http://www.faz.net/-gpf-7yyz9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 02.02.2015, 12:23 Uhr

Alice Schwarzer zum Islamismus Hier irrt die Kanzlerin

Für Angela Merkel beginnt Islamismus da, wo Gewalt angewendet wird. Doch er fängt schon früher an. Auch in deutschen muslimischen Verbänden gibt es Unterdrückung. Ein Gastbeitrag.

von Alice Schwarzer
© Illustration F.A.S. Der Islam zwischen Glauben und Ideologie.

Die „Trennlinie zwischen Islam und Islamismus“ definiert die Bundeskanzlerin so: „Der Islamismus findet statt, wo unter Berufung auf die Religion Gewalt angewendet wird oder zur Gewaltanwendung aufgerufen wird, um andere zu unterwerfen.“ Gesagt hatte sie dies in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Doch mit Verlaub, Frau Bundeskanzlerin: An diesem Punkt ist es bereits zu spät. Viel zu spät. Denn die Gewalt ist nur die Spitze des Eisberges des politisierten Islam, des Islamismus. Ihr geht eine ideologische Indoktrinierung voraus, der Drill der Gläubigen zur Selbstgerechtigkeit und Verachtung der „Anderen“, als da sind: Frauen, Juden, Homosexuelle, Kreative, „Ungläubige“. Dieses Schüren von Hass auf die Anderen ist die Saat der Gewalt. Mit der Kalaschnikow in der Hand geht die Saat auf.

In allen totalitären (Denk-)Systemen ist die Entmenschlichung der Anderen die Voraussetzung dafür, dass die Einen sich zu Herren über Leben und Tod der Anderen aufschwingen. Der Kadavergehorsam der Indoktrinierten beginnt in der patriarchalen Familie, in Koranschulen und in den orthodoxen oder gar islamistischen Moscheen. Und da reden wir nicht nur von salafistischen Moscheen. Wir reden unter anderem auch von den heute etwa 1000 Ditib-Moscheen in Deutschland, die finanziell wie personell von der Türkei abhängig sind. Vor der Machtergreifung Erdogans waren das Stätten eines echten Dialogs, heute weht da ein anderer Wind.

Die Islamisten missionieren seit den achtziger Jahren

Die frühe Unterwerfung von Söhnen, Töchtern und Frauen findet ihre konsequente Fortsetzung in den Schmieden der Gottesstaatler, die aus Ich-schwachen jungen Männern waffenstarrende Gotteskrieger formen und aus verlorenen jungen Frauen hörige Bräute. Die Islamisten missionieren seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, seit der Ausrufung des Iran zum Gottesstaat. Erstes Ziel dieser mit Petrodollars aus Saudi-Arabien und Qatar ausgestatteten Gottesstaatler waren die islamischen Länder, doch sind sie auch sehr rasch in den muslimischen Communities der westlichen Welt angekommen.

Dennoch zeigen aktuelle Umfragen, dass die überwältigende Mehrheit der Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis in Deutschland die Demokratie schätzen. 90 Prozent aller Muslime halten laut Bertelsmann-Studie nicht etwa den Gottesstaat, sondern die Demokratie für „eine gute Regierungsform“; ebenso viele haben „regelmäßigen Freizeitkontakt“ zu Nichtmuslimen. Und 60 Prozent bejahen nicht nur die Homosexualität, sondern sogar die Homoehe – was für Islamisten des Teufels ist.

Mehr zum Thema

Das sind wirklich gute Nachrichten! Die Muslime in Deutschland sind also mehrheitlich integriert. Doch genau darum sind sie die ersten Opfer der Islamisten, nicht wir. Sie sind es, die in den Augen der Fanatiker „Verräter“ sind. Sie sind es, die von den Islamisten agitiert, unter Druck gesetzt und bedroht werden. Sie sind es, deren Söhne sie vergiften und deren Töchter sie entrechten. Sie sind es, die wir im Stich gelassen haben.

