16.08.2010 · Mit dem Rücktritt des langjährigen Bürgermeisters Ole von Beust geht in Hamburg eine Ära zu Ende. Im Interview erzählt von Beust, warum 32 Jahre Politik genug sind, was Angela Merkel zu seinem Rücktritt gesagt hat - und wie ihn sein Vater als schwul outete.
Sie sind vor fast 40 Jahren, mit sechzehn, in die CDU eingetreten. Seither hat die Politik Ihr Leben bestimmt. Ist das jetzt vorbei, Herr von Beust?
Ich bleibe ein politischer Mensch, ich gehe nicht als jemand, der von der Politik enttäuscht ist. Aber ich will nicht als Berufspolitiker pensioniert werden. 32 Jahre Landespolitik, davon 17 hauptberuflich: Das ist genug. Die Berufsjahre, die mir noch bleiben, möchte ich anders nutzen.
Was heißt das: Sie bleiben ein politischer Mensch?
Ich interessiere mich weiter für Politik. Wenn mich jemand um Rat fragt, dann bin ich gern bereit, ihn zu geben. Wenn keiner fragt - auch gut.
Am 8. Juli haben Sie gesagt: Ich bin nicht amtsmüde. Am 18. Juli haben Sie Ihren Rücktritt angekündigt. War das Erste nur Politikergeschwätz, oder was ist zwischendurch passiert?
Das mag vielleicht schwer nachzuvollziehen sein, aber ich hatte schon länger darüber nachgedacht, bei der Bürgerschaftswahl im Jahr 2012 nicht wieder anzutreten. Die konkrete und endgültige Entscheidung habe ich aber erst in der Woche getroffen, in der ich meinen Rücktritt erklärt habe. Und damit war dann auch die Entscheidung gefallen, jetzt mein Amt niederzulegen.
Aber bis 2012 ist doch noch eine Menge Zeit.
Ich wäre dann elf Jahre im Amt gewesen. Wäre ich wiedergewählt worden und hätte dann nach ein, zwei Jahren meinen Rücktritt erklärt, wäre ich zwölf, dreizehn Jahre Erster Bürgermeister gewesen. Das halte ich für entschieden zu lang.
Dann hätten Sie ja gleich die Karten auf den Tisch legen können, statt monatelang Gerüchte herumwabern zu lassen.
Ich wollte die Diskussion über die sechsjährige Primarschule, die in Hamburg mit großer Intensität geführt wurde, nicht mit einer Rücktrittsdebatte überlagern.
Sie haben Ihren Rücktritt genau an dem Tag erklärt, als das Vorhaben Ihrer Regierung, die Grundschulzeit auf sechs Jahre zu verlängern, durch einen Volksentscheid vereitelt wurde. Da muss man doch von einem engen Zusammenhang ausgehen.
Nein, ich bin ja ganz bewusst in Unkenntnis des Ergebnisses des Volksentscheids zurückgetreten. Dass ich jetzt meinen Rückzug angekündigt habe, liegt an den Beratungen über den Hamburger Haushalt, die bevorstehen. Es ist doch nur vernünftig und fair, meinem Nachfolger die Chance zu geben, diese wichtige Weichenstellung in seiner Verantwortung vorzunehmen.
Alle Gründe, die Sie anführen, gab es schon seit Monaten.
Wenn ich einen Rücktritt früher thematisiert hätte, wäre ich doch zu dem geworden, was man in der Politik eine „lahme Ente“ nennt. Über so etwas kann man nicht mit langem Anlauf öffentlich reden.
Gibt es eine Faustregel, wann ein Berufspolitiker aufhören muss?
Ich finde, irgendwann hat sich ein Berufspolitiker verbraucht. Dann wiederholt sich alles. Man selbst und die Wähler bekommen den Eindruck: Das haben wir doch alles schon oft gehört.
An welchen Themen haben Sie gemerkt, dass Sie sich abnutzen, nichts Neues mehr bringen?
Das ist mehr ein allgemeines Empfinden. Es hat aber auch etwas mit der zunehmenden Dichte der Medienberichterstattung zu tun. Es erscheinen immer mehr, sich immer wiederholende Berichte über einen. Man ist einfach schneller durchgenudelt, als das noch vor zwanzig Jahren der Fall war.
Sie haben einmal gesagt, dass Sie gern am Computer mit Flugsimulatoren spielen. Da sei der Start einfach, die Landung aber die Hölle. Gilt das auch für die politische Karriere des Ole von Beust?
Nein. Anders als beim Fliegen ist die Landung in der Politik nicht das Problem. Die wahre Herausforderung ist es, einigermaßen gleichmäßig die Flughöhe zu halten. Da müssen Sie ständig zwischen rationalen und emotionalen Entscheidungen balancieren. Sie dürfen sich auch durch die ständigen Zuspitzungen der Medien nicht aus dem Tritt bringen lassen.
