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Veröffentlicht: 05.08.2014, 15:01 Uhr

Juden in Deutschland „Schauderhafte Schockwellen von Antisemitismus“

Der Zentralrat der Juden wirft muslimischen Verbänden vor, sie täten zu wenig gegen Antisemitismus. Präsident Dieter Graumann spricht im Interview über Nazi-Parolen auf deutschen Straßen und verspieltes Vertrauen.

© Finger, Stefan Dieter Graumann

Herr Graumann, es spricht alles dafür, dass es arabischstämmige Jugendliche waren, die einen Anschlag auf die Synagoge in Wuppertal-Barmen verübt haben. Hat der Antisemitismus von muslimischer Seite eine neue Dimension erreicht?

Wir Juden in Deutschland erleben generell eine schlimme Zeit. Es sind schauderhafte Schockwellen von Antisemitismus. Manchmal übertrifft die Wirklichkeit noch die eigenen Albträume. Ich hätte mir nie im Leben vorgestellt, dass in Deutschland Synagogen angegriffen werden und dass wir hier antisemitische Slogans von einer so schamlosen Scheußlichkeit hören müssen. Die allermeisten Muslime in Deutschland sind doch ganz sicher friedfertig und zuverlässig. Und wir suchen ihre Freundschaft. Aber es hat doch keinen Sinn, jetzt  wegzuschauen und zu beschwichtigen. Denn Tatsache ist: Wir haben die letzten Wochen die schlimmsten antisemitischen Slogans auf deutschen Straßen seit der Nazizeit gehört, Parolen wie „Juden ins Gas“ oder „Juden sollen geschlachtet werden“. Diese Sätze sind größtenteils von radikalen muslimischen Menschen geschrien worden. Diese Menschen sprechen bestimmt nicht für alle oder auch nur die meisten Muslime im Land. Umso wichtiger finde ich es aber, dass Muslime zeigen sollten, dass sie sich von diesen Islamisten nicht als Geiseln nehmen lassen. Ich öffne hier nur einen kleinen Spaltbreit meiner eigenen Gefühle: Ich hatte niemals im Leben Großeltern. Die Menschen, die meine Großeltern gewesen wären, sind mit deutschem Gas ermordet worden. Man kann sich vielleicht vorstellen, wie ich mich fühle, wenn ich hier nun „Juden ins Gas“ höre.

Sind es wirklich nur radikale Islamisten, die diese Parolen grölen?

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Wir weisen schon seit Jahren auf Antisemitismus in muslimischen Gemeinschaften hin. Ich sage seit langem, dass auf deutschen Schulhöfen das Wort „Jude“ als Schimpfwort benutzt wird, und das überwiegend von muslimischen Jugendlichen. Die muslimischen Verbände machen zu wenig dagegen. Sie versprechen es, aber konkrete Schritte muss man mit der Lupe suchen. Es mag für die muslimischen Verbände schwieriger sein, weil sie aufgesplittert sind, weil es Rivalitäten gibt. Aber mehr Anstrengungen sind bestimmt nötig. Wir Juden setzen uns immer für Muslime ein. Vor vier Jahren hat Sarrazin sein schreckliches Buch veröffentlicht. Die erste Stimme, die sich dagegen erhob, war unsere. Ich habe gesagt, dass es falsch ist, muslimische Menschen so respektlos zu behandeln. Als die Mordserie des NSU offenbar wurde, waren wir die ersten, die gesagt haben: Wer von „Döner-Morden“ redet, der verharmlost die Verbrechen. Wo immer Menschen ausgegrenzt werden, sind wir zur Stelle. Das ist der politische Markenkern des Zentralrats der Juden. Als ich vor vier Jahren an die Spitze des Zentralrats gewählt wurde, habe ich zur ersten Sitzung unseres Direktoriums die beiden führenden Vertreter der Muslime in Deutschland eingeladen. Das waren Kenan Kolat von der Türkischen Gemeinde und Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime. Die Einladung war eine Geste der ausgestreckten Hand. Jetzt frage ich mich allerdings, ob wir tatsächlich erfolgreich waren. Ich denke, wir müssen noch sehr viel mehr Anstrengungen unternehmen. Unser Engagement darf doch keine Einbahnstraße sein. In dieser besonderen Situation habe ich mir viel mehr von den muslimischen Vertretern erhofft.

Sie erhalten laufend Hassbriefe und –mails. Kommen große Teile davon von muslimischen Absendern?

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