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Integration : Kein Kind soll zurückbleiben

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An der Albert-Schweitzer-Grundschule im Hannoveraner Stadtteil Linden werden Klassen mit doppelter Lehrerbesetzung bilingual deutsch und türkisch unterrichtet. Die Kinder der bilingualen Klasse erreichen im Schnitt bessere Noten als die anderer Klassen. Offenbar wirkt sich das positiv auf das Lernverhalten und die Merkfähigkeit aus Bild: Jung, Hannes

Der Integrationsgipfel im Kanzleramt hat einen „Nationalen Aktionsplan“ beschlossen. Auf lokaler Ebene aber sind es bilinguale Schulprojekte wie in Hannover-Linden, die nicht nur Migrantenkindern Bildung und sozialen Aufstieg ermöglichen.

          Irgendwann reichte es Beatrix Albrecht - all die Elterngespräche über die Notwendigkeit von Hausaufgaben, von gesundem Frühstück oder den zu hohen Fernsehkonsum der Kinder. „Es ist sinnlos, Eltern zu erziehen“ ist die zentrale Erkenntnis ihres Pädagogendaseins. Auf dem Schreibtisch der Rektorin der Albert-Schweitzer-Grundschule im Arbeiterstadtteil Hannover-Linden stapeln sich Akten, an den Wänden hängen Kinderzeichnungen.

          Albrecht ist zierlich, schlicht gekleidet, trägt die Haare kurz. Nichts soll sie, so scheint es, von ihrer Mission ablenken. Vor sieben Jahren begann sie, die Grundschule zur Ganztagsschule umzubauen, anfangs ohne zusätzliche Lehrerstunden, nur mit gutem Willen und viel Organisationsgeschick. Seit diesem Schuljahr ist die Schule täglich von sieben bis 17 Uhr geöffnet, auch in den Ferien. Hausaufgaben gibt es keine. "Das war für die Kinder, die zu Hause nicht unterstützt werden, immer demütigend." Kein Kind soll wegen seiner Eltern Nachteile haben, lautet ihr Credo. Und so traurig es klingt: Für viele der Albert-Schweitzer-Schüler ist jede Stunde, die sie nicht zu Hause verbringen, ein Gewinn.

          Rektorin Beatrix Albrecht begann vor sieben Jahren damit, die Albert-Schweizer-Schule in Hannover zur Ganztagsschule auszubauen
          Rektorin Beatrix Albrecht begann vor sieben Jahren damit, die Albert-Schweizer-Schule in Hannover zur Ganztagsschule auszubauen : Bild: Jung, Hannes

          70 Prozent der Kinder, die die Albert-Schweitzer-Schule besuchen, kommen aus Einwandererfamilien, 60 Prozent der Eltern sind Hartz-IV-Empfänger, 35 Prozent sind alleinerziehend.

          Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zeigte vor kurzem, dass die Autoritätsgläubigkeit gerade türkischer und arabischer Eltern dazu führt, dass sie selbst sich für die Bildung ihrer Kinder komplett unverantwortlich fühlen. Kommt ihr Kind mit schlechten Noten nach Hause, ist in ihren Augen der Lehrer schuld.

          „Unsichtbare Eltern“

          Die niederländische Journalistin Margalith Kleijwegt hat in ihrem Buch "Schaut endlich hin!" das Phänomen dieser "unsichtbaren Eltern" beschrieben, die sich so wenig im Einwanderungsland zurechtfinden, dass es ihnen nicht gelingt, ihre Kinder erfolgreich durch die Schule zu begleiten. Dafür hatte sie ein Jahr lang in dem Amsterdamer Viertel recherchiert, in dem der Mörder des Filmemachers Theo van Gogh aufgewachsen ist.

          Trotzdem haben viele Migranten die Erwartung, dass der soziale Aufstieg, der ihnen verwehrt blieb, ihren Kindern gelingen soll. „Die Eltern wollen, dass die Kinder Arzt, Ingenieur oder Architekt werden“, sagt Beatrix Albrecht. „Aber die Eltern begreifen nicht, dass die Kinder das nur schaffen können, wenn sie sie fördern."

          Doch die Unterstützung bleibt zumeist aus. Deswegen hat die Rektorin ihnen den größten Teil der Arbeit abgenommen. „Wir tun das für die Kinder“, sagt sie, als müsse sie ein Missverständnis zurechtrücken, „nicht für die Eltern.“

          In der bilingualen Klasse sind etwa zur Hälfte Kinder mit türkischen Wurzeln. Alle Kinder aber können nach der vierten Klasse im Zweifel auch auf „türkisch“ einkaufen
          In der bilingualen Klasse sind etwa zur Hälfte Kinder mit türkischen Wurzeln. Alle Kinder aber können nach der vierten Klasse im Zweifel auch auf „türkisch“ einkaufen : Bild: Jung, Hannes

          Neuerdings merken auch die wenigen deutschen Eltern, die in Linden wohnen, was sie an der Schule von Frau Albrecht haben. Früher zogen 30 Prozent der Kinder eines Jahrgangs kurz vor der Einschulung weg - gerade die aus den bildungsbürgerlichen Familien.

          Da wurden Mütter plötzlich katholisch, um das Kind auf einer kirchlichen Privatschule unterbringen zu können. Oder es tauchte eine Oma in einem „besseren“ Grundschulbezirk auf, die das Kind am Nachmittag betreuen sollte. Zuhauf gingen bei Frau Albrecht Anträge ein, dass sie gestatten möge, dass Kinder aus ihrem Schulbezirk auf eine andere Schule gehen dürften. „Ich habe alle ziehen lassen - was soll ich hier mit Kindern, deren Eltern Vorbehalte gegenüber unserer Schule haben?"

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