Aber Ole von Beust hatte doch unter den Medien nicht zu leiden?
Nein, nein, ich beklage mich gar nicht. Aber manchmal gerät die ewige Präsenz in der Öffentlichkeit auch zur Belastung.
Haben Sie Ihrer Parteivorsitzenden, Bundeskanzlerin Merkel, vorab angekündigt, dass Sie sich zurückziehen wollen?
Ja. Den konkreten Zeitpunkt habe ich Angela Merkel genannt, als ich sie vor etwa vier Wochen hier auf Sylt traf. Dass ich intensiv darüber nachgedacht habe, ob ich in zwei Jahren noch mal antreten würde, wusste sie aber schon länger.
Was hat sie gesagt?
Angela Merkel hat gesagt, sie finde es schade, dass ich mich aus der Politik zurückziehe. Der Eindruck, verbraucht zu sein, sei mein subjektiver, kein allgemeiner.
Hat sie versucht, Sie umzustimmen?
Nein. Und das finde ich sehr gut. Angela Merkel hat mir gesagt, sie habe sich geschworen, nie jemanden zu überreden, seine persönliche Planung aus Solidaritätsgründen mit der Planung der Partei in Übereinstimmung zu bringen. Sie habe aus ihrer Zeit in der DDR gelernt, dass die persönliche Lebensplanung nie dem politischen Einfluss unterliegen dürfe.
Von Koch wusste sie lange, dass er auf dem Sprung ist. Sie hat ihm zwar keinen Posten in der Bundesregierung, wohl aber einen in Brüssel angeboten. Hat Sie Ihnen ein Angebot gemacht?
Nein, wieso sollte sie auch? Ich hatte ihr ja gerade gesagt, dass ich aufhören will.
Sie haben zum Teil spektakuläre Wahlsiege in Hamburg errungen, und viele Menschen haben nicht in erster Linie die CDU gewählt, sondern Ole von Beust. Die enttäuschen Sie jetzt.
Ich weiß, dass eine Reihe von Menschen enttäuscht ist, aber es gibt auch viele, die es dennoch verstehen. Ich habe ein reines Gewissen, weil ich immer gesagt habe, ich mache das nicht ein Leben lang und entscheide etwa ein Jahr vor der nächsten Wahl, ob ich noch einmal antrete. Nun ist das eben etwas früher geschehen.
Was war das schönste Erlebnis in Ihrer Zeit als Politiker?
Eindeutig: Der Wahlsieg 2004, als wir die absolute Mehrheit bekamen. Das war schon fast unheimlich. Ich kam abends zu einer Wahlparty in der Fischauktionshalle. Die war völlig überfüllt, da waren einige tausend Leute, die rückten mir geradezu auf die Pelle. Damit hab ich es ja sonst nicht so, ich schätze eine gewisse Distanz. Aber an dem Abend waren der viele Jubel, die Freude und Begeisterung ein tolles Gefühl.
Es wird Sie nicht überraschen, dass ich auch nach dem Tiefpunkt frage.
Ich habe noch nicht Bilanz gezogen. Aber als Ronald Schill 2003 versuchte, mein Privatleben an die Öffentlichkeit zu zerren und daraus Kapital zu schlagen: das war eine harte Zeit. Da hat er Nachforschungen anstellen lassen, zum Beispiel bei Handwerkern, die sagen sollten, wie ich wohne, oder bei Kneipenwirten, die verraten sollten, wann ich mit wem da gewesen sei.
Fühlten Sie sich menschlich von Schill verraten?
Wir waren ja nicht persönlich befreundet, insofern war ich nicht menschlich enttäuscht. Im Nachhinein war es vielleicht sogar ganz gut wie es war. So wurde das Thema meines Schwulseins enttabuisiert, und das Leben wurde für mich einfacher. Ich habe das zwar immer offen gelebt, aber bis dahin nie öffentlich darüber geredet.
Das hat dann Ihr Vater getan, in einem Zeitungsinterview.
Ja, im Nachhinein war das hilfreich. Aber erst einmal fand ich es schrecklich. Er hat mich geoutet, ohne vorher ein Wort zu sagen. Sein Interview erschien an einem Sonntag. Ein Freund rief mich an und fragte, ob ich schon die Zeitung gelesen hätte. Mein Vater habe mich geoutet. Ich sagte damals: Du spinnst doch, das kann nicht sein. Ich bin dann mit klopfendem Herzen zum Briefkasten gegangen und habe die „Welt am Sonntag“ gelesen.
Und dann Ihren Vater zur Rede gestellt?