Ausgerechnet die freiheitsliebenden Muslime haben wir in den vergangenen Jahrzehnten alleingelassen. Stattdessen hat die Politik den Islamisten nach dem Mund geredet. Sie hat es zugelassen, dass leichtfertig einem Kulturrelativismus das Wort geredet wurde, bei dem die Menschenrechte zwar für uns gelten – aber nicht für muslimische Männer und schon gar nicht für muslimische Frauen. Höchste Zeit also, dass sich das ändert! Denn die Gefahr wächst.

Die Saat geht auf

Aus Frankreich ist zu hören, dass nach den Attentaten auf „Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt keineswegs alle erschrocken waren. Schulen mit hohem Muslim-Anteil melden, dass manche Schüler in der verordneten Schweigeminute „Allahu Akbar“ riefen, aufklärende Lehrerinnen und Lehrer anpöbelten und drohten: „Das war erst der Anfang.“

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
AfD-Treffen mit Muslim-Rat Außer Lilien nichts gewesen

Die AfD und der Zentralrat der Muslime treffen sich in Berlin und zeigen, dass solche Begegnungen auf absehbare Zeit wenig Zweck haben. Was waren die Gründe für den raschen Abbruch des Dialoges? Mehr Von Justus Bender und Eckart Lohse, Berlin

23.05.2016, 18:43 Uhr | Politik
Zentralrat der Muslime AfD bricht Gespräche ab

Der Vorsitzendes des Zentralrats Aiman Mazyek sagte, die AfD sei nicht auf Fragen zu umstrittenen Punkten im AfD-Parteiprogramms eingegangen: Wir haben zu diesem Gespräch geladen, weil wir an die AfD sehr ernste Fragen zu stellen haben, und die wir direkt im Gespräch erörtern wollten. Die Fragen, die wir an sie gestellt haben lass ich hier gleich verteilen, das sind die Fragen, die für uns auch eine rote Linie darstellen. Und das ist keine persönliche Position, sondern es ist die Position des Grundgesetzes. Mehr

23.05.2016, 14:32 Uhr | Politik
Neue Islamkritik AfD-Funktionäre greifen Petry nach Treffen mit Muslimen an

Die Kritik an AfD-Chefin Frauke Petry aus der eigenen Partei wächst – viele finden, man hätte sich auf das Treffen nicht einlassen sollen. Ein ranghoher Parteifunktionär verschärft seine Angriffe auf den Islam. Mehr Von Justus Bender und Eckart Lohse

24.05.2016, 20:47 Uhr | Politik
Zentralrat der Muslime AfD-Chefin Petry bricht Gespräche ab

Der Vorsitzendes des Zentralrats Aiman Mazyek sagte, die AfD habe die Gespräche abgebrochen. Frauke Petry von der AfD: Wir haben eine klare Frage oder Bitte geäußert, wie man mit diesem Gespräch umzugehen hat. Darauf wurde uns gesagt, dass wir ja froh sein könnten sinngemäß, dass wir ja geladen worden wären. Für uns war die Voraussetzung dieses Gesprächs immer ein Dialog auf Augenhöhe, weil die AfD eine Partei ist, die nach aktuellen Umfragen 15% der deutschen Bevölkerung vertritt. Mehr

23.05.2016, 14:50 Uhr | Politik
Vor Treffen mit Muslimen Petry verstärkt Kritik am Islam

Die AfD-Vorsitzende bleibt vor ihrem Treffen mit dem Zentralrat der Muslime auf Konfrontationskurs. Dafür wird sie von der CDU-Integrationsbeauftragten Cemile Giousouf mit Salafisten verglichen. Mehr

22.05.2016, 05:56 Uhr | Politik

Kleine Linke-Welt

Von Matthias Wyssuwa

Das mit der AfD hat für die Linke auch eine gute Seite. Der Aufstieg der Rechtspopulisten passt nämlich exzellent in ihre große Erzählung. Damit macht sie es sich einfach. Mehr 12