In der Liste der Gewinner des Zweiten Weltkrieges - wie auch später der des Kalten Krieges - taucht eine auf den ersten Blick überraschende Buchstabenkombination auf: BBC. Wie viel davon nachholende Fehlwahrnehmung ist, lässt sich nicht mehr ermitteln. Auffällig ist jedenfalls, dass nach dem Krieg sehr viele Menschen behaupteten, sie hätten sich in den dunklen Jahren regelmäßig über die wirkliche Lage mit Hilfe der deutschsprachigen Sendungen informiert, die mit „Hier ist England“ eingeleitet wurden. Die BBC selbst ließ sich das späte Lob für ihre Anstrengungen natürlich gerne gefallen. Schließlich erhob sie unwidersprochen den Anspruch, den Deutschen während des gesamten Krieges stets publizistisch reinen Wein eingeschenkt zu haben; auch schon zu Zeiten, als die Kriegslage für Großbritannien noch sehr schwierig war.
Hugh Carleton Greene, Chef des deutschsprachigen Dienstes während der Kriegsjahre, offenbarte Jahrzehnte später in einem Interview „seines“ Senders, einmal habe er ganz bewusst eine falsche Meldung in den Nachrichten senden lassen. Das sei am 21. Juli 1944 gewesen. Am Tag zuvor war das Attentat auf Adolf Hitler gescheitert und damit auch die Aussicht auf ein halbwegs unblutiges Ende des Krieges.
Greene wies also seine Redakteure an, die Hörer darüber zu „informieren“, dass „in Deutschland der Bürgerkrieg ausgebrochen“ sei. Das Selbstbewusstsein der Radiomacher im Londoner Funkhaus war also offenbar zu diesem Zeitpunkt groß genug, um sie hoffen zu lassen, mit dieser Falschmeldung eine nachhaltige Wirkung erzielen zu können. Gelungen ist die Operation jedenfalls nicht.
Verschiedene Fehleinschätzungen
Diese Episode fügt sich, wenn man so will, nahtlos ein in diverse Fehleinschätzungen der alliierten Seite über die Lage in Hitlers Deutschland. Viele Widerständler sahen sich schon vor Ausbruch des Krieges großem Misstrauen in Großbritannien gegenüber. Während sie ein „anderes Deutschland“ wollten, dominierte in vielen britischen Köpfen das Bild eines quasi von Natur aus aggressiven Deutschland, dem man unter keinen Umständen trauen könne.
Während des Krieges konnte sich diese Denkschule bestätigt fühlen. Das erleichterte die Arbeit der Propagandisten bei der BBC nicht gerade. Diese versuchten einerseits, zwischen Nazis und dem deutschen Volk zu unterscheiden. Andererseits durften sie aber die Politik der britischen Regierung nicht konterkarieren, die sich gegenüber ihren Verbündeten verpflichtet hatte, keine separaten Kontakte mit Deutschland zu pflegen, welche die gemeinsamen Anstrengungen hätten unterlaufen können.
Im französischsprachigen Programm konnte die BBC beispielsweise offen die Résistance unterstützen. Sogar verschlüsselte Anweisungen an einzelne Gruppen wurden gesendet. Aber in Richtung Deutschland war so etwas natürlich nicht möglich. Zwar wurden einzelne Widerstandsakte in den Programmen thematisiert. Die Widerständler adelte Hugh Greene persönlich vor dem Mikrofon als „Mitkämpfer“ der Alliierten. Aber er weigerte sich ausdrücklich, diese Deutschen zu Verbündeten von Briten und Amerikanern zu erklären.
Die Deutschen wussten ob der hoffnungslosen Lage
So betrachtet, zeugt die publizistische Reaktion auf die Ereignisse des 20. Juli von Hilflosigkeit der Briten gegenüber dem deutschen Widerstand. Sie waren von der Entwicklung überrascht worden. Der sowjetische Verbündete hatte es da leichter. Erstens waren Stalins Propagandisten sowieso von deutlich weniger Skrupeln geplagt als ihre britischen Kollegen. Sie konnten also zu Widerstandsaktionen aufrufen, obwohl sie wussten, dass sie damit möglicherweise Menschen in den sicheren Tod trieben. Zweitens hielt sich die Sowjetunion zu Propagandazwecken ihre eigene Widerstandsorganisation, das „Nationalkomitee Freies Deutschland“, das auch einen eigenen Rundfunksender gleichen Namens betrieb.
Sämtliche Anstrengungen der BBC, der sowjetischen Sender und der seit 1942 sendenden „Stimme Amerikas“ führten zwar dazu, dass die Deutschen gut über die militärisch zunehmend hoffnungslose Lage ihres Landes informiert waren. Aber falls einer der Sender gehofft haben sollte, mit seinen Sendungen einen Umsturz in Deutschland herbeiführen zu können, so mussten sie feststellen, dass das nicht möglich war. Der Sieg über Hitler und die Seinen musste blutig erkämpft werden.
Und vielleicht war es für die Nachkriegszeit gar nicht so schlimm, dass Hugh Greenes Falschmeldung vom 21. Juli 1944 kein Echo in Deutschland fand. Die für alle sichtbare militärische Niederlage Deutschlands knapp ein Jahr später verhinderte die Entwicklung von Verschwörungstheorien wie der berüchtigten „Dolchstoßlegende“. Diese hatte nach dem Ersten Weltkrieg das politische Klima in Deutschland nachhaltig vergiftet.
Nach sechzig Jahren überflüssig geworden
Greene selbst betätigte sich nach dem Krieg als eine Art Entwicklungshelfer in Deutschland. Er baute den Nordwestdeutschen Rundfunk auf, kapitulierte allerdings schon bald vor dem Einfluss der politischen Parteien, der bis heute ein Kennzeichen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist. Als Generaldirektor der gesamten BBC zwischen 1960 und 1969 wurde Greene zum großen Erneuerer des britischen Rundfunks.
„Sein“ deutschsprachiger Dienst, der im September 1938 mit der Übersetzung einer Rede von Premierminister Chamberlain ohne organisatorischen Vorlauf ins Leben geworfen worden war, erwarb sich weitere Verdienste in der Zeit der Teilung Deutschlands. Auch in der DDR genoss der Sender hohes Ansehen. In der alten Bundesrepublik galt das Londoner Funkhaus als angesehene Ausbildungsstätte für Journalisten.
Das half dem „German Service“ freilich nicht. Zwar durfte der Dienst 1998 noch sein sechzigjähriges Jubiläum begehen. Aber schon ein halbes Jahr später ging die Geschichte zu Ende. Die deutsch-britischen Beziehungen seien ausgezeichnet. Die meisten Deutschen könnten ohnehin Englisch. Also brauche man den deutschsprachigen Dienst nicht mehr, befand die BBC-Leitung. Es bleibt die Geschichte vieler großer Leistungen - und einer Falschmeldung.
im Verhalten Stauffenbergs spiegelt sich das Denken vieler Deutscher wieder
alois schneider (formal)
- 21.07.2012, 00:12 Uhr
Die Unterscheidung zwischen "Nazis" und "Deutschen"
Helmut Smith (fmsus)
- 20.07.2012, 12:16 Uhr
Nur "1- mal" eine Falschmeldung während des Zweiten
Weltkriegs
dominique barre (franzose1)
- 20.07.2012, 11:39 Uhr