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Integration Kein Kind soll zurückbleiben

31.01.2012 ·  Der Integrationsgipfel im Kanzleramt hat einen „Nationalen Aktionsplan“ beschlossen. Auf lokaler Ebene aber sind es bilinguale Schulprojekte wie in Hannover-Linden, die nicht nur Migrantenkindern Bildung und sozialen Aufstieg ermöglichen.

Von Uta Rasche, Hannover
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© Jung, Hannes An der Albert-Schweitzer-Grundschule im Hannoveraner Stadtteil Linden werden Klassen mit doppelter Lehrerbesetzung bilingual deutsch und türkisch unterrichtet. Die Kinder der bilingualen Klasse erreichen im Schnitt bessere Noten als die anderer Klassen. Offenbar wirkt sich das positiv auf das Lernverhalten und die Merkfähigkeit aus

Irgendwann reichte es Beatrix Albrecht - all die Elterngespräche über die Notwendigkeit von Hausaufgaben, von gesundem Frühstück oder den zu hohen Fernsehkonsum der Kinder. „Es ist sinnlos, Eltern zu erziehen“ ist die zentrale Erkenntnis ihres Pädagogendaseins. Auf dem Schreibtisch der Rektorin der Albert-Schweitzer-Grundschule im Arbeiterstadtteil Hannover-Linden stapeln sich Akten, an den Wänden hängen Kinderzeichnungen.

Albrecht ist zierlich, schlicht gekleidet, trägt die Haare kurz. Nichts soll sie, so scheint es, von ihrer Mission ablenken. Vor sieben Jahren begann sie, die Grundschule zur Ganztagsschule umzubauen, anfangs ohne zusätzliche Lehrerstunden, nur mit gutem Willen und viel Organisationsgeschick. Seit diesem Schuljahr ist die Schule täglich von sieben bis 17 Uhr geöffnet, auch in den Ferien. Hausaufgaben gibt es keine. "Das war für die Kinder, die zu Hause nicht unterstützt werden, immer demütigend." Kein Kind soll wegen seiner Eltern Nachteile haben, lautet ihr Credo. Und so traurig es klingt: Für viele der Albert-Schweitzer-Schüler ist jede Stunde, die sie nicht zu Hause verbringen, ein Gewinn.

70 Prozent der Kinder, die die Albert-Schweitzer-Schule besuchen, kommen aus Einwandererfamilien, 60 Prozent der Eltern sind Hartz-IV-Empfänger, 35 Prozent sind alleinerziehend.

Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zeigte vor kurzem, dass die Autoritätsgläubigkeit gerade türkischer und arabischer Eltern dazu führt, dass sie selbst sich für die Bildung ihrer Kinder komplett unverantwortlich fühlen. Kommt ihr Kind mit schlechten Noten nach Hause, ist in ihren Augen der Lehrer schuld.

„Unsichtbare Eltern“

Die niederländische Journalistin Margalith Kleijwegt hat in ihrem Buch "Schaut endlich hin!" das Phänomen dieser "unsichtbaren Eltern" beschrieben, die sich so wenig im Einwanderungsland zurechtfinden, dass es ihnen nicht gelingt, ihre Kinder erfolgreich durch die Schule zu begleiten. Dafür hatte sie ein Jahr lang in dem Amsterdamer Viertel recherchiert, in dem der Mörder des Filmemachers Theo van Gogh aufgewachsen ist.

Trotzdem haben viele Migranten die Erwartung, dass der soziale Aufstieg, der ihnen verwehrt blieb, ihren Kindern gelingen soll. „Die Eltern wollen, dass die Kinder Arzt, Ingenieur oder Architekt werden“, sagt Beatrix Albrecht. „Aber die Eltern begreifen nicht, dass die Kinder das nur schaffen können, wenn sie sie fördern."

Doch die Unterstützung bleibt zumeist aus. Deswegen hat die Rektorin ihnen den größten Teil der Arbeit abgenommen. „Wir tun das für die Kinder“, sagt sie, als müsse sie ein Missverständnis zurechtrücken, „nicht für die Eltern.“

Neuerdings merken auch die wenigen deutschen Eltern, die in Linden wohnen, was sie an der Schule von Frau Albrecht haben. Früher zogen 30 Prozent der Kinder eines Jahrgangs kurz vor der Einschulung weg - gerade die aus den bildungsbürgerlichen Familien.

