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Mitglieder der NSDAP : Goebbels’ Brechreiz

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Ihm waren Karrierenazis verhasst: Joseph Goebbels Bild: dpa

Bisher galten die Nazis der ersten Stunde als Hitlers treueste Anhänger. Ein Wissenschaftler entlarvt den Mythos mithilfe von Millionen Karteikarten aus der Nazi-Bürokratie.

          Wer hielt Adolf Hitler die Treue? Die Antwort lautet: Opportunisten und Karrieristen. Denn überraschend viele Nationalsozialisten der ersten Stunde hatten die NSDAP schon wieder verlassen, als Hitler 1933 Reichskanzler wurde. Das fand der Politikwissenschaftler Jürgen Falter heraus, der sich schon seit Jahrzehnten mit der Nazipartei beschäftigt. Seine Forschungen beruhen auf der Zentralkartei der Partei, die das Bundesarchiv in Berlin aufbewahrt – eine wahre Fundgrube, die unter widrigen Umständen die NS-Zeit überdauerte.

          Denn eigentlich wollten die Nazis die Kartei vernichten, damit niemand etwas über die Partei und ihre Mitglieder erfährt. Bis 1945 lagerte die Kartei in München. Als die Rote Armee um Wien und Berlin kämpfte, wurde sie mit mehreren Lastwagen zu einer Papiermühle gefahren. Der Müller erhielt den Auftrag, die Karteikarten in einem Säurebad zu Papierbrei zu verarbeiten. Nach dem Krieg behauptete der Geschäftsführer der Mühle, er habe den Befehl absichtlich sabotiert. Von den Karteikarten blieb jedenfalls mehr als die Hälfte erhalten.

          Die Amerikaner, die Ende Mai 1945 darüber informiert wurden, zeigten allerdings wenig Interesse an den tonnenschweren Papierbergen. Erst Monate später erkannte ein Berater der Militärregierung den Wert der Unterlagen. Wahllos wurden die Karteikarten in Säcke gestopft und dem Berlin Document Center übergeben. Für die Entnazifizierung der Deutschen war die gerettete Zentralkartei dann von unschätzbarem Wert. 1994 gingen die Karteikarten in den Bestand des Bundesarchivs über.

          Reichskartei und „Gaukartei“

          Die Mitglieder der NSDAP üben seit vielen Jahren auch auf Wissenschaftler einen großen Reiz aus. Jürgen Falter ist der Erste, der sich nicht auf die Parteigenossen einer bestimmten Region oder zu einer bestimmten Zeit beschränkt. Falter nimmt alle in den Blick, die je der Partei beigetreten sind, von der Neugründung der NSDAP 1925 bis zum Ende des „Dritten Reiches“ 1945. Weil die Nazis doppelte Buchführung betrieben, arbeitet Falter mit zwei Karteien: Die sogenannte Reichskartei war alphabetisch aufgebaut, wohingegen die „Gaukartei“ territorial geordnet war.

          In der Summe ergab das 20 Millionen Karteikarten. Fügt man beide Karteien unter Berücksichtigung der Kriegsverluste zusammen, sind noch neunzig Prozent der Parteimitglieder in der Zentralkartei überliefert. Natürlich konnte Falter nicht jedes Mitglied in die Untersuchung aufnehmen. Das hätte 200 Jahre gedauert, sagt er. Aber selbst die Stichprobe von 50.000 Parteigenossen beschäftigte ihn und seine Mitarbeiter über Monate und Jahre.

          Der Sumpf, aus dem die NSDAP kroch, war das völkische Milieu Münchens. Später wurde die Stadt zur Hauptstadt der Bewegung erklärt. In einem Münchner Lokal gründeten der Sportjournalist Karl Harrer und der Eisenbahnschlosser Anton Drexler 1919 die Deutsche Arbeiterpartei, die sich ein Jahr später in NSDAP umbenannte. Anfangs glich die Partei einem sektiererischen Haufen von nicht einmal 30 Gleichgesinnten. Doch das Krisenjahr 1923 ließ die Reihen der Nationalsozialisten gewaltig anschwellen. 55.000 Parteimitglieder wusste Hitler hinter sich, als er zusammen mit dem populären Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff in München den Putsch wagte. Vor der Feldherrnhalle brach der Staatsstreich im Kugelhagel der Landespolizei zusammen. Die NSDAP wurde verboten und Hitler in Landsberg inhaftiert.

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