Home
http://www.faz.net/-gpg-6yqnz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Kirchenpräsident Volker Jung „Das Tanzverbot ist für uns keine Bekenntnisfrage“

 ·  Nach Protesten an Karfreitag vor einem Jahr wird in Hessen über das Feiertagsgesetz diskutiert. Die evangelische Kirche ist gesprächsbereit und fordert einheitlichere Regeln in Deutschland.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (33)

Herr Kirchenpräsident, tanzen Sie gerne?

Ja.

Sind Sie sich sicher, dass Sie dabei nicht schon einmal gegen das hessische Feiertagsgesetz verstoßen haben?

Sie spielen damit wohl auf die Regelung an, dass öffentliche Tanzveranstaltungen in Nächten von Samstag auf Sonntag ab 4 Uhr untersagt sind. Es kann in der Tat sein, dass ich früher das eine oder andere Mal um diese Uhrzeit noch auf Veranstaltungen war, wo getanzt wurde.

Warum macht das Feiertagsgesetz in Hessen so viel Aufhebens um das Tanzen?

Tanzen steht für ausgelassenes und lautes Feiern. Das Gesetz stammt aus dem Jahr 1952. Damals waren Tanzveranstaltungen - insbesondere auf dem Land - deutlich hörbare Veranstaltungen in Zelten und Sälen.

Sehen Sie Reformbedarf beim Feiertagsgesetz?

Wir verschließen uns Diskussionen darüber nicht. Gerade über das Tanzverbot an normalen Sonntagen von 4 bis 12 Uhr. Uns geht es an den normalen Sonntagen darum, dass der Gottesdienst nicht durch laute Parallelveranstaltungen gestört wird. An den sogenannten stillen Feiertagen hingegen, ich nenne als Beispiel den Karfreitag, halte ich auch das Verbot von öffentlichen Tanzveranstaltungen weiterhin für richtig.

Wie begründen Sie das?

Der Karfreitag steht für einen bestimmten Inhalt - und erst dadurch wird er zu einem Feiertag, sonst wäre er ein ganz normaler Arbeitstag. Deshalb ist es sinnvoll, diese Tage gesamtgesellschaftlich auszugestalten.

Das soll dann auch für Nichtchristen gelten?

Ja, an den stillen Feiertagen schon.

Ist das einem weltanschaulich neutralen Staat angemessen?

Ich glaube schon, denn diese Tage haben nicht nur eine Bedeutung für Gläubige. Und die persönliche Freiheit des Einzelnen bleibt gewahrt, denn die Regelungen betreffen ausschließlich öffentliche Veranstaltungen. Das Tanzen im Privatbereich wollte man schon 1952 ganz explizit nicht reglementieren. Wie eine Gesellschaft ihre Feiertage gestalten will - egal ob religiöse, nationale oder historische -, muss sie herausfinden. Sie benötigen in jedem Fall eine möglichst breite kulturelle Akzeptanz.

Welchen Sinn kann denn der Karfreitag für einen Nichtchristen machen?

An Karfreitag richtet sich der Blick auf das Kreuz Christi - der Tag regt zur Besinnung über Tod und Leid an, aber auch darauf, dass Menschen Opfer von Hass und Gewalt werden. Es ist gut, dass eine Gesellschaft für diese Fragen Raum schafft. Wir als Kirche werden dieses Jahr mit einer Aktion versuchen, diese Inhalte öffentlich ins Bewusstsein zu rufen.

Im vergangenen Jahr gab es auf dem Römer in Frankfurt einen Flashmob gegen das Tanzverbot an Karfreitag. Etwa tausend Leute haben nach einem Aufruf der Grünen Jugend zur Todesstunde Jesu vor einer Kirche zu Kopfhörermusik getanzt.

Für diese Aktion habe ich kein Verständnis. Das war unangemessen.

Die Veranstaltung war nicht angemeldet, und sie war auch nicht, wie versprochen, still. Die Menge, zu der auch Punker gehörten, war in den umliegenden Kirchen zu hören. Eine Karfreitagsprozession soll angefeindet worden sein. Hätten die Behörden hier durchgreifen müssen?

Es wäre nicht richtig gewesen, mit Gewalt dagegen vorzugehen. Wünschenswert allerdings wäre ein deutliches Signal der Behörden gewesen, dass diese Aktion schlicht nicht angemessen ist - was bei Flashmobs naturgemäß nicht einfach ist.

Wie verhält sich der Flashmob zu der Toleranz, von der die Grünen sprechen?

Es waren nicht die Grünen, sondern die Grüne Jugend...

... allerdings haben sich die Grünen von der Aktion nicht distanziert. Sarah Sorge, grüne Vizepräsidentin des Landtags und künftige Frankfurter Schuldezernentin, hatte sogar selbst dazu aufgerufen.

Wir haben darauf das Gespräch mit den Grünen gesucht. Mein Eindruck ist: Unsere Botschaft ist angekommen.

Inwiefern?

In den nun von den Grünen vorgelegten Eckpunkten zur Novellierung des Feiertagsgesetzes heißt es ausdrücklich, dass es an stillen Feiertagen wie Karfreitag, Totensonntag und Volkstrauertag kein „Halli-Galli“ geben soll.

Die Regelungen, was an Feiertagen erlaubt ist und was nicht, unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland erheblich.

Ja. Einheitliche Regelungen wären wünschenswert. Im Moment liegen die Dinge so weit auseinander, dass wie hier in Hessen manches wie das Tanzen zur Bekenntnisfrage hochstilisiert werden kann, während das etwa an normalen Sonntagen in anderen Bundesländern gar kein Thema ist.

Volker Jung ist Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Die Fragen stellte Reinhard Bingener.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren (8) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Uni mit 17 Ohne Mama gibts keinen Mietvertrag

Die Abiturienten werden immer jünger und einige wollen sofort studieren. Wie sie sich als Minderjährige im Archäologiestudium durchschlägt, erzählt die 17 Jahre alte Katharina Zerzeropoulos. Mehr

21.04.2014, 03:00 Uhr | Beruf-Chance
Organisierter Massenauflauf „Flashmobs“ im Arbeitskampf sind verfassungsgemäß

Volle Einkaufswagen überall im Laden, lange Schlangen an den Kassen: 2007 sorgte ein Flashmob in einem Berliner Supermarkt für Chaos. Die Aktion war im Rahmen des Arbeitskampfes rechtens, urteilt nun das Bundesverfassungsgericht. Mehr

09.04.2014, 10:56 Uhr | Wirtschaft
Im Gespräch: Jo Schindler, Thomas Dieckhoff und Bernd Moos-Achenbach „Jeder wildert im Bereich des anderen“

Die Macher der drei großen Frankfurter Sportevents Marathon, Ironman und Radrennen über heikle Konkurrenzsituationen, soziale Komponenten und die Jagd nach neuen Rekordmarken. Mehr

13.04.2014, 09:30 Uhr | Rhein-Main

28.03.2012, 09:37 Uhr

Weitersagen