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Joachim Gaucks erstes Amtsjahr : Nicht nur Freiheit und Verantwortung

Beliebt beim Volk, respektiert von der Politik: Bundespräsident Joachim Gauck vor einigen Tagen im Schloss Bellevue Bild: dapd

Seit einem Jahr ist er im Amt: Bundespräsident Gauck, der zurzeit Äthiopien besucht, profiliert sich nicht durch Kritik an den Parteien und verweist nur noch selten auf seine ostdeutsche Vergangenheit.

          Unlängst ist dem Bundespräsidenten ein Lapsus unterlaufen - gell? Neben Joachim Gauck stehend hatte das italienische Staatsoberhaupt Giorgio Napolitano Klartext-Äußerungen Peer Steinbrücks über bei Wahlen erfolgreiche italienische Politiker (“Clowns“) als „diplomatischen Affront“ bezeichnet und eine andere „sehr ausgewogene“ Wortwahl des deutschen Kanzlerkandidaten angemahnt. Gauck hätte nichts sagen müssen. Er hätte schweigen können. Er hätte es auch bei seiner ersten Bemerkung „Ich will es nicht kommentieren“ belassen können. Gauck aber sagte mehr. „Manches kommentiert sich eben auch von selbst“ - eine Formel, die in der Übersetzung der Politsprache eine Rüge hohen Grades enthält und für Bundespräsidenten in diesem Zusammenhang ganz und gar unprotokollarisch ist. Gauck mag es geahnt haben, gell, als er das Mikrofon verließ. Im Wegdrehen suchte er der Rüge die Schärfe zu nehmen - mit einem nachgeschobenen „Gell“, so wie es südlich des sogenannten Weißwurstäquators Mütter tun, die dem Nachwuchs Strenge zeigen und zugleich Frieden mit ihm schließen wollen: Gar so schlimm sei es nicht, wenn die Hausaufgaben missglückt seien, nicht wahr?

          Günter Bannas

          Leiter der politischen Redaktion in Berlin.

          Aus dem Mund eines Nordostdeutschen klang es, als habe er ein süddeutsches Fremdwort verwendet, auch wenn daran zu erinnern ist, dass jenes umgangssprachliche Friedensangebot auch im Sächsischen beheimatet ist. Seine Wirkung jedenfalls tat es. „Ich glaube, dass man daraus nicht gleich einen politischen Skandal machen muss“, bewertete Steinbrücks Parteivorsitzender Sigmar Gabriel die Angelegenheit. Der Lapsus verschwand in den Tonarchiven.

          Gauck, der Pfarrer, tritt nicht als der strenge Lehrmeister der sogenannten politischen Klasse Berlins auf - der Parteien, der Regierung, der Lobbyisten, der Medien. Er sucht Gelassenheit zu verkörpern. Freitag - Hessen-Besuch - Wiesbaden - was das Jahr so bringen kann. „Wir haben die bisherigen Wahlkämpfe überlebt. Wir können sogar mit unerwarteten Wahlausgängen fertig werden. Es tobt dann kein Bürgerkrieg, sondern wir haben eine große Bereitschaft unserer Bürgerinnen und Bürger, dieses demokratische System mitzutragen.“

          Tugendfurror kurz vor dem Frauentag

          Wer weiß schon, welche verfassungspolitischen Herausforderungen auf Gauck zukommen, wenn die Bundestagswahl unklare Verhältnisse mit sich bringen sollte? Gauck jedenfalls rüffelt nicht, er rügt nicht, wie es einige seiner Vorgänger getan hatten - Horst Köhler etwa und erst recht Richard von Weizsäcker, der einst die Parteien als „machtversessen“ bezeichnet hatte. „Ich schätze meine Amtsvorgänger sehr. Aber eine solche Kritik an der Politik werden Sie von mir nicht hören. Der Verdruss über sie ist zu groß, als dass ich ihn noch fördern möchte“, bemerkte Gauck nun gesprächsweise. Redakteuren der Zeitschrift „Der Spiegel“ sagte er, es missfalle ihm, wenn die Parteien schlechtgemacht würden. „Sie tragen seit Jahrzehnten wesentlich zur Ausgestaltung unserer Freiheit, unseres sozialen Friedens, unseres Wohlstandes bei.“ Die Kehrseite seiner Zurückhaltung hat Gauck in Kauf zu nehmen. Im medialen Geschäft ging Gaucks Lob für die Parteien unter: Nicht der Aufregung wert.

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