Klar. Ich habe ihn gefragt, warum er mir das nicht vorher gesagt habe. Seine Antwort war einfach: Du hättest mir das doch verboten. So ist es aber besser für dich.
Hat Ihr Vater Ihnen politisch Ratschläge gegeben?
Viele. Aber auch meine Mutter hat das oft getan. Mein Elternhaus hat mich politisch vermutlich mehr geprägt als die CDU. Mein Großvater mütterlicherseits war Jude, der Vater meines Vaters war Generalrichter bei der Wehrmacht. Da prallten Welten aufeinander. Ich habe verinnerlicht, dass man Diskriminierung niemals akzeptieren darf.
Ihre Familie war immer schon politisch sehr aktiv, im 19. Jahrhundert gab es sogar einen österreichisch-ungarischen Reichskanzler von Beust.
Ja, der war ein großer Bismarck-Gegner.
Sie haben aus Ihrer aristokratischen Herkunft und ihren prominenten Vorfahren nie ein Thema gemacht. Warum eigentlich nicht?
Der erwähnte Reichskanzler stammt aus einem anderen Zweig der Familie, ist kein direkter Urahne von mir. Außerdem sollten Menschen für ihre persönliche Haltung und ihre Handlungen bewertet werden, nicht für die Familie, aus der sie stammen.
Von Ihnen weiß kaum jemand, dass Sie den Freiherrn im Namen tragen. Von Verteidigungsminister zu Guttenberg ist das bestens bekannt und scheint sogar zu seiner großen Beliebtheit beizutragen. Gibt es ein Bedürfnis nach Aristokratie in der Politik?
Was es gibt, ist eine Sehnsucht nach unabhängigen Persönlichkeiten, die die Kraft haben, sich in der Partei mal querzulegen und unpopuläre Wahrheiten auszusprechen. Guttenbergs Auftreten wirkt auf angenehme Weise aristokratisch, vornehm, nicht überheblich, gleichzeitig locker.
Sie sind der zumindest bislang Letzte in einer Serie von CDU-Politikern, die aus führenden Positionen heraus der Berufspolitik den Rücken gekehrt haben oder ihr nur noch als Bundespräsident angehören. Wenn man die Amtszeit von Angela Merkel zugrunde legt, dann ist von Friedrich Merz über Günther Oettinger, Roland Koch, Christian Wulff, Jürgen Rüttgers oder Dieter Althaus der machtpolitische Führungsnachwuchs der Partei weitgehend abgetreten. Wieso?
Viele von uns sind sehr jung in Führungspositionen gekommen. Ich war 38, als ich Vorsitzender der CDU-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft war. Wäre ich mit 48 auf den Posten gekommen, hätte ich vielleicht erst mit 65 der Berufspolitik den Rücken gekehrt und niemand hätte sich gewundert. Im Übrigen ist es schon sonderbar: Bleibt ein Politiker lange und kämpft gegen das Ende, heißt es, er klebe an seinem Stuhl. Geht er freiwillig, erklärt man ihn für amtsmüde.
Müde oder nicht: Sie werden es doch genießen, weniger arbeiten zu müssen, morgens länger schlafen zu können, mehr Ihr eigener Herr zu sein?
Andererseits hält die Politik Adrenalinschübe bereit, die man sonst kaum bekommt. Viele Dinge, die das Leben spannend machen, haben Sie nach der Zeit als Spitzenpolitiker nicht mehr. Ich höre nicht auf, weil ich ab jetzt ein bequemes Leben führen will.
Was werden Sie tun?
Es gibt einige interessante Perspektiven.
Geht's etwas genauer?
Nein, noch nicht. Nur so viel: Es wird nichts Politisches sein.
Wird es nicht schwierig, die vielen führenden CDU-Politiker, die jetzt gehen, zu ersetzen.
Da kommen schnell Neue. Sie wissen doch: Der König ist tot. Es lebe der König! Das geht schneller, als man denkt, und das ist auch in Ordnung.
Das klingt verdammt abgeklärt. Oettinger oder Mappus? Wulff oder McAllister? Koch oder Bouffier? Althaus oder Lieberknecht? Von Beust oder Ahlhaus? Ist das völlig egal?
Nein. Aber so einzigartig wie jeder ist, so ersetzbar ist er auch.
Oder haben Sie alle die Nase voll von der Merkel-CDU?
Ich jedenfalls nicht.
Wie läuft es denn so in Frau Merkels CDU?
Der Kurs ist richtig. Angela Merkel ist eine hervorragende Problemlöserin, die zu Recht darauf hinweist, dass Deutschland gut durch die Krise gekommen ist. Auch den pragmatischen und unprätentiösen Stil von Frau Merkel finde ich gut. Manchen gefällt er nicht, die würden sich mehr Pfauenradschlagen wünschen. Aber das ist nun mal nicht ihre Art.
