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Joachim Gauck Metamorphose zu sich selbst

20.02.2012 ·  Wie aus dem rot-grünen Kandidaten erst ein Ampelmännchen und dann eine Kaleidoskop-Nominierung wurde - und wie der SPD-Vorsitzende Gabriel es beim dritten Anlauf selbst in die Hand nahm.

Von Majid Sattar, Berlin
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Der Erfinder des künftigen Bundespräsidenten Joachim Gauck ist ein Pressesprecher namens Andreas Schulze. Im dritten Anlauf hat der langjährige Mitarbeiter Renate Künasts nun sein Ziel erreicht. 2009, die Wiederwahl Horst Köhlers stand an, erwähnte er seiner Chefin gegenüber zum ersten Mal den Namen des früheren DDR-Bürgerrechtlers, der ihm auch durch seine frühere Tätigkeit für Marianne Birthler vertraut war, als möglichen Kandidaten. Die Dinge kamen bekanntlich anders. Anfang Juni 2010, nach dem Rücktritt Köhlers, erinnerte sich die Fraktionsvorsitzende der Grünen an den Vorschlag Schulzes und marschierte damit zu Jürgen Trittin. Nach kurzem Zögern stimmte er zu und wandte sich an Sigmar Gabriel. Der hatte den Namen des früheren EKD-Vorsitzenden Wolfgang Huber auf der Liste, ließ sich aber schnell überzeugen.

Der SPD-Vorsitzende "simste" den Vorschlag als parteiübergreifende Lösung an die Kanzlerin. Die antwortete: "Danke fuer die info und herzliche grüße am" - und ließ fortan nicht mehr von sich hören. Rot-Grün hatte auch nicht ernsthaft damit gerechnet, dass "am", also Angela Merkel, auf die Offerte eingehen würde, obschon der Mann Konservativen und Liberalen eigentlich viel näher stand. Damals verfügte sie noch über eine vermeintlich sichere schwarz-gelbe Mehrheit in der Bundesversammlung.

Das rot-grüne Kalkül war, mit der Person Gauck eine drohende Debatte über ein Linksbündnis in dem Wahlgremium abzuwenden und Schwarz-Gelb mit ihrem Kandidaten Christian Wulff als schnöde Parteitaktiker dastehen zu lassen. Man kann sagen, das Kalkül ging auf - auch wenn der Kandidat mit zwischenzeitlichen Äußerungen über die Kraft der Freiheit in der Marktwirtschaft und die Grenzen der Migrationsgesellschaft SPD und Grünen gewaltig auf die Nerven gegangen ist. Noch heute nennt Gabriel Gauck einen "eigenwilligen Kopf", mit dem seine Partei sicher noch einige Kontroversen führen werde.

Den dritten Anlauf Gaucks nahm Gabriel persönlich in die Hand. Vor einigen Wochen, als schon alle außer Wulff selbst früher oder später mit einem Rücktritt rechneten, rief er Gauck an: Er wolle ihn nur vorwarnen, da könne noch etwas kommen. Gauck: "Oh Gott!" Er, Gabriel, möge ihn auf dem Laufenden halten. Das tat dieser. Am Freitag, nach dem Rücktritt Wulffs und Gabriels ersten Telefonaten mit der CDU-Vorsitzenden und dem FDP-Vorsitzenden, rief er abermals an: Die Lage verändere sich. Gauck hielt das für ausgeschlossen - und bat um Verständnis, nicht noch einmal als aussichtsloser Kandidat ins Rennen gehen zu wollen.

Unklar blieb - jedenfalls für Rösler, der weiter in Kontakt mit Gabriel blieb -, was das genau hieß: Trete er nur an, wenn Frau Merkel mitziehe, oder auch als möglicher Kandidat einer Quasi-Ampelkoalition. Diese Frage sollte die FDP noch am Sonntagnachmittag beschäftigen, als die Kanzlerin und Rösler sich verhakten (Union gegen Gauck, FDP gegen Klaus Töpfer und Wolfgang Huber). Denn der noch in Wien weilende Gauck hatte am Morgen einem Journalisten, der ihn fragte, ob er Präsident werde, geantwortet: "Rufen Sie doch Frau Merkel an!"

Entweder die FDP steht - oder Rösler geht baden

Sollte das heißen: Ich mache es nur mit Kanzlerin-Placet? Oder hieß es: Wenn Frau Merkel Rösler inakzeptable Kandidaten präsentiere, könne es kreative Lösungen geben. Zweifel. Die FDP nahm Gabriel beim Wort: Wenn dieser zusichere, dass Gauck auch gegen die Union antrete, dann sei sie bereit, aufs Ganze zu gehen. Rösler erhielt Rückendeckung in einer Schaltkonferenz. Dass das Gremium sein "einstimmiges Meinungsbild" über die Nachrichtenagenturen als Präsidiumsbeschluss verkaufte, überraschte die Sozialdemokraten dennoch. Nun ja, mag man gedacht haben, entweder die FDP steht - oder Rösler geht baden.

