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Veröffentlicht: 19.02.2008, 16:20 Uhr

Integration Die türkischen Bildungsbürger

In Deutschland gründen Einwanderer-Vereine immer mehr Privatschulen. Die guten Erfahrungen lassen ein anderes Thema in den Hintergrund rücken: dass den Schulen nachgesagt wird, sie seien einer undurchsichtigen Bewegung zuzurechnen.

von , Mannheim
© F.A.Z.-Greser&Lenz

Hand aufs Herz - wer kennt die „Weiber von Weinsberg“? Das ist die Geschichte von den listigen Frauen, die ihre Männer nach der Kapitulation der Burg auf dem Rücken den Berg hinunter trugen und damit vor der Hinrichtung retteten. Mirza Ernes, ein Pimpf von zwölf Jahren und türkischer Herkunft, schnurrt die Story nur so herunter. „Also, Konrad III., das war ein Kaiser im zwölften Jahrhundert“, sagt er, und sein Deutsch klingt nicht schlecht.

Dieser Konrad hat die Burg belagert. Und da hätten die Frauen gesagt, was haben wir mit dem Krieg zu tun? „Okay“, habe Konrad gesagt, „packt ein, was euch am liebsten ist.“ Also hätten sie ihre Männer eingepackt. Was lernen wir daraus? Dass Frauen schlau sind, die Männer nicht ohne sie können und der Kaiser doof war. So viel zur Stellung der Frau. Da lachen die türkischstämmigen Jungen und Mädchen, von denen freilich viele einen deutschen Pass haben.

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Die Sache mit der „Treu-Weiber-Begebenheit“ von Weinsberg hat ihnen der Deutschlehrer eingebrockt: Nacherzählen heißt die Hausaufgabe, aber nicht mündlich, wie es Mirza Ernes gerade getan hat, sondern brav ins Heft schreiben. Dann wird sich zeigen, wie weit es mit dem Deutschen tatsächlich her ist. Neunzehn Schüler hat die Klasse „G 6“, fünf Mädchen sind darunter, eines trägt Kopftuch. Und ein deutscher Junge.

Türkische Schule in Köln © picture-alliance/ dpa Vergrößern Bildung hat eine hohe Bedeutung in türkischstämmigen Familien

Überall entstehen türkische Privatschulen

Damit ähneln die Mehrheits- und Minderheitsverhältnisse jenen in manchen staatlichen Schulen in den problematischen Stadtteilen von Berlin oder im Bahnhofsviertel von Frankfurt. Wir befinden uns jedoch in einer Privatschule in Mannheim - der „Sema“-Schule des „Türkisch-Deutschen Bildungsvereins“. Ob in Köln, Berlin, Stuttgart, Paderborn oder zuletzt in Hannover - überall sind in den vergangenen Jahren in Deutschland Privatschulen nach diesem Muster entstanden: Die Gründer sind Migrantenorganisationen, die meist zuvor schon Nachhilfe-Institute gegründet hatten.

Hans-Ulrich Kolb, der Deutschlehrer und Leiter der Mannheimer Schule, hat 35 Jahre Erfahrung im Schuldienst. Nach seiner Pensionierung hatte er sich bei einer Nachhilfeeinrichtung des „Türkisch-Deutschen Bildungsvereins“ beworben. Drei solcher Institute unterhält der Verein, ein Lernzentrum, einen Lernkreis und einen Lerntreff, in denen etwa fünfhundert Kinder und Jugendliche büffeln. Gefragt wurde Kolb aber, ob er nicht die Leitung der „Sema“-Schule übernehmen wolle.

Drei Klassen gibt es mittlerweile in dieser staatlich genehmigten Ganztagsschule (die 250 Euro im Monat kostet) mit Kantine und Hausaufgabenbetreuung, Schach oder Theater-AG am Nachmittag - eine fünfte und sechste Klasse im Gymnasium und eine Realschulklasse. Derzeit hat sie 49 Schüler, davon sind vier aus deutschem Elternhaus. Sie alle werden unterrichtet von sieben deutschen und drei Lehrern mit türkischem Hintergrund.

„Wir sind eine deutsche Schule“

Kolb ist begeistert darüber, welch hohe Bedeutung die Bildung in den Familien seiner türkischstämmigen Schüler habe. Viele kommen von weit her, wohnen mehr als zwanzig Kilometer weit weg. Dennoch legt man in Mannheim auf eine Feststellung Wert: „Wir sind eine deutsche Schule“ - und ärgert sich darüber, wenn jemand sagt, die „Sema“-Schule sei eine türkische Schule, gar so eine, wie sie sich der türkische Ministerpräsident Erdogan wünsche.

Das ist sie sicherlich nicht, denn die Umgangssprache ist Deutsch, der Unterricht folgt dem baden-württembergischen Lehrplan, außerdem steht sie allen offen, möchte „international“ werden. „Wir wollen die staatlichen Schulen übertreffen“, sagt Ali Yildirim vom „Bildungsverein“. Und zeigen, dass „die Türken nicht nur ein Problemfall sind, sondern auch zur Lösung eines Problems beitragen“.

Die Stadtpolitiker freut das - und die Integrationsbeauftragten auch. Dass die Türken ein eigenes Bildungsangebot machen, wenn die staatlichen Schulen es nicht schaffen, ihre Kinder zum Schulerfolg zu führen, sei in Ordnung und ihre Bildungsarbeit auch, heißt es dort. Die guten Erfahrungen mit den Schulen und die Erkenntnis, dass Bildung die Integration fördere, lassen ein anderes Thema in den Hintergrund rücken: dass den Schulen nachgesagt wird, sie seien einer undurchsichtigen Bewegung zuzurechnen: der des türkischen Predigers Fethullah Gülen.

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Quelle: wahlrecht.de
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