Home
http://www.faz.net/-gpf-7gpor
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Islamisten im Raum Frankfurt Der Rhein-Main-Salafismus

Öffentliche Hasspredigten, Reisen nach Syrien und neue Allianzen - im Frankfurter Raum ballt sich eine Szene radikaler Muslime zusammen.

© Helmut Fricke Vergrößern Frieden und Vernichtung: Pierre Vogel spricht im April 2011 auf dem Frankfurter Rossmarkt

Vor zwei Jahren stand Pierre Vogel auf einem großen Bühnenwagen mitten auf dem Roßmarkt in der Frankfurter Innenstadt und predigte, was er immer predigt. „Egal, ob die ganze Welt gegen uns ist“, rief er in die Menge, „Allah ist auf unserer Seite“. Er stand da, in seinem weißen Gewand, und redete fast eine Stunde auf die Menschen ein. Mehr als Tausend waren gekommen, um ihn zu hören. Sie standen dicht gedrängt auf dem Platz, rechts die Frauen, links die Männer, strikt voneinander getrennt. Sie nickten, als Vogel davon sprach, der Islam sei die einzig wahre Religion, und riefen, mit hochgereckter Faust, „Allahu Akbar“.

Vogel selbst feierte jenen Abend des 20. April als Erfolg. Nur zwei Wochen später meldete er wieder eine Kundgebung in Frankfurt an und predigte abermals, diesmal allerdings vor weitaus weniger Menschen, weil die Stadt den Veranstaltungsort in die Peripherie verlegte. Dennoch hält sich Vogel seitdem gern in Frankfurt auf. Vor allem in den vergangenen Wochen, nachdem er nach fast zweijähriger Abstinenz wieder aus Ägypten zurückgekehrt ist.

Im Juli erschien Vogel plötzlich auf der Frankfurter Einkaufsstraße Zeil und begleitete eine Gruppe junger Muslime, die aus dem Bollerwagen heraus Exemplare des Korans verteilten. Möglicherweise hatte er zu diesem Zeitpunkt schon geplant, seinen „2. Islamischen Friedenskongress“, der am 7. September stattfinden soll, in Frankfurt abzuhalten. Diesmal wollte er sich aber nicht umquartieren lassen. Er beharrte auf dem zentralen Platz in der Innenstadt. Weil er weiß, dass dort die Menschen hinkommen. Und dass er dort den Nährboden findet, den er sucht.

Hohe Personenpotentiale im Rhein-Main-Gebiet

Dass Prediger wie Vogel sich verstärkt ins Rhein-Main-Gebiet orientieren, ist eine Entwicklung, die die Sicherheitsbehörden schon seit einiger Zeit beobachten. Nach genereller Einschätzung verfestigen sich in Hessen die Strukturen innerhalb der salafistischen Szene. Neben umstrittenen Islamseminaren, die schon seit Jahren stattfinden, um junge Muslime bis hin zum Dschihad zu radikalisieren, sind es vor allem die Aktivitäten prominenter Prediger, die den Sicherheitsbehörden Sorge bereiten.

So war im vergangenen Jahr Mohamed Mahmoud, einer der radikalsten in Deutschland lebenden Salafisten, in das Rhein-Main-Gebiet gekommen. Der gebürtige Österreicher war von Solingen nach Erbach im Odenwald gezogen. Wenig später sollte er auf Betreiben des hessischen Innenministers Boris Rhein (CDU) ausgewiesen werden und reiste daraufhin freiwillig aus. Er setzte sich nach Ägypten ab, inzwischen ist er in der Türkei in Haft. Nun drängt Vogel in die regionale Szene, kaum dass er sich wieder in Deutschland aufhält. Neben Mahmoud ist er die zweite „prominente Figur“, die die Region rund um Frankfurt nutzt.

