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Im Gespräch: Ole von Beust „Die CDU hat Angst“

 ·  Ole von Beust hält sich für einen authentischen Spießer. Im Interview mit der F.A.S. spricht der ehemalige Erste Bürgermeister von Hamburg über und die Konservativen in der CDU und die Probleme seiner Partei mit der Großstadt.

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© Gyarmaty, Jens Vergrößern Ole von Beust im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin

Herr von Beust, warum graben die Grünen der CDU im bürgerlichen Lager immer mehr das Wasser ab?

Der Union passiert jetzt das, was die SPD schon vor zehn Jahren durchgemacht hat. Ein Grund dafür ist, dass es die Grünen anders als die großen Parteien verstanden haben, ein visionäres Thema aufzugreifen, zu dem jeder seinen Beitrag leisten kann: Umwelt- und Klimaschutz. Dagegen beziehen die Union und auch die SPD ihre Zukunftsvisionen nach wie vor aus einer Zeit, als es noch den Eisernen Vorhang gab. Das mag ja ganz liebenswürdig sein - aber sie geben die Antwort auf Fragen, die keiner mehr stellt. Nehmen sie den Antikommunismus der CDU. Das interessiert heute kaum mehr einen Menschen. Die Jüngeren wissen doch oft nicht einmal, was die DDR war.

In Ihren vor kurzem erschienenen Erinnerungen beschreiben Sie die Grünen als Idealisten, während CDU-Politiker, um ein Wort von Kubicki zu verwenden, eher als Karrierefeiglinge daherkommen.

Ich habe mich da auf die Hamburger Grünen bezogen, die interessierten sich noch für Politik. In den großen Parteien ist das nicht unbedingt so. Da erfolgt Politik eher als ritueller Reflex. Nehmen Sie den andauernden Widerstand in der CDU gegen die Anerkennung von schwulen Partnerschaften oder die Rede davon, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei - alles Reflexe. Die Grünen hingegen gehen auf Veränderungen der Zeit ein. In Hamburg haben sie etwa die Elbvertiefung mitgetragen. Vor zehn Jahren war das für sie noch ein rotes Tuch.

In der CDU hieß es nach der jüngsten Wahlniederlage in Stuttgart, die Partei tue sich schwer, einem „Lebensgefühl“ in den Großstädten zu entsprechen.Was könnte damit gemeint sein?

Das hab’ ich mich auch gefragt. Zu glauben, dass die Leute auf dem Land ganz anders leben als in der Großstadt, ist jedenfalls verquer. Ich bin doch kein Großstädter, weil ich andauernd twittere oder mir bunte Federn ins Haar stecke. Die Stadt ist ja kein Moloch von lauter Ausgeflippten. Ich glaube allerdings, dass in der Großstadt die Lebenswirklichkeiten und Konflikte einer Gesellschaft viel härter aufeinanderprallen als auf dem Land, wo die Welt zumindest vordergründig noch eher in Ordnung ist. Dass unser Bildungssystem nicht gerecht ist, dass eine Entscheidung nach vier Jahren, auf welche Schule das Kind zu gehen hat, kein vernünftiger Zeitpunkt ist, dass Leute mit Migrationshintergrund kaum eine Chance haben, Akademiker zu werden, dass wir anstelle einer Leistungsgesellschaft immer mehr eine Erfolgs- und Statusgesellschaft werden, das spüren sie in der Großstadt. Und zwar jeder, auch der, der oben ist. Frau Merkel zitiert öfter Lenin, der angeblich gesagt hat: Die Wahrheit ist immer konkret. Das stimmt. Aber die konkrete Wahrheit in der Großstadt ist oft anders als die Antworten der CDU.

Woran denken Sie?

An das Betreuungsgeld zum Beispiel. In Hamburg melden über 90 Prozent der Eltern ihre drei- bis sechsjährigen Kinder für die Kindertagesstätte an. Da ist das Betreuungsgeld ein fatales Symbol, weil es völlig an der Lebenswirklichkeit der Leute vorbeigeht. Denen geht es doch vielmehr um die Fragen: Wie hoch sind die Kita-Preise? Wie lange die Wartezeiten? Wo ist die beste Kita?

Wie steht es um das Thema Integration?

Formal gesteht die CDU inzwischen zu, dass in Deutschland Zuwanderung stattfindet, das Tabuwort Einwanderung vermeidet man lieber. Da kann ich nur sagen: Natürlich ist Deutschland ein Einwanderungsland, natürlich gehören die Muslime zu Deutschland, was denn sonst. Die Frage ist nicht, ob ich das akzeptiere oder postuliere, sondern wie ich damit umgehe. Erdulde ich die Realitäten nur, rühme ich mich gönnerhaft meiner Toleranz - oder habe ich wirklich Respekt und Interesse?

Das kann man sich nicht antrainieren.

Ja, das ist da oder eben nicht.

Bei der Union ist es also nicht da?

Einige belehren doch lieber, statt Respekt zu zeigen.

Was kann man da machen?

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Das Gespräch mit Ole von Beust führten Timo Frasch und Volker Zastrow.

Quelle: F.A.S.
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