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Islamkonferenz : Weiter in verschlankter Form

Plant Neuorganisation der Islamkonferenz: Bundesinnenminister Thomas de Maizère (CDU) Bild: dpa

Die Islamkonferenz soll mit weniger Teilnehmern und einer Konzentration auf zentrale Themen fortgeführt werden. Unterdessen widersprach die Kurdische Gemeinde Deutschlands Forderungen nach muslimischen Feiertagen.

          Die Deutsche Islamkonferenz geht weiter, aber in verschlankter Form. Das ist das Ergebnis eines zweistündigen Gesprächs, zu dem Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Montag die Vertreter von sieben islamischen Verbänden eingeladen hatte. Statt zahlreicher Untergruppen zu Themen wie der Integration in den Arbeitsmarkt, der Terrorismus-Prävention, zur Rolle von Frauen sowie zur Ausbildung von Imamen, die es in der Vergangenheit gab, soll sich das Gespräch nach Angaben von Teilnehmern künftig auf zwei Themen konzentrieren: auf die Organisation des religiösen Lebens der Muslime in Deutschland und auf die Wohlfahrtspflege.

          Susanne Kusicke

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Die muslimischen Verbände wollen nach dem Vorbild von Caritas und Diakonie auf diesem Feld aktiv werden. Das Plenum, an dem bisher um die 40 Diskutanten teilnahmen, soll kleiner werden; muslimische „Einzelpersönlichkeiten“ sollen daran nicht mehr teilnehmen. In der Vergangenheit waren zum Beispiel Autoren oder Frauenrechtlerinnen dabei gewesen. Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Deutschlands, war dennoch voll des Lobes: „Das war ein Gespräch auf Augenhöhe.“

          Fragen der Inneren Sicherheit thematisierte der Innenminister nicht. Mitte März soll das nächste Gespräch stattfinden. Bis dahin soll über Themen und Struktur Klarheit herrschen. Am Montag waren neben der Türkischen Gemeinde auch der deutsche Zweig der staatlichen türkischen Religionsbehörde, die Ditib, die Alevitische Gemeinde, der (türkische) Verband der Islamischen Kulturzentren, der Zentralrat der Muslime, der überwiegend Araber und Ägypter vertritt, sowie Bosniaken und Marokkaner eingeladen.

          Unterdessen wandte sich die Kurdische Gemeinde Deutschland mit scharfen Worten gegen Forderungen nach islamischen Feiertagen in Deutschland. Es sei „unverständlich“ und auch „wenig hilfreich“, dass ein „säkularer Verband wie die Türkische Gemeinde“ einen muslimischen Feiertag fordert, während der neue Bundesinnenminister de Maizière gerade einen neuen Dialog in der Islamkonferenz beginne, sagte der Vorsitzende der Kurdischen Gemeinde, Ali Ertan Toprak, am Montag in Gießen. „Wir sollten zunächst die wirklich dringenden Fragen bei der Integration des Islams angehen, anstatt mit solchen verfrühten Vorschlägen unnötig für Diskussion zu sorgen, die von wirklich wichtigen Debatten ablenken“, fuhr Toprak fort, und forderte stattdessen eine Debatte über „gemeinsame Werte trotz unterschiedlicher Religion“.

          Adressat dieser deutlichen Worte sind die kemalistische Türkische Gemeinde Deutschlands und die Ditib, die die staatliche türkische Religionsgemeinde Diyanet in Deutschland vertritt. Konkret geht es nicht um einen, sondern um zwei muslimische Feste, die die beiden Verbände als religiöse Feiertage in Deutschland etablieren möchten: zum Ramadan und zum Opferfest. „Seit Jahren gehen unsere Kinder zur Schule, gehen Muslime arbeiten und sehen, wie selbstverständlich die Christen ihre Feste feiern können. Als fester Teil Deutschlands und im Rahmen der Gleichstellung wünschen wir uns das auch: zwei Feiertage im Jahr, an denen unsere Kinder in ihren Familien bleiben und muslimische Arbeitnehmer sich frei nehmen können“, sagte der Sprecher der Ditib, Bekir Alboga, gegenüber FAZ.NET.

          „Ein Signal mit Außenwirkung“

          Vorbild dafür wären Regelungen, wie sie 2012 in Hamburg in einem Vertrag mit den muslimischen Organisationen getroffen wurden: Dort dürfen Arbeitnehmer zum Opferfest, Ramadan und Aschura einen freien Tag nehmen, der entweder nachgearbeitet oder als Urlaubstag gezählt werden muss. Ähnliche Regelungen haben Bremen und Hessen getroffen. Die Feiertage werden nach dem Mondkalender berechnet, fallen also in jedem Jahr auf andere Tage, was in den Betrieben jeweils neu eingeplant werden muss.

          Dem Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde Deutschland, Kenan Kolat, schwebt sogar ein gesetzlicher muslimischer Feiertag in ganz Deutschland vor, der auf einen bestimmten Tag festgelegt werden könnte. „Es wäre ein Zeichen der Akzeptanz muslimischen Lebens in Deutschland, das den Musl9imen hier viel Selbstbewusstsein geben könnte und den Mut, sich stärker am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen“, sagte Kolat gegenüber FAZ.NET. “ Kolat wies auch auf die starke Außenwirkung eines solchen Feiertages hin: „In muslimischen Ländern könnte dadurch eine Debatte angestoßen werden, wie dort mit christlichen Minderheiten umgegangen wird.“

          Anerkennung als Religionsgemeinschaft weiter offen

          Für die Ditib steht aber weiterhin vor allem die Frage der Anerkennung als Religionsgemeinschaft an erster Stelle, über die an diesem Montag auch in den Beratungen über die Zukunft der Islamkonferenz wieder gesprochen wurde: Die Ditib habe de Maiziére vorgeschlagen, die drei Bundesländer, in denen schon Staatsverträge mit den Muslimen geschlossen wurden (Hamburg, Bremen, Hessen), in die Islamkonferenz miteinzubeziehen, „um von ihren Erfahrungen zu profitieren“, wie Alboga FAZ.NET sagte. Nach seinem Eindruck sei der Vorschlag von allen Beteiligten positiv aufgenommen worden.

          Quelle: F.A.Z./FAZ.NET

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