27.09.2006 · Vor der Islamkonferenz an diesem Mittwoch in Berlin schreibt Innenminister Schäuble in einem Beitrag für die F.A.Z., „Muslime in Deutschland sollen sich als deutsche Muslime fühlen können.“ Religion, zur Rechtfertigung von Gewalt benutzt, bezeichnet Schäuble als „pervertiert“.
Die Entscheidung der Deutschen Oper Berlin, die drei Jahre alte Hans-Neuenfels-Inszenierung von Mozarts Oper „Idomeneo“ wegen möglicher Anschläge vom Spielplan zu nehmen, hat für heftige Kontroversen gesorgt. Der Entschluß basiert auf einer allgemeinen Gefährdungsanalyse des Landeskriminalamts, nicht auf Drohungen gegen das Charlottenburger Haus im allgemeinen oder die Inszenierung im besonderen.
Am Tag vor der Berliner Islam-Konferenz, zu der Bundesinnenminister Schäuble (CDU) lädt, sah sich die Intendantin Kirsten Harms massiver Kritik ausgesetzt. Sie hat vier Aufführungen von „Idomeneo“ im November vom Spielplan nehmen lassen. Schäuble, der in Washington von der Absetzung der Mozart-Oper in Berlin erfuhr, zeigte sich verärgert über das Vorgehen. Er werde Frau Harms fragen, „ob sie verrückt geworden sei“. Eine Oper in vorauseilendem Gehorsam vor möglichen Kritikern vom Spielplan zu nehmen, sei „verrückt und inakzeptabel“.
Merkel: „Selbstzensur aus Angst ist nicht erträglich“
Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisiert die Absetzung der Mozart-Oper „Idomeneo“ in Berlin als unerträglich. „Wir müssen aufpassen, daß wir nicht aus Angst vor gewaltbereiten Radikalen immer mehr zurückweichen. Selbstzensur aus Angst ist nicht erträglich“, sagte Merkel der in Hannover erscheinenden „Neuen Presse“. Zulässig sei Selbstbeschränkung nur, „wenn sie aus Verantwortung im Rahmen eines echten, vollkommen gewaltlosen Dialogs der Kulturen folgt“.
„Muslime in Deutschland sollen sich als deutsche Muslime fühlen können“, schreibt Schäuble in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und erinnert an Worte Friedrichs des Großen: „Und wenn die Türken (und Heiden) kämen und wollten das Land bevölkern, dann wollen wir ihnen Moscheen (und Kirchen) bauen.“ Preußens religiöse Toleranz sei allen zugebilligt worden, die sich „aktiv und produktiv am Aufbau des Landes“ beteiligen wollten und seine Gesetze respektierten. Er erläutert in dem Beitrag die „spezifisch deutsche Lösung im Verhältnis von Staat und Religion“. Sie bedürfe einer gemeinsamen Identität, deren Fundamente über politische und rechtliche Institutionen, ja selbst über die Verfassung hinausreichten.
Religion, zur Rechtfertigung von Gewalt benutzt, bezeichnet der Minister als „pervertiert“. Für viele Muslime sei das eine katastrophale Erfahrung. „Denn ihre Religion, ihre Kultur, ihre Lebensweise steht zunehmend und oftmals auch fälschlicherweise unter Generalverdacht, was sicherlich eines der vielen teuflischen Kalküle der geistigen Architekten des Terrors war oder ist.“
Bei der Islamkonferenz gehe es um eine Aufforderung an alle religiösen Gruppen, „die Chance der Freiheit als eine aus ihrem Glauben sich ergebende Aufgabe“ zu betrachten. Als christlicher Politiker setze er auf das hohe Maß an kultureller Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit des Islams. Der Islam bringe auch mit, was vielen in Deutschland zu entgleiten drohe: die „Wichtigkeit von Familie, den Respekt vor den Alten, ein Bewußtsein und Stolz mit Blick auf die eigene Geschichte, Kultur, Religion, Tradition, das tägliche Leben der eigenen Glaubensüberzeugung“.