Da wurden Mütter plötzlich katholisch, um das Kind auf einer kirchlichen Privatschule unterbringen zu können. Oder es tauchte eine Oma in einem „besseren“ Grundschulbezirk auf, die das Kind am Nachmittag betreuen sollte. Zuhauf gingen bei Frau Albrecht Anträge ein, dass sie gestatten möge, dass Kinder aus ihrem Schulbezirk auf eine andere Schule gehen dürften. „Ich habe alle ziehen lassen - was soll ich hier mit Kindern, deren Eltern Vorbehalte gegenüber unserer Schule haben?"

Tricks der Eltern

Das Phänomen solcher Gestattungsanträge gibt es in vielen Großstädten, in denen bürgerliche Wohnviertel an soziale Brennpunkte grenzen. Im Interesse der Schulämter ist es, Kinder verschiedener sozialer Herkunft in der Grundschule zu mischen - doch die Eltern unterlaufen dieses Ansinnen regelmäßig. Zur Not auch mit Tricks wie dem, das Kind und ein Elternteil als „Untermieter“ bei Bekannten im anderen Schulbezirk anzumelden und dort lediglich einen zusätzlichen Briefkasten in den Hausflur zu hängen.

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat vor kurzem darauf aufmerksam gemacht, dass es die von bildungsbeflissenen deutschen Eltern betriebene Segregation in Kindergärten und Grundschulen sei, die Migrantenkindern das Deutschlernen erschwere.

Denn so fehle es ihnen an sprachlichen Vorbildern. Der Integrationsbericht der Bundesregierung nannte es Mitte Januar abermals als wichtiges Ziel, die frühkindliche Bildung und die Sprachförderung auszubauen.

Einzige türkisch-deutsche bilinguale Klasse in Niedersachsen

Das aber kann nur gelingen, wenn deutsche Eltern sich nicht verweigern. In Hannover-Linden "verschwinden" mittlerweile nur noch acht Prozent der schulpflichtigen Kinder vor der Einschulung. Für die türkisch-deutsche bilinguale Klasse, die einzige in ganz Niedersachsen, gibt es sogar eine Warteliste. Zwei Drittel der Interessenten auf der Liste tragen deutsche Namen.

Im ersten Stock des Backsteingebäudes heftet Sevinc Ezbük magnetische Kärtchen mit türkischen Wörtern an die Tafel: cay, simit, ekmek, yumurta, pide. In der vergangenen Woche hat die Türkischlehrerin mit den Kindern ein typisches türkisches Frühstück im Klassenzimmer veranstaltet. Heute lernen die Kinder, die dazugehörigen Wörter zu lesen und zu schreiben.

Etwa die Hälfte der Kinder in der bilingualen Klasse 2c ist türkischstämmig, die andere hat deutsche Eltern. Wie Janis zum BeispieI. Er liest die Wörter an der Tafel fehlerfrei vor, Frau Ezbük lobt seine Aussprache. Hasan, der einen türkischen Vater hat, liest ebenso flüssig. Bela legt, als er vorlesen soll, nur den Kopf auf die Tischplatte. Frau Ezbük lässt ihn in Ruhe. Als fast alle vorgelesen haben, sollen die Kinder auf einem Arbeitsblatt ein türkisches Wort mit dem jeweils passenden Bild verbinden. Nach und nach schaffen das alle.

Den türkisch-deutschen Zweig gibt es seit zwei Jahren. Die Kinder werden in beiden Sprachen alphabetisiert, die türkischen Kinder erhalten zusätzlich muttersprachlichen Unterricht auf höherem Niveau. In der dritten Klasse kommt Englisch hinzu. "Erfahrungsgemäß sinkt bei den deutschen Kindern das Interesse am Türkischen dann", sagt Frau Ezbük. Trotzdem ist sie zufrieden mit den Lernfortschritten: "Im vergangenen Jahr konnte ich mit Viertklässlern hier im Viertel in einem türkischen Geschäft einkaufen, und auch die deutschen Kinder haben dabei nur Türkisch gesprochen."

