http://www.faz.net/-gpf-7ykbk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Aktualisiert: 15.01.2015, 15:10 Uhr

Mouhanad Khorchide im Gespräch „Mit Mahnwachen bekämpft man den Islamismus nicht“

Er ist liberal, er ist Islamwissenschaftler und er steht unter Polizeischutz. Mouhanad Khorchide kritisiert die Haltung vieler Muslime nach den Anschlägen von Paris. Wer sage, Salafismus habe nichts mit dem Islam zu tun, der verdränge das Problem. Ein Gespräch.

© dpa Unter Polizeischutz: Khorchide vor dem Schloss in Münster, dem Sitz der Universität.

Die muslimischen Verbände in Deutschland haben die Attentate von Paris scharf verurteilt. Zugleich heißt es: Das hat mit dem Islam nichts zu tun. Doch berufen sich die Salafisten auf den Islam.

Natürlich müssen die Verbände sich distanzieren, was sie auch getan haben. Aber nun einfach zu sagen, Salafismus hat nichts mit dem Islam zu tun, ist ein Verdrängungsmechanismus, der uns allen nicht hilft. Damit wird das Problem ignoriert. Jetzt müsste man sich im Detail die Argumente der Salafisten anschauen und diese mit starken Gegenargumenten entschärfen.

Helfen keine Mahnwachen?

So etwas wie die Mahnwache am Dienstagabend ist eine schöne, wichtige Geste. Es ist gut, der Mehrheitsgesellschaft zu sagen: Bitte pauschalisiert nicht. Nicht alle Muslime sind Salafisten oder Extremisten. Aber dadurch bekämpft man nicht den Islamismus. Es wird gar nicht thematisiert, was das für Argumente sind, die es erlauben, einfach unschuldige Menschen zu töten. Wir müssen endlich einen innerislamischen theologischen Diskurs führen. Im Kern müssen wir vor allem darüber sprechen, wie mit Nicht-Muslimen umgegangen werden soll, das heißt auch über die These, dass Gott auch im Jenseits noch ewige Gewalt gegen Nicht-Muslime ausüben wird. Aber es gibt diesen Diskurs noch nicht.

Aus manchen muslimischen Verbänden heißt es: Wir sind dazu da, den Islam zu praktizieren. Theologische Debatten sollen an den Universitäten geführt werden.

Ich sehe ein, dass manche sagen, sie hätten nicht die Expertise. Aber dann müssten die Verbände den Diskurs an den Universitäten stärker unterstützen – oder ihn nicht behindern – und sie müssten offen für theologische Positionen sein, die vielleicht nicht von der Mehrheit der traditionellen Gelehrten vertreten wurde, aber dennoch für heute fruchtbar sind.

Inwiefern wird dieser Diskurs eingeschränkt?

Positionen wie die meine, die eher offen sind, werden schnell als unislamisch abgetan. Im vorigen Jahr wurde gegen mein Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ vehement vorgegangen. Dabei ist es ein Angebot, die gute, barmherzige Seite des Islams in den Vordergrund zu stellen.

Der Koordinationsrat der Muslime forderte in dem Gutachten Ihre Absetzung, von der größten muslimischen Organisation Ditib hieß es, sie seien „nicht tragbar“.

Das ist ein Lernprozess für uns alle, auch für die Verbände. Zumindest Ditib öffnet sich nun sukzessive und unterstützt unsere Arbeit.

Mehr zum Thema

Aber müssten sich die Moscheeverbände nicht auch von innen her wandeln?

Die Moscheegemeinden machen gute praktische Arbeit, besitzen aber nicht immer die theologische Expertise. Zudem erreichen sie nicht die breite Basis der Muslime. Aber wenn wir Hand in Hand arbeiten, die Moscheegemeinden und die Universitäten zusammen, können wir uns ergänzen und den Wandel schaffen. Bei uns in Münster haben sich im vergangenen Jahr 1400 Muslime beworben. Wir begannen 2012 mit dem Studiengang der islamischen Theologie, inzwischen haben wir 650 Studierende. Der Großteil soll später Religionslehrer oder Imame werden. Das ist ein Wandel von unten.

Welche Rolle spielt die Sprache? Nur in wenigen Moscheen wird auf Deutsch gepredigt.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Islam-Debatte Wie der Salafismus in unsere Welt kam

Europas Politiker sind mitverantwortlich dafür, dass sich unter den eingewanderten Muslimen extreme religiöse Ideologien ausbreiten konnten. Eine Replik auf Ruud Koopmans. Mehr Von Jonathan Laurence

22.07.2016, 12:04 Uhr | Feuilleton
Trumps Rede in Cleveland Schutz vor radikalem Islam

Zum ersten Mal auf einem Nominierungsparteitag der Republikaner wurde die LGBTQ (Lesbisch-schwul-bisexuell-transsexuell-sexuell undefinierte)-Gemeinde erwähnt. Mehr

22.07.2016, 10:23 Uhr | Politik
Attentat von München Einzelner Täter, kollektive Trauer

Am Tag nach dem Amoklauf von München haben die Behörden viele Fragen beantworten können. Doch Vieles an der Tat bleibt unbegreifbar. Mehr

23.07.2016, 23:23 Uhr | Politik
Viele Verletzte Zehn Menschen sterben bei Schießerei in München

Schock und Besorgnis nach der Schießerei vor einem Einkaufszentrum in München. Bei dem Anschlag waren zehn Menschen getötet worden, unter ihnen der mutmaßliche Täter. Das öffentliche Leben in München war nach Warnungen der Polizei am Abend der Tat fast völlig zum Erliegen gekommen. Am Morgen danach stürmten Beamte eine Wohnung im Stadtteil Maxvorstadt. Mehr

23.07.2016, 10:09 Uhr | Gesellschaft
Chronologie So verlief die Schreckensnacht von München

Ein junger Mann schießt wahllos auf Menschen, mindestens zehn werden getötet, etliche verletzt. Was ist in dieser Nacht in München geschehen? Die Ereignisse der vergangenen Stunden im Protokoll. Mehr

23.07.2016, 06:42 Uhr | Politik