Die eigentliche Überraschung war, dass Gabriel das ganze Wochenende über nicht nur mit den Grünen und der Kanzlerin kommunizierte, sondern Parallelverhandlungen mit Rösler führte. Tatsächlich kennen beide einander aus dem niedersächsischen Landtag: Gabriel, der junge Ministerpräsident, Rösler, der FDP-Youngster. Und aus Goslar, Gabriels Wahlkreis und der Heimat von Röslers Ehefrau Wiebke. Öffentlich lieferten sich der rot-grüne Gabriel und der schwarz-gelbe Rösler seinerzeit so manchen Schlagabtausch, eigentlich aber findet man einander sympathisch.

Den Sonntag über, als Rösler und die Kanzlerin ihre Verhandlungen vor die Wand fuhren, verbrachte Gabriel in Goslar, wo er sich an Wochenenden um seine kranke Mutter kümmert. Die Telefonate mit Rösler führte er sodann im Auto auf dem Weg nach Berlin. Gegen 16 Uhr hatte er von der Kanzlerin erfahren, dass Koalition und Opposition sich um 20 Uhr im Kanzleramt treffen möchten. Angela Merkel hatte diese vermeintlich sinnlose Runde eigentlich vermeiden wollen, Rösler aber - die Trumpfkarte Ampelmehrheit für Gauck in der Hand - bestand darauf.

Am Montag sagte Gabriel öffentlich im Willy-Brandt-Haus und stets im Bemühen, nicht allzu triumphalistisch aufzutreten: Ab Samstagnachmittag habe er die Nominierung Gaucks für "wahrscheinlich" gehalten. "Sicher war ich am Sonntag um 18.45 Uhr." Was er nicht sagt: Zu dieser Zeit hatte er ein weiteres Gespräch mit Rösler geführt. Nun muss für ihn klar gewesen sein: Die FDP steht. Bei den Grünen war der Optimismus nicht ganz so ausgeprägt: Hier ist das Misstrauen gegenüber den Liberalen traditionell größer. Und ob Rösler, bislang in Berlin nicht eben als politisches Schwergewicht bekannt, wirklich Wort halte? Das liege nun in Gottes Hand und bei seinem Erzengel Gabriel - sowie bei Frank-Walter Steinmeier. Der SPD-Fraktionsvorsitzende telefonierte nämlich parallel mehrmals mit seinem FDP-Pendant Rainer Brüderle. So wollte man ausschließen, dass in der zuletzt nicht gerade harmonischen FDP-Führung Letzterer eigene Absprachen mit der Kanzlerin treffen würde.

Ein letzter Versuch, neue Namen ins Spiel zu bringen

Diese testete parallel dazu noch einmal die Standfestigkeit des eigentümlichen Bündnisses Gabriel/Rösler/Trittin. Frau Merkel wusste nach einem lautstarken Gespräch mit Rösler, dass dieser mit Verweis auf das Jahr 1994 und die Personalie Hildegard Hamm-Brücher in der Präsidentenfrage keine Koalitionsfrage sehe und nicht ausschließe, sich die Freiheit zu nehmen, in der Bundesversammlung gegen den Regierungspartner zu stimmen. Beide hatten deshalb - den Koalitionsbruch vor Augen - einen letzten Versuch unternommen, neue Namen ins Spiel zu bringen.

Der SPD-Vorsitzende berichtete am Montag, seiner Partei seien "mehrere gestandene Sozialdemokraten als denkbare gemeinsame Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten angeboten" worden. Namen wollte er nicht nennen. Es habe sich aber nicht um aktive Politiker gehandelt. Später hieß es, dass es sich um die früheren Hamburger Stadtoberhäupter Klaus von Dohnanyi und Henning Voscherau gehandelt haben soll. Für Gabriel hieß das Angebot: Er müsste Gauck fallenlassen, um einen Sozialdemokraten präsentieren zu können. Das hätte er schwerlich als Erfolg verkaufen können, er wäre als billiger Parteitaktiker dagestanden. So lehnte er ab. Schließlich war Rösler bei ihm im Wort.

Als die rot-grüne Delegation - neben Gabriel Claudia Roth und Cem Özdemir - um 20.30 Uhr im Kanzleramt eintraf, hatte sie bereits Meldungen vernommen, die Kanzlerin habe die Waffen gestreckt. So kam es: "Dann hat Frau Merkel uns sehr schnell mitgeteilt, dass der Kandidat der CDU Joachim Gauck sei, dem hat Herr Seehofer beigepflichtet", berichtete Frau Roth am Montag. Nun gab es einen "Allparteien-Gauck". War noch die Frage zu klären, wo dieser genau steckte. Frau Merkel ließ sich von Trittin versichern, dass sie die richtige Mobilnummer habe. Sie erreichte ihn im Taxi in Berlin.

Andreas Schulze übrigens arbeitet seit Montag - wie schon im Sommer 2010 - wieder für den Präsidentschaftskandidaten Gauck.

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Jahrgang 1970, politischer Korrespondent in Berlin.

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