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Islam : Vom Boxer Pierre Vogel zum Prediger Abu Hamsa

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Im Keller der Vogels wird geboxt und gebetet Bild: F.A.Z. - Kai Nedden

Pierre Vogel, ein deutscher Konvertit, ist einer der bekanntesten islamischen Missionare im Land. Dem Verfassungsschutz gilt er als potentielle Gefahr und aufregendes Phänomen. Einst drückte er im Berliner Sportinternat die Schulbank mit Franziska van Almsick.

          Pierre Vogel teilt aus wie früher. „Es geht hier doch nur um eines: um Einschüchterung“, ruft er. Er hebt die Stimme, ballt die Faust, haut auf den Tisch. Rund 100 Zuhörer sind am Samstagabend in die Moschee nach Mönchengladbach gekommen, sie kauern vor ihm auf dem Boden. Der Prediger hat sein Publikum in der Hand. Wie früher. Da stand er als Profi im Boxring. Heute predigt Vogel in Gebetsräumen in ganz Deutschland. Der Konvertit ist einer der bekanntesten islamischen Missionare im Land. „Ich rechne nicht damit, Brüder, dass ich noch lange so weitermachen kann“, sagt er.

          Drei Tage zuvor hat er einstecken müssen. Die Staatsanwaltschaft ließ seine Wohnung in Bonn durchsuchen. „Ich kam mir vor wie Al Capone“, sagt Vogel. Wegen der Verbreitung eines indizierten Buches, in dem die körperliche Züchtigung von Frauen als letztes Mittel gegen Ungehorsam beschrieben wird, nahm die Polizei in ganz Deutschland in insgesamt 30 islamischen Einrichtungen Razzien vor - auch in dem islamischen Kulturverein As Sunnah in Mönchengladbach, wo Vogel jetzt spricht. Das will er nicht hinnehmen, er will zurückschlagen: „Wir müssen zu Plan B übergehen: Aus einem Pierre Vogel machen wir tausend Pierre Vogel.“

          Ein kölscher Jung, laut, lustig, herzlich

          Am Nachmittag sitzt Vogel neben seiner Mutter im Bürgerhaus Oberaußem, einem Stadtteil von Bergheim, rund 35 Kilometer westlich von Köln. Aus dem Festsaal dringt Karnevalsmusik. Musik, mit der der 31 Jahre alte Vogel früher als Profiboxer zum Ring marschiert ist. Ein kölscher Jung, laut, lustig, herzlich. 2001 konvertierte er auf der Suche nach dem Sinn des Lebens zum Islam. „Am liebsten wäre es mir, er wäre Anwalt oder Pfarrer geworden. Ich sage immer, er ist in einer anderen Partei“, sagt Sabine Vogel, die die Gaststätte zusammen mit ihrem Mann Walter gepachtet hat. Im Untergeschoss prügeln Jugendliche auf Sandsäcke ein, die Vogels haben im Haus ein Boxgym eingerichtet. An den Wänden hängen Poster, die einst für die Kämpfe ihres Sohnes warben, im Regal stehen seine Siegerpokale.

          Der Prediger fühlt sich verkannt: „Vor uns muss keiner Angst haben.”

          Sabine Vogel holt ihrem Sohn frische Handtücher aus dem Schrank. Pierre und sein Begleiter Murat verschwinden im Keller, um auf Kegelbahn Nummer zwei zu beten. Mutter Vogel bleibt zurück, obwohl ihr Sohn sie schon bekehren konnte. „Aber dat janze Betjedöns ist nichts für mich“, sagt sie. „Das ist eine Gefahr für sie“, sagt Pierre. „Was passiert, wenn sie stirbt? Der Islam ist die einzige Rettung vor ewiger Bestrafung in der Hölle.“

          Es sei dieses vereinfachte Weltbild, was Pierre Vogel zu einer potentiellen Gefahr mache, sagen Verfassungsschützer. Nach ihrer Einschätzung ist der Konvertit Salafit, auch wenn er sich selbst nicht so bezeichnet. Der Salafismus ist eine elitäre radikale Strömung innerhalb des Islam, dessen Anhänger sich streng an den Wortlaut von Koran und Sunna halten. Sie berufen sich auf die „frommen Altvorderen“ - die Salaf al Salih. Sie glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein. Schon Muslime, die nicht nach ihren Idealen leben, sind für sie Ungläubige.

          „Diese Gut-böse-Ideologie ist in wesentlichen Punkten nicht mit unserer Vorstellung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu vereinbaren“, sagt Burkhard Freier, stellvertretender Leiter des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen. „Der Salafismus kann bei jungen Zuhörern, die sich in einer Selbstfindungsphase oder in einer Krisensituation befinden, zu einer Radikalisierung führen. Und die kann in Terrorismus münden.“ Auch Islamwissenschaftler Herbert Landolin Müller warnt: „Vogel ist von Gewalt oder Terrorismus weit weg. Aber sein ideologischer Hintergrund hat es in sich.“

          Der Prediger fühlt sich verkannt. „Vor uns muss keiner Angst haben. Wir wissen, wo unser Rahmen ist. In diesem Rahmen wollen wir unsere Religion individuell praktizieren und kommen nicht mit dem Grundgesetz in Konflikt“, sagt Vogel. Vielmehr trage der Islam zum Rückgang der Kriminalität bei. „Die kriminellen Jugendlichen kommen jetzt zu uns in die Moschee. Wir bringen ihnen bei, dass es nicht cool ist, Quatsch zu machen, sondern sich zu benehmen. Wir haben den Spieß umgedreht.“

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