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Joachim Gauck Metamorphose zu sich selbst

Wie aus dem rot-grünen Kandidaten erst ein Ampelmännchen und dann eine Kaleidoskop-Nominierung wurde - und wie der SPD-Vorsitzende Gabriel es beim dritten Anlauf selbst in die Hand nahm.

© dpa Vergrößern Beim Sommerfest des Bundespräsidenten (damals Wulff) 2010

Der Erfinder des künftigen Bundespräsidenten Joachim Gauck ist ein Pressesprecher namens Andreas Schulze. Im dritten Anlauf hat der langjährige Mitarbeiter Renate Künasts nun sein Ziel erreicht. 2009, die Wiederwahl Horst Köhlers stand an, erwähnte er seiner Chefin gegenüber zum ersten Mal den Namen des früheren DDR-Bürgerrechtlers, der ihm auch durch seine frühere Tätigkeit für Marianne Birthler vertraut war, als möglichen Kandidaten. Die Dinge kamen bekanntlich anders. Anfang Juni 2010, nach dem Rücktritt Köhlers, erinnerte sich die Fraktionsvorsitzende der Grünen an den Vorschlag Schulzes und marschierte damit zu Jürgen Trittin. Nach kurzem Zögern stimmte er zu und wandte sich an Sigmar Gabriel. Der hatte den Namen des früheren EKD-Vorsitzenden Wolfgang Huber auf der Liste, ließ sich aber schnell überzeugen.

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Der SPD-Vorsitzende "simste" den Vorschlag als parteiübergreifende Lösung an die Kanzlerin. Die antwortete: "Danke fuer die info und herzliche grüße am" - und ließ fortan nicht mehr von sich hören. Rot-Grün hatte auch nicht ernsthaft damit gerechnet, dass "am", also Angela Merkel, auf die Offerte eingehen würde, obschon der Mann Konservativen und Liberalen eigentlich viel näher stand. Damals verfügte sie noch über eine vermeintlich sichere schwarz-gelbe Mehrheit in der Bundesversammlung.

Das rot-grüne Kalkül war, mit der Person Gauck eine drohende Debatte über ein Linksbündnis in dem Wahlgremium abzuwenden und Schwarz-Gelb mit ihrem Kandidaten Christian Wulff als schnöde Parteitaktiker dastehen zu lassen. Man kann sagen, das Kalkül ging auf - auch wenn der Kandidat mit zwischenzeitlichen Äußerungen über die Kraft der Freiheit in der Marktwirtschaft und die Grenzen der Migrationsgesellschaft SPD und Grünen gewaltig auf die Nerven gegangen ist. Noch heute nennt Gabriel Gauck einen "eigenwilligen Kopf", mit dem seine Partei sicher noch einige Kontroversen führen werde.

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Den dritten Anlauf Gaucks nahm Gabriel persönlich in die Hand. Vor einigen Wochen, als schon alle außer Wulff selbst früher oder später mit einem Rücktritt rechneten, rief er Gauck an: Er wolle ihn nur vorwarnen, da könne noch etwas kommen. Gauck: "Oh Gott!" Er, Gabriel, möge ihn auf dem Laufenden halten. Das tat dieser. Am Freitag, nach dem Rücktritt Wulffs und Gabriels ersten Telefonaten mit der CDU-Vorsitzenden und dem FDP-Vorsitzenden, rief er abermals an: Die Lage verändere sich. Gauck hielt das für ausgeschlossen - und bat um Verständnis, nicht noch einmal als aussichtsloser Kandidat ins Rennen gehen zu wollen.

Unklar blieb - jedenfalls für Rösler, der weiter in Kontakt mit Gabriel blieb -, was das genau hieß: Trete er nur an, wenn Frau Merkel mitziehe, oder auch als möglicher Kandidat einer Quasi-Ampelkoalition. Diese Frage sollte die FDP noch am Sonntagnachmittag beschäftigen, als die Kanzlerin und Rösler sich verhakten (Union gegen Gauck, FDP gegen Klaus Töpfer und Wolfgang Huber). Denn der noch in Wien weilende Gauck hatte am Morgen einem Journalisten, der ihn fragte, ob er Präsident werde, geantwortet: "Rufen Sie doch Frau Merkel an!"

Entweder die FDP steht - oder Rösler geht baden

Sollte das heißen: Ich mache es nur mit Kanzlerin-Placet? Oder hieß es: Wenn Frau Merkel Rösler inakzeptable Kandidaten präsentiere, könne es kreative Lösungen geben. Zweifel. Die FDP nahm Gabriel beim Wort: Wenn dieser zusichere, dass Gauck auch gegen die Union antrete, dann sei sie bereit, aufs Ganze zu gehen. Rösler erhielt Rückendeckung in einer Schaltkonferenz. Dass das Gremium sein "einstimmiges Meinungsbild" über die Nachrichtenagenturen als Präsidiumsbeschluss verkaufte, überraschte die Sozialdemokraten dennoch. Nun ja, mag man gedacht haben, entweder die FDP steht - oder Rösler geht baden.

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