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Im Hospiz Letzte Dinge

 ·  Es ging alles so schnell. Plötzlich war Frau Seydel im Hospiz. Fast nichts hatte sie dorthin mitgenommen. Warum auch?

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© Robert Bochennek Der Galgen am Bett.

Der Mann klopft nicht an. Er tritt ein, und seine Schritte werden vorsichtig. Er war schon oft hier, er kennt die Dinge. Heute wägt er alle neu. Er steht in der Mitte des Zimmers, und sein Blick tastet über die weißen Regale, in die nie etwas eingeräumt wurde. Über die Haarbürste auf dem Nachttisch, über den frischen Strauß Blumen. Über die aufgestellte Postkarte. Über das Bett. Die Matratze ist abgezogen, die tote Frau fortgetragen. Er hat die Frau nie geheiratet, hat nie mit ihr zusammengewohnt. Er liebte sie vierzig Jahre und sechs Monate. Dann brachte er sie ins Hospiz.

„Wir sind gekommen, um die Sachen abzuholen“, sagt der Mann zum Pfleger. Er hat einen Verwandten mitgebracht. Der Mann weiß nicht, wohin er sich wenden soll. Die Leere des Raumes scheint ihn zu schrecken, die Fülle auch. Seine Augen tasten weiter, finden die Wandschränke. Er öffnet eine Tür, stöhnt auf. Nachthemden und Unterwäsche. „Was soll ich mit diesen Dingen machen?“ Der Pfleger schweigt, der Verwandte schweigt.

Als die Männer gehen, lehnt ein voller Müllsack am Bett.

„Wenn ich etwas hierlasse, bekommen das dann die Armen, ja?“, fragt der Mann. Bittet er. Der Pfleger antwortet: „Nein, das wandert in den Müll und wird verbrannt.“ Der Mann steht plötzlich ganz still. „Passen Sie auf“, sagt der Pfleger, „ich hole Ihnen jetzt ein paar Müllsäcke, und alles, was Sie nicht mitnehmen wollen, packen Sie bitte da rein.“ Der Pfleger läuft aus dem Zimmer. Die beiden Männer stehen rührungslos, wortlos. Als der Pfleger wiederkommt, reißt er zwei blaue Tüten ab und legt sie quer über das Bett. Dorthin, wo am Tag zuvor noch die Frau gelegen hat. „Was soll ich mitnehmen?“, fragt der Mann noch mal. Der Verwandte antwortet: „Nur das, woran deine Erinnerungen hängen, brauchst du mitzunehmen. Nicht mehr.“ Der Mann schaut durch alles hindurch. „Überall. Überall hängen Erinnerungen dran.“

Doch als die beiden Männer gehen, lehnt ein voller Müllsack am Bett. Später kommen die Putzmänner. Sie machen Späße und lachen laut. Dabei wischen sie mit ihren Lappen den Tod aus dem Holz und dem Boden. Wischen über den Galgen am Bett. Das Zimmer riecht nach künstlicher Zitrone. Es ist blitzeblank. Die Sonne strahlt durch die Vorhänge.

Im Kopf von Frau Wallner wächst ein Tumor

Ein paar Zimmer weiter lebt Frau Wallner. Ein Jahr ist sie schon hier. In ihrem Kopf wächst ein Tumor, aber er wächst sehr langsam. Alle zwei Wochen wird sie am Wochenende nach Hause geholt. „Könnte ich nicht eine Biographie von Bonhoeffer bekommen?“, fragt sie. Frau Wallner wird in diesen vier Wänden sterben. Sie hat sie dekoriert mit ein paar Postkarten, bunten Kinderbildern und religiösen Gedichten. Mit Fotografien, auf DIN-A4-Papier gedruckt, von Elefanten und Tigern. Die schickte die Tochter von der Safari.

Das Zimmer ist voll mit Zeug. Im Regal stehen Kerzen, Vasen, ein Stoffschwein, eine elektrische Zahnbürste, ein Nussknacker, Parfum, Duftkissen, Medikamente, Papiere. Eine Packung Taschentücher mit der Aufschrift: Gute Besserung. Eine Flasche Sekt. Frau Wallner liegt langgestreckt in ihrem Bett, an den Füßen trägt sie schwarz-lila gestreifte Wollsocken, und besieht sich die Dinge, die sie umgeben. Das meiste kennt sie nicht. Das waren Geschenke, die Bekannte und Angehörige hinterlassen haben. Die die Sachen in die Regale packten, weil sie etwas von sich hierlassen wollten. Weil sie sich freuen, wenn sie zurückkommen und das Dagelassene wiederfinden. Dinge wie der Stoffhase, den sonst Kinder zum Einschlafen haben und der auf Frau Wallners Nachttisch sitzt. „Ich will das eigentlich gar nicht“, sagt Frau Wallner, „die bringt meine Freundin mit. Ich finde das kitschig, das habe ich ihr auch gesagt, aber sie lässt es nicht. Ich denke, sie will mir eine Freude machen damit.“ Frau Wallner lässt alle Dinge in ihrem Zimmer zu. Aber eigentlich wäre die Freundin ihr genug.