Manche vermissen bei der CDU-Vorsitzenden die konservativen Werte.
Angela Merkel ist doch konservativer, als oft behauptet wird.
Nun bin ich aber gespannt.
Sie vertritt konsequent christliche Werte. Von daher ist der Begriff christdemokratisch vielleicht noch treffender. Die Mehrheit der Menschen interessiert es im Übrigen nicht, welche Etiketten man der Kanzlerin anheftet. Die wollen gut regiert werden.
Also muss man das ganze Flügelschlagen in der CDU nicht so ernst nehmen?
Angela Merkel sollte jeden ernst nehmen, aber anschließend tun, was sie selbst für richtig hält.
Gerade zur Zeit sieht man, wie schnell politische Karrieren enden können. Wer wird denn eines Tages auf Angela Merkel folgen?
Die Frage stellt sich doch gar nicht. Angela Merkel ist fit und fröhlich dabei.
Sie sind auch fit und fröhlich dabei.
Ja, aber sie ist noch nicht so lange Kanzlerin wie ich Bürgermeister.
Im Moment wird besonders gern behauptet, Bundesumweltminister Norbert Röttgen arbeite daran, Merkels Nachfolger zu werden.
Getratsche gibt es immer. Ist ja auch ganz lustig. Mache ich manchmal auch gern.
Sie haben in Hamburg in sehr unterschiedlichen Konstellationen regiert. War es richtig, eine Koalition mit Ronald Schill und seiner rechtspopulistischen Partei einzugehen?
Ja. Nur so konnten wir die Jahrzehnte währende SPD-Herrschaft brechen.
Der Bund mit Schill war nur Mittel zum Zweck?
So ist es.
Haben Sie damals eine Gelegenheit gesucht, ihn rauszuschmeißen, und seine Attacke auf Sie genutzt?
Nein. Diese Verschwörungstheorien waren immer falsch. So etwas kann man doch nicht planen: mit Schill an die Macht kommen, ihn dann rausschmeißen und anschließend eine absolute Mehrheit bekommen. Die meisten, die in der Politik Erfolg haben, geben zu, dass davon mindestens die Hälfte Glück und Intuition war.
Neben der Freude über die absolute CDU-Mehrheit, die Sie am Wahlabend empfanden: War das die komfortabelste Regierungszeit in Hamburg?
Mit Sicherheit. Es soll nicht überheblich klingen: Aber die eigene Partei war so überwältigt von der absoluten Mehrheit, dass ich anfangs wirklich sehr freie Hand hatte. Das galt inhaltlich wie personell. Ich musste außerdem keinen Proporz einer Koalition berücksichtigen. Das war traumhaft.
Wie klappt es mit den Grünen?
Menschlich geht es vertrauensvoll zu. Inhaltlich werden die Vereinbarungen eingehalten.
Den Grünen zuliebe haben Sie für die sechsjährige Grundschulzeit gekämpft und sind zum Ende Ihrer politischen Laufbahn krachend gescheitert. Spricht das gegen Schwarz-Grün?
Da haben wir gemeinsam verloren. Das konterkariert nicht Schwarz-Grün. Allerdings war es auch für mich ein schwerer Schlag ins Kontor.
Welche Schlüsse können aus den Hamburger Erfahrungen mit Schwarz-Grün für den Bund gezogen werden?
Auf Bundesebene wird viel zu ritualisiert über Schwarz-Grün geredet. Das gilt für die Grünen wie für die Union. Alle haben immer Angst, ihre Stammwähler zu verlieren. Das ist falsch. Meistens wählen die Stammwähler doch ihre Partei. Die geistige Bereitschaft, etwas Neues zu wagen, hält sich auf beiden Seiten in Grenzen.
Muss also Angela Merkel mutiger werden?
Inhaltlich ist sie das ja. Das werfen ihr doch viele vor. Bei den Themen Integration, Familie, Bildung, Umwelt - da hat die CDU unter Angela Merkel doch riesige Schritte gemacht.
Sie haben in jüngerer Zeit kritische Bemerkungen zum Kapitalismus und zum protzigen Umgang mit Reichtum gemacht. Nun sind wir hier in Ihrer Wohnung auf Sylt. Ist gerade Sylt ein guter Ort, um mit dem Protzen zu hadern?
Neunzig Prozent der Insel sind frei von jedem Protz. Sylt ist eine sehr deutsche Insel, auf der überwiegend normale Menschen und einige Superreiche gut miteinander auskommen. Wer hier protzen will, dem gönne ich das von Herzen.
Der Politiker als Inkarnation des Politikverdrusses.
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