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Interview mit Markus Lewe : „Viertel schaffen, auf die man stolz ist“

Stadt als Großfamilie: Markus Lewe. Bild: Holde Schneider

Markus Lewe (CDU), Oberbürgermeister von Münster und neuer Präsident des Deutschen Städtetags, fährt bei Wind und Wetter täglich zehn Kilometer mit dem Fahrrad zur Arbeit und empfindet das als Lebensglück. Ein Gespräch über das Problem mit dem Verkehr, Überbevölkerung und ideologische Stadtpolitik.

          Herr Oberbürgermeister, Sie regieren in einer der wenigen Großstädte, in der die AfD offenbar keine Aussicht auf Erfolg hat. Bei Wahlen liegt sie hier unter fünf Prozent. Gibt es keinen Grund zum Protest in Münster?

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          In einer Stadt mit niedriger Arbeitslosigkeit, vielen jungen Leuten und keinem industriellen Umbruch haben wir natürlich wenig Protestpotential. Aber wir jubeln nicht darüber, sondern sehen das auch als Verpflichtung.

          Inwiefern?

          Die AfD ärgert die herkömmlichen Parteien durch den stillen Protest ihrer Wähler. Die sagen: Wir vertrauen euch nicht mehr. Da spielt viel mehr als nur die Frage eine Rolle, wie wir mit Geflüchteten umgehen. Leute, die ihr Leben lang hart malocht haben, die nicht zu den Wohlhabenden gehören, die sich Sorgen um ihre Rente machen, gleichzeitig aber sehen und hören, wie andere gigantische Geschäfte machen, die kann ich verstehen, wenn sie sagen: Mit Gerechtigkeit hat das nichts mehr zu tun. Die AfD ist deshalb auch Ausdruck einer sozialen Frage.

          Heißt das: Stadtluft macht unsicher?

          Dieser Frage müssen sich die Kommunen stellen. Das ist eine riesige Herausforderung. Wir sprechen immer nur vom Sterben der Dörfer. Was wir erleben, sind aber auch starke Veränderungen in Städten. Wir achten in den Städten sehr auf Lebensqualität und sichern sie so gut wie möglich. Dennoch gibt es Städte, wo es die manchmal fast schon großfamiliäre Einheit in Vielfalt nicht mehr gibt. Da wachsen die Unterschiede zwischen Arm und Reich, Einwanderern und Alteingesessenen, Edelvierteln und Brennpunkten. Das ist eine problematische Entwicklung.

          Ist Münster anders?

          Jede Stadt hat ihren ganz eigenen Mikrokosmos. Viele Leute fühlen sich heute von Großprojekten überrollt. Wir sagen deshalb in Münster und auch in anderen Städten: Lasst doch mal die Bürgerschaft mitgestalten. Das gilt auch für einen der wichtigsten Bereiche, den Städtebau. Wir haben mit Bürgerbeteiligung mit klaren Spiel- und Entscheidungsregeln gute Erfahrungen gemacht. Am Anfang schlägt auch hier der Verwaltung Misstrauen entgegen, auch Wut. Wenn sich Politik und Verwaltung zurücknehmen und die Bürger einbeziehen, entsteht Vertrauen, am Ende sogar Stolz. Wenn das Projekt – bei uns ging es um die Nutzung zweier ehemaliger Kasernengelände – dann in Gang kommt, können es die Leute gar nicht erwarten, dass es endlich fertig ist, denn es ist ja „ihr“ Projekt.

          Sie haben Stadtpolitik einmal zur ideologiefreien Zone erklärt. Welche Ideologien hatten Sie da im Blick?

          Zum Beispiel den großen Hype der sechziger Jahre, als man glaubte, die autogerechte Stadt bauen zu können. Gebäude wurden abgerissen, Lebensräume zerstört. Heute fragt man sich: Wozu? In den siebziger Jahren sollte dann bezahlbarer und moderner Wohnraum geschaffen werden. Schön und gut. Man hatte nur vergessen, dass Wohnen mehr ist als nur die vier Wände. Das Ergebnis waren Wohnsilos ohne städtebauliche Qualität. Dann kamen die Shopping-Center auf der grünen Wiese. Die Innenstädte verödeten, städtische Identität wurde nicht geschaffen, sondern zerstört. Oder nehmen Sie die „lärmfreie Stadt“. Wenn das heißt, dass Biergärten geschlossen werden, Kinder nicht mehr spielen und Kirchenglocken nicht mehr läuten dürfen, ist jede Stadt größer als ein Friedhof, aber doppelt so tot. Jetzt droht die „smart city“ zum großen Missverständnis zu werden.

          Wo lauert da die Ideologie?

          Die Digitalisierung bietet hervorragende Chancen. Sie kann helfen, unsere Lebenswelten in Städten und Regionen nachhaltiger zu gestalten. Digitalisierung entbindet uns aber nicht vom Nachdenken, vom Planen und Entscheiden über gute Lösungswege. Erst wenn diese Schritte erfolgt sind, können wir sagen, welche Form digitaler Hilfsmittel zu nachhaltigen Lösungen führt. Deshalb ist nicht alles, was sich „digital“ nennt, schon gut. Entscheidend ist, was im Vordergrund steht: der Mensch und die Lebensqualität oder die Technik. Ein Beispiel für sinnvolle Digitalisierung sind die Sharing-Modelle im Verkehr: weniger Fahrzeuge, mehr Platz, bessere Luft. Aber „smart city“ ist keine Zauberformel. Niemand spricht über die Fragilität, wenige über Resilienz. Das halte ich für grob fahrlässig.

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