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Interview mit Andrea Nahles : In der SPD wegen Jesus Christus

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Erst in die Kirche, dann in die Partei: „Daraus leite ich mein politisches Engagement ab” Bild: dpa

Die Debatte über Spätabtreibung habe sie herausgefordert, sagt Andrea Nahles. Denn sie ist nicht nur Politikerin, sondern auch gläubige Christin. „Deshalb habe ich jetzt meine Karten auf den Tisch gelegt“: Ein Gespräch über Glauben, Behinderung und den Menschen als Designer seiner selbst.

          Ihren christlichen Glauben hat Andrea Nahles bisher kaum öffentlich thematisiert. Die Gläubige trat hinter die Politikerin zurück. Doch biographisch war es genau umgekehrt: Sie engagierte sich erst in der Kirche, dann auch in der Politik. Doch in der Debatte über Embryonenschutz, vor allem aber jetzt in der aktuellen Diskussion über die Neuregelung der Spätabtreibung begann die stellvertretende SPD-Vorsitzende auch christlich zu argumentieren. Die Debatte habe sie herausgefordert, sagte sie der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Halten Sie Abtreibung für eine Sünde, Frau Nahles?

          Nein. Aber ihr muss eine gründliche Gewissensentscheidung vorausgehen. Eine Abtreibung führt immer in eine Konfliktsituation. Mit der jetzigen Form des Paragraphen 218 sind wir einen verantwortbaren Weg gegangen. Dieser Kompromiss steht für mich nicht in Frage.

          „Das wäre ein anderer Ton gewesen”: Nahles über Möglichkeiten der Papst-Kritik

          In dieser Woche entscheidet der Bundestag über eine Neuregelung von Spätabtreibungen. Was unterscheidet eine Spätabtreibung von einer anderen Abtreibung?

          Im Streit über den Paragraphen 218 ging es um den Umgang mit ungewollten Schwangerschaften. Bei den Spätabtreibungen handelt es sich immer um eine gewollte Schwangerschaft. Die werdende Mutter erfährt also durch eine Diagnose, dass das Kind behindert sein wird. Das ist ein Schock für alle. Abgewogen werden muss der Wert behinderten Lebens auf der einen Seite und auf der anderen die Sorge der werdenden Mutter, das Leben mit einem nicht gesunden Kind überhaupt bewältigen zu können.

          Die Koalition streitet seit vier Jahren über Spätabtreibungen. Wird es zu einer Einigung kommen?

          Ich fürchte, nein. Es wird aber eine Änderung der bestehenden Regelung geben. Der Antrag, der von CDU/CSU, der FDP, aber auch von einer Gruppe von Sozialdemokraten um Kerstin Griese – darunter ich selbst – unterstützt wird, hat eine Mehrheit im Bundestag.

          Was sieht er vor?

          Eine psychosoziale Beratung von Schwangeren, die mit der Diagnose „schwer behindertes Kind“ konfrontiert werden, soll gestärkt werden. Sie ist heute nicht ausreichend gewährleistet. Außerdem wollen wir eine Frist von drei Tagen festschreiben, die zwischen der Diagnose einer Behinderung und einer Spätabtreibung liegen muss.

          Diese Frist lehnt die Mehrheit der SPD-Abgeordneten ab.

          Ja, leider. Aber sie ist erforderlich. 40 Prozent der Spätabtreibungen finden in den ersten drei Tagen nach der Diagnose einer Behinderung statt. Ich habe es in der eigenen Verwandtschaft erlebt, dass die Behinderung eines Kindes während der Schwangerschaft festgestellt wurde und die Schwangere keineswegs das Gefühl hatte, sie könne die Situation in Ruhe bedenken, sondern sich großem Zeitdruck ausgesetzt sah. Und nicht nur Zeitdruck. Denn es ist nicht so, dass die Nachricht, hier kommt ein Kind zur Welt, aber es ist behindert, in unserer Gesellschaft immer positiv aufgenommen wird. Manche Frauen, die ihre Schwangerschaft haben abbrechen lassen, erzählen mir später, sie hätten sich mit weniger Druck vielleicht anders entschieden. Viele Frauen fühlen sich überhaupt nicht genügend beraten. Die drei Tage Bedenkzeit sind eine Hilfe und nicht eine Bevormundung.

          Welche Rolle spielt der Glaube für sie als Politikerin?

          Die Entscheidung, aktive Christin zu werden, habe ich einige Jahre vor dem Entschluss getroffen, in der SPD aktiv zu sein. Mit neun Jahren bin ich Messdienerin geworden, mit 14 in eine ökumenische Jugendgruppe gegangen. Das waren frühe Prägungen, sie haben meinen Wertekodex bestimmt. Und daraus leite ich mein politisches Engagement ab.

          Ihr Bekenntnis zum Christentum hat das öffentliche Bild der linken Frontfrau wenig bestimmt.

          Ich habe meinen Glauben nie als Monstranz vor mir hergetragen, auch wenn ich mich bei anderen Entscheidungen, etwa zum Embryonenschutz, von den christlichen Positionen habe leiten lassen. Aber die Debatte über die Spätabtreibung hat mich herausgefordert. Die SPD hatte immer eine Tradition, Leute aus den Kirchen und deren Positionen zu integrieren. Da musste ich Stellung beziehen. Deshalb habe ich jetzt meine Karten auf den Tisch gelegt.

          In der Union machen nur drei Prozent der Bundestagsabgeordneten keine Angaben zu ihrer Konfession, in der SPD 42 Prozent.

          Wenn Abgeordnete keine Angaben zur Religion machen, dann ist das ihr gutes Recht. Ich bin kein Missionar. Viele Leute wollen heute nicht mehr Mitglied einer Kirche sein. Ich erwarte allerdings, dass das religiöse Bekenntnis und das aktive Leben des Glaubens akzeptiert werden. Und ich bin überzeugt: Christsein kann nie folgenlos bleiben, nicht privat und nicht politisch. Ich wäre nie in der SPD gelandet, wenn ich nicht zuvor eine christliche Prägung erfahren hätte. Ich habe mich in der SPD eher in der Gefolgschaft von Jesus Christus wiedergefunden, und zwar wegen dem Parteiprogramm und dem, was die SPD verkörpert. Christsein ist nicht das Ritual, sonntags in die Kirche zu gehen.

          Wie haben Sie als Katholikin die Kritik der Bundeskanzlerin an Papst Benedikt XVI. empfunden?

          Das war starker Tobak. Ich hätte mir gewünscht, dass die Bundeskanzlerin nicht nach ihrer öffentlichen Kritik am Papst, sondern vorher zum Telefonhörer gegriffen und mit dem Papst gesprochen hätte. Stellen Sie sich vor, sie hätte öffentlich gesagt: „Ich habe heute mit Papst Benedikt telefoniert, und wir sind uns einig gewesen, dass . . .“ Das wäre ein anderer Ton gewesen. Das ändert nichts daran, dass es ein ungeheurer Fehler von Papst Benedikt gewesen ist.

          Hilft der Glaube Ihnen, politische Karriere zu machen?

          Er hilft mir natürlich. Er ist jeden Tag Movens, auch in schwierigen Zeiten.

          Was ist Ihr Lieblingskirchenlied?

          „O Jesu, all mein Leben bist Du“. Ein altes, trauriges Lied, das mir schon als Kind sehr zu Herzen gegangen ist.

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