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Integration in Berlin-Neukölln : Etwas anderes als nur Elend und Schäbigkeit

Zum Gemeinplatz für nicht gelungene Integration geworden:Der Hermannplatz in Berlin-Neukölln Bild:

Während sich Berlin-Kreuzberg den Ruf erworben hat, Multikulti konsumierbar zu präsentieren, ist „Neukölln“ ein Synonym für Probleme. Es gibt aber auch dort Orte, an denen gezeigt wird, dass es auch anders geht - wie die einst verrufene Rütli-Schule.

          Deutsche trinken Alkohol und essen Schweinefleisch. Viel mehr wüssten die ausländischen Familien oft nicht über deutsche Kultur, sagt Sabina Othmann. Das sei selbst bei denen so, die schon hier geboren und aufgewachsen sind. Sie arbeitet als „Stadtteilmutter“ in Neukölln, und sie kann solche Begebenheiten mit amüsiertem Charme zum Besten geben. Freitags geht sie mit drei anderen Stadtteilmüttern in die „Waschküche“ ins Mutter-und-Kind-Café. Da sitzen sie, Mütter von drei, vier, sechs Kindern, wie die 43 Jahre alte Sabina Othmann vor 20 Jahren aus Jordanien nach Neukölln gekommen - oder aus dem Libanon, aus Syrien, Ägypten, Pakistan. Das Frühstück organisiert „Aspe“, ein Verein für ambulante sozialpädagogische Erziehungshilfe. Mehr noch als Kurse, in denen sie „der, die, das“ lernen, findet Frau Othmann, brauchten Frauen die Gesellschaft anderer Mütter und Kontakte.

          Mechthild Küpper

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Stadtteilnamen transportieren oft ein ganz bestimmtes Aroma, und der Name Neukölln steht seit einigen Jahren für die dunkle Seite der Integration, für Geschichten des Scheiterns, der Gefahr und kommender Gefährdungen. Nebenan in Kreuzberg wirkt das Leben bunt und überhaupt nicht bedrohlich. In Restaurants und Bars wird es genießbar, dort können junge Leute und Touristen Multikulti als Lebensstil erleben, auch wenn etwa die beliebte Oranienstraße im Berliner Sozialstrukturatlas ein ebenso roter Fleck ist wie Nord-Neukölln oder Moabit-Wedding. Seit kurzem kommerzialisiert Kreuzberg sich sogar als Touristenmagnet, große Absteigen für internationale Rucksack-Touristen und Filialen amerikanischer Fast-Food-Lokale sind dort entstanden.

          Ruf der Schulen wird zerstört

          Aus Neukölln also kommen die schlechten Nachrichten. Die letzte war die von der „Deutschenfeindlichkeit“ an Schulen, in denen „Bio-deutsche“ Kinder in der Minderheit sind, was in Neukölln an vielen Schulen der Fall ist. Zwar hat die Berliner Bildungsgewerkschaft GEW unter allgemeinem Hohn beschlossen, den Begriff „Deutschenfeindlichkeit“ nicht mehr zu benutzen, weil er von der falschen Seite - der rechtspopulistischen - gebraucht werden könnte, aber ihr gebührt das Verdienst, das Phänomen vor einem Jahr zum ersten Mal beschrieben und es kürzlich in einer Tagung erörtert zu haben. Hinzu kamen aus Neukölln Meldungen über Gewalt an Schulen, gefolgt von der Nachricht, viele Schulen veröffentlichten solche Vorfälle gar nicht mehr, aus Angst um ihren Ruf.

          Als Stadtteilmutter kümmert sich die türkischstämmige Manar Abdul Ghani um Fragen im Bereich Erziehung, Schule und vieles mehr
          Als Stadtteilmutter kümmert sich die türkischstämmige Manar Abdul Ghani um Fragen im Bereich Erziehung, Schule und vieles mehr : Bild: dpa

          Der Ruf der Rütli-Schule war gründlich ruiniert. In einem Brief klagte das gesamte Kollegium Anfang 2006: Das Verhalten ihrer Schüler sei „geprägt durch totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes Auftreten“, Lehrer würden „gar nicht wahrgenommen“, viele gingen „nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können“. „Rütli“ wurde zur Chiffre für gescheiterte Integration. Mehr als 83 Prozent der Schüler waren „n.d.H.“, nicht deutscher Herkunftssprache.

          „Das ist eine Revolution“

          Heute sind es 82 Prozent, 88 Prozent der Eltern leben von staatlichen Transferleistungen. An den Sozialdaten hat sich nichts geändert, und trotzdem ist an der Rütli-Schule alles anders. Im Sommer wurde der Jahrgang entlassen, der im Jahr des Lehrer-Brandbriefes an die Schule kam. Von 120 Schülern gingen 36 mit der Empfehlung für die gymnasiale Oberstufe. Zwei gingen ohne Abschluss, vor vier Jahren waren es zwanzig. Schwänzen kommt nicht mehr vor. „Das ist eine Revolution“, sagt Heinz Buschkowsky, der Bürgermeister von Neukölln. Eine Revolution ist auch am Albert-Schweitzer-Gymnasium gelungen, das vor fünf Jahren kurz vor der Schließung stand und sich seither grundlegend gewandelt hat. Buschkowsky hat das Programm für die vorläufig letzte Bezirkstour des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (beide SPD) gemacht und den Schwerpunkt dabei auf Integrationspolitik gelegt. „The real life“ werde hier gezeigt, sagt er. Dazu gehört auch eine Schule - ihr Name bleibt ungenannt -, an der kein einziger Vater und keine Mutter erwerbstätig sind.

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