannschatz, er wolle sich vergewissern, ob er Respekt vor seiner Lebensleistung erwarten könne. Und gibt selbst die Antwort: „Ich habe Anspruch darauf.“

          „Das Herz dieses großen Menschen schlägt nicht mehr“

          Mannschatz war 24 Jahre alt, als er 1951 Abteilungsleiter für Jugendhilfe im Ministerium für Volksbildung wurde. Der Parteisoldat verfasste nach dem Tod von Josef Stalin 1953 einen Brief an den Rat des Bezirks Leipzig: „Das Herz dieses großen Menschen schlägt nicht mehr . . . Erfüllen wir sein Vermächtnis, indem wir diesen Kampf zum siegreichen Ende führen. Wir Pädagogen haben in dieser Kampffront einen wichtigen Abschnitt besetzt.“ Am fünften Tage jedes Monats soll es in staatlichen Heimen Vollversammlungen geben, in denen Rechenschaft über den Stand der Erfüllung des Kampfprogramms abgelegt werde. „Denkt daran, dass die Menschen, die wir erziehen, das Vermächtnis Stalins im Herzen tragen.“

          Die Heimkinder waren mehr an Freiheit als an Stalin interessiert und liefen oft davon. Einige begingen kleine Diebstähle. Das schlug sich in der Kriminalitätsstatistik nieder, und das Justizministerium beschloss, dass man die Ausreißer wegsperren müsse. In einen geschlossenen Jugendwerkhof.

          Einflussreicher Parteisoldat: Eberhard Mannschatz
          Einflussreicher Parteisoldat: Eberhard Mannschatz : Bild: Gedenkstätte Torgau

          Der Plan landete auf dem Tisch von Abteilungsleiter Mannschatz. Der sah die Aufgabe der Jugendwerkhöfe darin, „die Besonderheiten in der Persönlichkeitsentwicklung zu überwinden, die Eigenheiten im Denken und Verhalten der Kinder und Jugendlichen zu beseitigen und damit die Voraussetzungen für eine normale Persönlichkeitsentwicklung zu schaffen“.

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