„Wenn es mir hier nicht gefällt, dann bleibe ich nur eine Woche.“

Ein paar Tage später kommt eine neue Frau. Das eine Bein ist offen, sie kann nicht mehr laufen. Frau Thull wird mit einem Krankentransport durch die Flure gerollt. Ganz hinten ist ihr neues Zimmer. Es riecht nach Zitrone. Zwei Nachbarinnen laufen eilig hinter der Liege her. Die eine trägt eine Sporttasche über der Schulter und eine blaue Ikea-Tüte in der Hand. Kleidung und Pflegesachen, Elastomull, Kompressen, Scheren, Desinfektionsmittel. Ein kleines Radio. Frau Thull war es egal, was mitgenommen werden sollte. „Packen Sie mal!“, hatte sie den Nachbarinnen zugerufen. Mehr nicht.

Auf dem Nachttisch steht die Willkommensdekoration des Hauses: ein Blumenstrauß, eine Flasche Wasser und ein Glas, in das eine orangefarbene Serviette gestopft ist, die wie eine Blüte oben herausquillt. Frau Thull wird ins Bett gehievt. Sie schnauft, hält sich mit der Hand am abgewischten Galgen fest. Sie ist 90 Jahre alt, trägt die langen Haare im Pferdeschwanz. Die Nachbarin stellt die mitgebrachten Taschen in die Ecke. Neben das Bett werden Handy und Geldbeutel gelegt. Bald folgen Bilder der Enkel im Regal und ein Fernseher auf dem Tisch. „Hier ist der Friedhof“, sagt Frau Thull - und wenig später stur: „Wenn es mir hier nicht gefällt, dann bleibe ich nur eine Woche.“ Dann nickt sie ein.

Frau Seydel will mit ihrem Kind telefonieren

Mittags isst Frau Wallner meist im Wintergarten des Hauses. Da stehen große Pflanzenkübel, grün und kräftig wachsen die Blätter in die Höhe. Frau Wallner rollt herein, grüßt die Runde. Dann fängt sie an zu reden. Was ihr so in den Sinn kommt, meist dieselben Sachen. Auch mal über die Politik. Die anderen reden fast nie. Sitzen stumm im Kreis und löffeln. Manchmal flüstert Herr Köpke einen Witz. Ganz trocken, ohne zu lächeln. Irgendwann schläft er am Tisch ein. Das Sitzen strengt ihn an. Seine Partnerin sitzt neben ihm und rollt ihn zurück ins Zimmer. Sie kommt jeden Tag, um ihn zu füttern. Beim Segeln haben sich beide kennengelernt. So verliebt waren sie, dass sie gemeinsam ein Benzel, eine Schnur, vom Schiff klauten. Als Andenken. Das Benzel brachte die Frau irgendwann mit ins Hospiz. Herr Köpke sagte nichts. Weinte.

Frau Seydel bleibt länger als die anderen am Tisch im Wintergarten sitzen. Starrt geradeaus, die Hände im Schoß. Sie ist erst seit einer Woche im Hospiz. Ihr Mann ist tot. Ihr Sohn wohnt weit weg und arbeitet viel. Frau Seydel will mit ihrem Kind telefonieren, aber das Telefon auf dem Zimmer funktioniert nicht, und ihr Handy findet kein Netz. Eben hatte sie kurz seine Stimme gehört, aber dann wurde zum Mittagessen gerufen, und sie musste aufhören. Das schmerzt sie - schmerzt mehr als ihre rechte Hand, die von Tag zu Tag dicker wird.

Frau Seydel hat fast nichts in ihrem Zimmer. Drei gerahmte Fotos von der Familie stehen auf dem Nachttisch, im Regal liegen Bananen, Nektarinen, Tee. Blumen. „Ich bin ja noch nicht so lange da“, sagt sie. Macht eine Pause. „Ich habe Krebs, wissen Sie. Ich habe mich nicht so sehr darum gekümmert, was ich hierher mitnehme. Das ging alles so schnell. Dann ist man tot. So hat man sich das nicht vorgestellt, dass man plötzlich hierher kommt, und dann verbringt man den Rest seines Lebens hier. Damit muss man erst mal fertig werden. Das ist das Wichtigste.“

Frau Thull bleibt tatsächlich nur eine Woche. Auf dem Nachttisch steht der Blumenstrauß, den die Pfleger ihr zum Einzug geschenkt haben. Steht das unbenutzte Wasserglas, in das eine orangefarbene Serviette gestopft ist, die als Blüte herausquillt. Das Zimmer riecht nach Zitrone.

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