Bilinguale Klassen sind begehrt

Wozu aber brauchen deutsche Kinder Türkisch? Elke Rupprecht, die eine Tochter in der bilingualen Klasse hat, beantwortet die Frage so: „Wir wohnen eben in einem multikulturellen Stadtteil. Meine Kinder sollen früh lernen, dass es mehr gibt als nur unsere Sprache." Die bilingualen Klassen sind begehrt, so sehr, dass es in diesem Schuljahr zum ersten Mal zwei von ihnen in einem Jahrgang gibt. Die Eltern versprechen sich von dem zusätzlichen Angebot, dass ihre Kinder stärker gefordert werden. Die bilingualen Klassen profitieren von dem doppelten Lehrer-Einsatz in manchen Stunden. Auch in den anderen Fächern erreichen die "Bili"-

Klassen bessere Noten - offenbar wirkt sich das zusätzliche Fach positiv auf das ganze Lernverhalten und die intellektuellen Fähigkeiten der Kinder aus. Stolz sind auch die türkischen Kinder. Sie erfahren, dass auch ihre Sprache es wert ist, gelehrt zu werden. Das ist einer der Gründe, warum sich die Föderation der Türkischen Elternvereine seit Jahren dafür einsetzt, Türkisch als reguläres Unterrichtsfach an deutschen Schulen einzuführen. Auch fördere Sicherheit in der Muttersprache den Erwerb weiterer Sprachen. "Doch leider haben Migrantensprachen ein schlechtes Ansehen", klagt Berrin Alpbek, Vorsitzende der Föderation.

Bisher gibt es nur in wenigen Bundesländern Türkisch als reguläres Schulfach, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen, wo seit 1988 einzelne Schulen sogar Türkisch als Abiturfach anbieten. An einzelnen Gymnasien in Bayern gibt es Türkisch als Wahlfach. Berlin bietet an sechs Grundschulen und 14 weiterführenden Schulen Türkisch an. In allen Bundesländern lernen die meisten türkischen Kinder im Rahmen des von den Konsulaten erteilten muttersprachlichen Unterrichts am Nachmittag - mit einer Didaktik, die oftmals nicht auf der Höhe der Zeit ist.

Der verpflichtende Ganztagsbetrieb war für die Albert-Schweitzer-Schule Wagnis und Chance zugleich. Die Rektorin hatte Sorge, dass zu viele Kinder abgemeldet würden. "Die türkischen Eltern befürchteten, dass die Schule ihre Kinder der Familie entfremdet. Gerade die, die arbeitslos sind, haben ihre Kinder gern bei sich zu Hause." Doch sie wollte mehr Lernzeit für die Kinder und einen entzerrten Vormittag. "Für viele unserer Kinder ist jede Stunde, die sie nicht in der Familie verbringen, ein Gewinn", sagt Beatrix Albrecht, "so bitter es ist." Ein Großteil ihrer Aufgaben besteht aus Sozialarbeit. "Oft sitzen bei mir Eltern, die ich ermahnen muss, sich während ihrer Trennung auch Gedanken über die Kinder zu machen." So instabil sind die Familienverhältnisse, dass bei einer Klasse mit 21 Kindern am Ende der Grundschulzeit manchmal nur drei aus der Stammbesetzung übrig sind.

Nach dem Vormittagsunterricht und einer Mittagspause folgt noch eine Doppelstunde am Nachmittag. Dann können die Kinder werken, basteln, malen, forschen, lesen oder auch einfach nur spielen. Sportarten wie Rugby, Fußball, Tanzen oder Hockey können sie nun in der Schule lernen. Sogar Instrumentalunterricht gibt es, 60 von 320 Kindern nehmen ihn wahr. Das ganze bildungsbürgerliche Nachmittagsprogramm, für das Eltern sonst weite Wege fahren, findet in der Brennpunkt-Schule statt. Anfangs fehlte es an Personal, an Räumen, an Geld. "In manchen Jahren war es schier zum Verzweifeln", sagt die Rektorin. Heute gehören zu ihrem Team 25 Grundschullehrer, vier Türkischlehrer, acht Erzieher, zwei Sozialpädagogen, fünf pädagogische Mitarbeiter und 40 Honorarkräfte. Wie zur Belohnung zieht die Albert-Schweitzer-Schule im kommenden Jahr in ein größeres Gebäude um.

Vor zehn Jahren gab es in einer benachbarten Haupt- und Realschule eine Messerstecherei. Danach wollte niemand mehr sein Kind dort anmelden. Die Schule wurde geschlossen, ein schlechter Ruf klebt wie Kaugummi. Die Albert-Schweitzer-Schule hat es geschafft, ihren loszuwerden. Heute kommen zwar immer noch Erstklässler, die weder Farben noch Zahlen kennen. Am Ende aber bekommen je ein Drittel Gymnasial-, Real- und Hauptschulempfehlungen - fast wie in einer ganz normalen Gegend.

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Jahrgang 1971, Redakteurin in der Politik.

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