Flierl: „Nachvollziehbare Entscheidung“
Während der Berliner Kultursenator Flierl (Linkspartei) die Absetzung des Stücks eine „nachvollziehbare Entscheidung“ nannte, lehnte es Innensenator Körting (SPD) ab, sich zur Gefährdung einzelner Objekte zu äußern. Die Entscheidung zu Absetzung von „Idomeneo“ sei allein die der Deutschen Oper. Das sagte auch der Regierende Bürgermeister Wowereit (SPD), der jedoch keine „konkrete Gefährdung“ gegeben sah. Er halte die Entscheidung von Frau Harms daher für falsch. Von einer „Kapitulation in vorauseilendem Gehorsam“ sprach auch die kulturpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt. Kunst müsse provozieren dürfen.
Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Fritz Rudolf Körper, sagte, die „demokratische Gesellschaft darf sich nicht erpressen lassen“. Wenn Gefahr bestünde, müßten Veranstaltungen geschützt werden. Neuenfels' „Idomeneo“ hatte im März 2003 an der Deutschen Oper Premiere. Die Inszenierung erhielt Lob von Kritikern, doch wurde von vereinzelten Unmutsäußerungen im Zuschauersaal berichtet, als am Ende der Titelheld die blutigen abgeschlagenen Köpfe von Neptun, Christus, Mohammed und Buddha auf die Bühne bringt. Neuenfels, sagte Frau Harms während einer Pressekonferenz zu ihrer Entscheidung, er habe ihr gesagt, er würde den „Ideomeneo“ heute anders inszenieren, weil die Situation eine andere sei.
Sie habe entschieden, die November-Vorstellungen des Stücks vom Spielplan zu nehmen, nachdem Innensenator Körting sie im August an ihrem Urlaubsort angerufen habe und sie davon in Kenntnis gesetzt habe, daß es einen anonymen Hinweis auf die Neuenfels-Inszenierung gegeben habe, sagte Frau Harms. Körting sprach von einer Anruferin bei der Bundespolizei, die Bedenken gegen die Inszenierung vorgetragen habe. Das Landeskriminalamt habe daraufhin eine Gefahrenanalyse angefertigt, in der von einem „Risiko mit unkalkulierbarem Ausgang“ die Rede gewesen sei. Sie habe nach diesen Informationen beschlossen, vier Aufführungen vom Spielplan zu nehmen; während der Abstimmungen über den Text der Presseerklärung sei die Sache dann publik geworden und habe sofort „weite Kreise gezogen“. Frau Harms bat um Verständnis für ihre Entscheidung. Es sei keine Grundsatzentscheidung, sondern beziehe sich auf die gegenwärtig herrschende Lage.
Es seien zwei Möglichkeiten erörtert worden, Änderungen an der Inszenierung und die Absetzung des Stücks. Sie habe sich für die Absetzung entschieden, ohne Druck von den Behörden. Ihre Entscheidung werde jedoch von den Mitarbeitern getragen. „Es muß jeder für sich entscheiden“, sagte Frau Harms. Das tatsächliche Sicherheitsrisiko könne sie nicht ermessen, doch da die Fachleute die Möglichkeit einer Gefährdung ernst nähmen, habe sie entschieden, jedes Risiko zu vermeiden.
die Religiosität in Deutschland...
Alper E. (A.E.46)
- 26.09.2006, 22:47 Uhr
Gratulation Frau Harms
Servet Kizilkaya (Sergen)
- 26.09.2006, 23:25 Uhr
Idealismus - Pragmatismus
Iman Sakkaki (genco02)
- 27.09.2006, 00:08 Uhr
Schäuble wünscht sich...
Hans Chr. Riedelbauch (riedelbauch)
- 27.09.2006, 01:20 Uhr
Wer glaubt..
tarkan Tan (tarkan-tan)
- 27.09.2006, 01:23 Uhr