Das Rhein-Main-Gebiet sei aufgrund seiner Bevölkerungsstruktur eine Region, „in der salafistische Missionierungsnetze in besonders hohem Maße Personenpotentiale antreffen, die ihrer typischen Zielgruppe entsprechen“, heißt es beim hessischen Verfassungsschutz. Das Weltbild der Salafisten habe vor allem für Konvertiten und muslimische Migranten der zweiten und dritten Generation eine hohe Anziehungskraft. Dieses Nährbodens scheinen sich die Prediger zu bedienen.

Netzwerk verboten, Akteure weiter aktiv

So reisten erst im Juli acht junge Männer aus Frankfurt und Offenbach nach Syrien aus, nachdem sie in hohem Maße radikalisiert worden waren. Offenbar war ihr Ziel, sich dort an Kämpfen zu beteiligen. Die Ausreise geschah in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Sie mieteten sich einen Bus und fuhren über die Grenze in die Türkei, dann weiter nach Syrien. Die Polizei, die nun wegen Verdachts der „Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat“ ermittelt, sieht die Männer in Verbindung zum Missionierungsnetz „Dawa Ffm“, jenem Verein, der im März vergangenen Jahres von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) verboten worden war. Auch bei dem Attentäter Arid Uka, der im März 2011 zwei amerikanische Soldaten am Frankfurter Flughafen ermordete, wurden Verbindungen zu Dawa Ffm geprüft, konnten aber letztlich nicht nachgewiesen werden.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Islamischer Staat Spanische Polizei nimmt mutmaßliche Dschihadisten fest

Die spanische Polizei geht verstärkt gegen radikalisierte Muslime vor. Nun hat sie elf mutmaßliche Islamisten mit Verbindungen zur Terrororganisation IS in Katalonien verhaftet. Mehr

08.04.2015, 14:40 Uhr | Politik
Nach den Anschlägen Frankreich will Radikalisierung von Muslimen in Gefängnissen verhindern

Die Anschläge von Paris haben Frankreich in Angst und Schrecken versetzt. Ins Visier der Behörden geraten inhaftierte Muslime, die sich nicht selten hinter Gittern radikalisieren. Um dies zu verhindern, setzt Paris auf in Frankreich ausgebildete Imame. Mehr

26.02.2015, 17:19 Uhr | Gesellschaft
Sprengstoff ist out Terroristen steigen auf Sturmgewehre um

Früher verübten Islamisten ihre Anschläge mit Sprengstoff. Heute benutzen sie Kriegswaffen. Die sind auch in Deutschland leicht zu bekommen. Mehr Von Markus Wehner

14.04.2015, 19:50 Uhr | Politik
Wuppertal Polizei geht gegen Scharia-Polizei vor

Nach Patrouillen der selbst ernannten Scharia-Polizei hat die Polizei Wuppertal ihre Kräfte verstärkt. Wuppertal gilt als eine Hochburg der salafistischen Szene. Die Staatsanwaltschaft hat nach eigenen Angaben inzwischen Ermittlungen wegen eines Verstoßes gegen das Versammlungsverbot gegen die Gruppe eingeleitet. Mehr

14.03.2015, 10:00 Uhr | Politik
Ehrenbürger Hindenburg Aus der Hand eines Nazis

Paul von Hindenburg ist nicht nur mit demselben Magistratsbeschluss wie Adolf Hitler zum Ehrenbürger der Stadt Frankfurt gekürt worden. NS-Oberbürgermeister Krebs zeichnete den früheren Reichspräsidenten auch persönlich aus - in Berlin. Mehr Von Tobias Rösmann

09.04.2015, 18:54 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.08.2013, 14:02 Uhr

Flucht und Diplomatie

Von Nikolas Busse

Die anhaltende Debatte über den Umgang mit Flüchtlingen zeigt, dass es keine einfache Lösung gibt. Entscheidend ist die Lage in den Heimatländern der Asylsuchenden: Europa muss mehr Einsatz gegen die dortigen Krisen zeigen. Mehr 14 8