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FAZ.NET-Countdown : Der Ryan Gosling der SPD

Im Aufwind oder vom Winde verweht? Martin Schulz Bild: dpa

Wer sich die Jamaika-Koalition vorstellt, braucht viel Phantasie. Zum Glück wird das heute ein Tag voller Phantasie – zum Beispiel bei der Frage, wer der neue Bob Dylan wird.

          Eine komische Bundestagswahl war das. Die besten Geschichten hat sie erst nach dem Urnengang geschrieben: Petrys Abgang durch die ganz große Bühnentür, eine kräftige Ohrfeige für den CDU-Fraktionsvorsitzenden und ein SPD-Kanzlerkandidat, der erst in der Stunde der Niederlage den Knopf für den Wahlkampf-Modus gefunden hat. Und weil das Publikum am Ende doch die meisten Sympathien für die Geschichten der Verlierer hat, wird die Wahl eigentlich immer spannender. Denn entschieden wird sie erst in eineinhalb Wochen, wenn Niedersachsen über den neuen Landtag, vor allem aber über die Jamaika-Koalition abstimmen wird.

          Kein Wunder also, dass für Schulz und die anderen Berliner der Wahlkampf eigentlich nahtlos weitergeht. Gestern Abend sprach der SPD-Vorsitzende in Cuxhaven und durfte sich über warmen Szenenapplaus freuen. Nach einem Ergebnis wie dem am vergangenen Sonntag, „da bist du erstmal down“, sagte er, diesmal ganz ohne Unterstützung eines ihm wohlgesonnenen „Spiegel“-Redakteurs. Doch reicht das für einen Punktsieg in zwei Wochen?

          Die Niedersachsen sind wirklich nicht zu beneiden. Nicht nur, dass sie in Niedersachsen leben, nein, jetzt sollen sie auch noch über eine Koalition abstimmen, von der niemand so recht weiß, wofür sie stehen könnte. Jamaika, das klingt erst einmal nach Urlaub, Sonne, Reggae und guter Laune. Aber wer sich die Beteiligten anschaut, dem könnten auch Beliebigkeit, Obergrenzen-Utopien, Veggie-Day und Haar-Transplantationen in den Sinn kommen.

          Und heute?

          Und damit haben wir die wunderbare Welt der Phantasie erreicht, die den heutigen Tag bestimmen könnte. Da ist erstens der Prozess gegen den „größten Geheimagenten aller Zeiten“ (Eigenwerbung). Werner Mauss war in einige der spannendsten Storys der Bundesrepublik verwickelt. Er hat gute Menschen gerettet, böse Menschen gefangen. Nebenbei hantierte der Mann der vielen Gesichter mit großen Geldsummen und - das glaubt die Staatsanwaltschaft - schleuste Millionen von Mark und Euro am Fiskus vorbei. Heute könnte in Bochum das Verfahren gegen Mauss enden. Der Legende droht ein trauriges Ende.

          Ein weitaus positiveres Urteil über einen Geschichtenerzähler wird heute - zweitens - in Stockholm fallen. Dort wird die Schwedische Akademie bekanntgeben, wer den Literaturnobelpreis erhalten wird. Banausen wie der Autor dieses Newsletters sind gespannt, ob sie den Namen des Auserwählten jemals zuvor gehört haben werden, oder ob der Preis an einen nepalesischen Nationallyriker gehen wird. Oder an eine nordwestsudanesische Dramatikerin. Kann ja nicht jedes Jahr Bob Dylan gewinnen, zumal sich die Akademie dieses Jahr wohl ein Hickhack um die Preisverleihung ersparen möchte.

          Martin Schulz ist nicht gerade der Bob Dylan der deutschen Politik. Denn wenn er die Wahl gewonnen hätte, hätte er seinen Preis auch abgeholt. Vielleicht ist er eher der Ryan Gosling der Republik. Über den Liebling aus Hollywood sagt meine Kollegin Verena Lueken, dass es noch immer Seiten seiner Schauspiel-Kunst gebe, die nicht richtig ausgeleuchtet seien. Nett gemeint heiße das, er habe noch ein Geheimnis. Nicht so nett hieße das: „Er ist nicht richtig dabei.“ Gesagt hat sie das in unserer Video-Filmkritik zum Film „Blade Runner“, der - Phantasie zum dritten - heute in den deutschen Kinos startet.

          So viel ist klar: Schulz sollte bald sein ganzes Können zeigen, sonst ist er seinen Job los. Ryan Gosling hingegen können wir noch eine Weile beim Versteckspiel zuschauen.

          Christian Palm

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET

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